Vertuschungsvorwurf Kommandeure sollen von Haditha-Massaker gewusst haben

Neue schwere Anschuldigungen: US-Kommandeure haben einem Zeitungsbericht zufolge schon nach zwei Tagen von dem Massaker von Haditha erfahren. Jetzt soll untersucht werden, ob ranghohe Offiziere den Vorfall vertuscht haben.


New York - Die Kommandeure in Haditha wussten laut "New York Times", dass die in Haditha getöteten 24 Zivilisten von Marine-Infanteristen erschossen wurden und nicht durch einen Anschlag starben. Sie hätten dennoch keinen Anlass gesehen, den Vorfall weiter zu untersuchen.

Getrocknetes Blut in einem der Häuser in Haditha: Das Bild wurde zwei Tage nach den Erschießungen gemacht
AP

Getrocknetes Blut in einem der Häuser in Haditha: Das Bild wurde zwei Tage nach den Erschießungen gemacht

Der Zeitung zufolge befasst sich die interne Untersuchung mit dem Verhalten des Führungspersonals in Haditha. Es werde untersucht, ob ranghohe Offiziere in Haditha den Vorfall zu vertuschen suchten oder die Hinweise ignorierten, dass die

Zivilisten absichtlich getötet wurden. Es bestehe der Verdacht, dass einige Offiziere die Lücken und Widersprüche in den Berichten der Soldaten bewusst ignorierten.

Ein hochrangiger US-Offizier sagte der Zeitung, die Kommandeure hätten den Ermittlern des Haditha-Vorfalls mitgeteilt, sie hätten die ersten Unstimmigkeiten der einzelnen Berichte über die Todesursache der Zivilisten nicht als ungewöhnlich angesehen. Zudem hätten keine Hinweise darauf vorgelegen, dass die Iraker willkürlich getötet worden seien.

"Man kann nicht glauben, dass sie es nicht gewusst haben", sagte ein namentlich nicht genannter US-General der Zeitung. "Es muss klar gewesen sein, dass die Sache stinkt."

Die US-Armee hatte zunächst erklärt, die Zivilisten in Haditha seien bei einem Bombenanschlag Aufständischer ums Leben gekommen. Medien meldeten jedoch Zweifel an der offiziellen Darstellungsweise an. Daraufhin waren im November Vorermittlungen angelaufen. Untersucht wird unter anderem, ob US-Soldaten ein Massaker als Reaktion darauf anrichteten, dass ein Kamerad bei einem Anschlag in nächster Nähe getötet wurde.

Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki verurteilte den Vorfall in Haditha als "schreckliches Verbrechen". Der "New York Times" sagte er: "Sie haben sie mit ihren Fahrzeugen zerquetscht und auf Verdacht getötet. Das ist vollkommen inakzeptabel." US-Präsident George W. Bush kündigte eine lückenlose Aufklärung an.

Ischaki: US-Militär sieht kein Fehlverhalten

Haditha ist nicht der einzige Fall, in dem derzeit wegen der angeblichen Tötung irakischer Zivilisten durch US-Soldaten ermittelt wird. Untersuchungen waren etwa auch wegen der mutmaßlichen Tötung von Zivilisten im irakischen Ischaki eingeleitet worden. Am Freitag sprach das US-Militär Soldaten jedoch vom Vorwurf frei, eine Familie in einem Haus regelrecht hingerichtet und dann versucht zu haben, dies mit Verweis auf einen Luftangriff zu vertuschen. Eine Untersuchung habe kein Fehlverhalten ergeben, die Soldaten hätten sich bei dem Einsatz im März in Ischaki an die Vorschriften gehalten, hieß es in einer Erklärung des Militärs.

Die Behauptungen zur Exekution einer Familie und zur anschließenden Vertuschung der Tat seien "absolut falsch", sagte Pentagon-Sprecher William Caldwell gestern dem britischen Sender BBC. Die Untersuchung habe ergeben, dass der Einsatz "in Übereinstimmung mit den Regeln" der Kampftruppen im Irak gestanden habe. Die BBC hatte zuvor ein Video veröffentlicht, das nach irakischen Polizeiangaben auf ein Massaker von US-Soldaten an irakischen Zivilisten hindeutet. Darin sind elf Tote mit Schusswunden zu sehen, unter ihnen Frauen und Kinder.

Neben der BBC berichteten auch US-Sender und -Zeitungen, dass eine Untersuchung die Soldaten von dem Verdacht befreit habe. US-Behörden hatten der BBC zufolge bislang angegeben, dass bei einem Schusswechsel mit US-Soldaten in Ischaki ein Haus eingestürzt sei. Dabei seien vier Menschen getötet worden, zwei Frauen, ein Kind und ein mutmaßlicher Extremist. In einem Bericht der irakischen Polizei hieß es dagegen, die US-Soldaten hätten die Menschen zusammengetrieben und willkürlich elf von ihnen erschossen.

General ruft zu Moral auf

Angesichts der aktuellen Vorwürfe rief der oberste US-General im Irak seine Soldaten zu moralischem Verhalten auf. In einem Brief von General George W. Casey heißt es, die kämpfenden Truppen hätten oft schwierige Entscheidungen in gefährlichen Situationen zu treffen. "Aber die Einhaltung der Rechtsprinzipien für bewaffnete Konflikte ist für jede militärische Organisation fundamental." Der Brief datiert vom Donnerstag und wurde vom Sender ABC News verbreitet.

Die Einhaltung der Gesetze und ein ethisches Verhalten während der Einsätze seien von zentraler Bedeutung für den Kampf gegen Aufständische und Terroristen im Irak. Der General ordnete für alle Soldaten im Irak ein Training für moralische Standards im Kampf an.

dab/reuters/AFP/AP



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.