Vertriebene Warten auf die Luftbrücke

In einem dramatischen Wettlauf mit der Zeit versucht die Nato den Massenexodus und das Elend der Kosovo-Albaner mit massiven militärischen und humanitären Einsätzen zu stoppen. 100.000 Menschen sollen in die Nato-Länder ausgeflogen werden. Allerdings mehren sich kritische Stimmen gegen eine Evakuierung.


Brüssel/Hamburg - Mit großangelegten Hilfsaktionen haben die Nato-Staaten am Osterwochenende damit begonnen, das Flüchtlingselend an den Grenzen des Kosovos einzudämmen. Die Nato will rund 100.000 Flüchtlinge aus der Region in Länder des Bündnisses ausfliegen, wo sie vorübergehend aufgenommen werden sollen. Allerdings mehrten sich über Ostern kritische Stimmen gegen eine solche Luftbrücke. In Deutschland sind laut Bundesinnenministerium Vorbereitungen zur Aufnahme von rund 10.000 Flüchtlingen angelaufen. Die Bundeswehr verdoppelte die Zahl ihrer Hilfsflüge in die Region. Schätzungen der Nato zufolge sind 325.000 Kosovo-Albaner vor den Serben in Nachbarstaaten geflüchtet.

Warten auf Hilfe
DPA

Warten auf Hilfe

Nach dem italienischen Ministerpräsidenten Massimo D'Alema sprach sich auch die EU-Flüchtlingskommissarin Emma Bonino gegen die Aufnahme von Kosovo-Flüchtlingen in EU-Staaten aus. Der französische Außenminister Hubert Vedrine sagte, die Aufnahme von Flüchtlingen habe für sein Land "keine Priorität". Regierungschef Lionel Jospin erklärte sich später zu einer vorübergehenden Aufnahme von Flüchtlingen bereit. In Deutschland sagte der designierte hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", das Land sei bereits an der Grenze der Aufnahmekapazität angelangt. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen (CDU), sagte der "Berliner Zeitung", alle Bundesländer seien sich einig, daß die Bundesregierung die Verantwortung für Finanzierung und Unterbringung übernehmen müsse, die Aufteilung der Flüchtlinge in Deutschland sei jedoch umstritten. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) bekräftigte, eine Aufnahme in Deutschland sei der letzte Ausweg. Nato-Sprecher Jamie Shea hatte in Brüssel angegeben, mehrere Nato-Staaten hätten sich zur vorübergehenden Aufnahme von Vertriebenen bereiterklärt. Deutschland werde 40.000 aufnehmen, die Türkei und die USA je 20.000, Norwegen 6.000, Kanada 5.000. Österreich erklärte sich Presseberichten zufolge zur Aufnahme von 5.000 Kosovo-Flüchtlingen bereit. Auch die Schweiz will Vertriebene aufnehmen. Die Türkei und Griechenland, das zur Aufnahme von 5.000 Flüchtlingen bereit ist, wollen bei der Lösung der humanitären Krise zusammenarbeiten. Dies sei in einem Gespräch der beiden Außenminister vereinbart worden, hieß es in Athen.

Die mazedonische Regierung erklärte ihre Bereitschaft, Tausende Flüchtlinge im Niemandsland an der jugoslawischen Grenze in einem Lager aufzunehmen. Die Zeltstadt wird von der Nato gebaut. Mit der Luftbrücke zur Versorgung der Flüchtlinge wurde am Sonntag begonnen, aus Deutschland und Frankreich starteten auch am Montag Maschinen. Nach Angaben des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge befanden sich am Montag 226.000 Flüchtlinge in Albanien, 120.000 in Mazedonien und 35.000 in Montenegro. Laut Shea waren weitere 200.000 bis 300.000 Flüchtlinge auf dem Weg nach Albanien oder Mazedonien. Wenn dies so weitergehe, sei das Kosovo in zehn bis 20 Tagen entvölkert, hieß es.



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