Von Benjamin Bidder, Moskau

Stalin-Porträt bei Kundgebung in Moskau (im Jahr 2005): "Inbrünstige Verehrung des Diktators"
"Stalin", sagt Leonid Schura über den einst so mächtigen sowjetischen Diktator, "war auch nur ein einfaches Mitglied im Zentralkomitee, er hatte auch nur eine Stimme." Im karierten Jackett, mit rot-gestreifter Krawatte und im blauen Hemd tritt der Anwalt des Stalin-Enkels Jewgenij Dschugaschwili vor dem tristen Gebäude des Basmanij Bezirksgerichts vor die Kameras. Er nimmt den "Generalissimus" in Schutz. Stalin, beteuert Schura, hätte sich allein nie gegen die Macht der Parteikader stemmen können.
"Stalin und die Tschekisten (sowjetische Geheimdienstler, Anm. d. Redaktion) stehen für Ströme von Blut, für schwerste Verbrechen, vor allem gegen das eigene Volk." Diesen Satz druckte die Zeitung "Nowaja Gaseta" im April dieses Jahres in einer Sondernummer über die Gulag genannten sowjetischen Internierungslager und den stalinschen Terror. Jetzt muss sich die Redaktion dafür vor Gericht verantworten. Jewgenij Dschugaschwili hat die Zeitung wegen vermeintlicher Verunglimpfung seines prominenten Vorfahrens verklagt. Dschugaschwili, der aufgrund seiner frappierenden Ähnlichkeit bereits in einem Film den Kommunistenführer verkörperte, fordert satte zehn Millionen Rubel - umgerechnet 220.000 Euro.
Damit geht das Ringen um die Deutung eines düsteren Abschnitts der russischen Geschichte in eine neue Runde. Seit Jahren mahnen russische Menschenrechtsorganisationen und Journalisten der "Nowaja Gaseta" eine Aufarbeitung des Terrors unter Stalin an - doch sie stoßen meist auf taube Ohren. Patriotisch gesinnte Russen preisen nicht selten die Verdienste Stalins für das Vaterland, etwa den Sieg über Hitlerdeutschland. Kommunistenführer Gennadi Sjuganow, immerhin Führer der größten Oppositionspartei in der Staatsduma, preist gern die Vorzüge jener Zeit, in der angeblich "noch jede Putzfrau in alle Winkel des Landes reisen konnte".
"Strahlendste Periode, die unser Land durchlebte"
Gefolgsleute des KP-Führers schickten bei den Präsidentschaftswahlen 2008 gar Schauspieler mit markantem Schnauzer und in Stalin-Montur auf die Straße und verkündeten: "Er hat versprochen zurückzukommen." Die Massenverhaftungen und Exekutionen, denen allein während des Terrors der dreißiger Jahre Hunderttausende zum Opfer fielen, verschweigt Sjuganow dabei.
Auch der Ex-Präsident und heutige Premier Wladimir Putin trauert dem untergegangenen roten Reich nach, er sieht im Zerfall der Sowjetunion die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Kritik am weich gewaschenen Geschichtsbild des Kremls wird als "Geschichtsfälschung" diffamiert, seit diesem Jahr ermittelt gar eine eigens geschaffene Kommission in solchen Fällen.
Jetzt also zieht Stalins Enkel Jewgenij, 73, dessen Vater Jakob 1943 in deutscher Kriegsgefangenschaft ums Leben kam, gegen die regierungskritische "Nowaja Gaseta" vor Gericht. Der pensionierte Oberst der Sowjetarmee kämpft nicht zum ersten Mal für Erbe und Ehre des geliebten Opas: 1999 kandidierte Dschugaschwili für den "Stalinschen Block" und wetterte, zu Großvaters Zeiten habe vorbildliche Ordnung geherrscht und der Rubel sei "mehr wert gewesen als der amerikanische Dollar". In Interviews rühmte er die Regentschaft des "Woschd" als "die strahlendste Periode, die unser Land durchlebte".
Mausefalle für Stalin
Jetzt ficht der Enkel des totalitären Herrschers ausgerechnet gegen eine der letzten Bastionen der Pressefreiheit. Die Reporter der "Nowaja Gaseta", für die einst auch die ermordete Anna Politkowskaja schrieb, haben sich durch investigative Recherchen und furchtlose Kritik an den Mächtigen einen Namen gemacht. Nun schicken sie sich an, den Spieß im Stalin-Prozess umzudrehen: Gemeinsam mit der Menschenrechtsorganisation Memorial wollen sie den Vorwurf der Verunglimpfung entkräften - und anhand historischer Dokumente die Schuld Stalins zweifelsfrei beweisen.
Sollte das Basmanij Bezirksgericht in Moskau am Dienstag beschließen, die Klage Dschugaschwilis weiterzuverfolgen, dann könnte über dem Enkel mit seiner inbrünstigen Verehrung des Großvaters jene Mausefalle zuschnappen, die er selbst gespannt hat.
"Das", betont auch Memorial-Chef Arseni Roginskij, "wäre dann eine richtig gute Gelegenheit, endlich einen Musterprozess über den stalinschen Terror zu führen. Dann hätten wir endlich eine juristische Bewertung wenigstens einiger Verbrechen Stalins. So etwas gibt es bis heute in Russland nicht."
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