Anti-Terror-Einsatz in Belgien "Unmittelbar bevorstehende Attentate"

Im ostbelgischen Verviers hat es einen Großeinsatz der Polizei gegen mutmaßliche Dschihadisten gegeben - dabei starben zwei Menschen, einer wurde verletzt. Laut Staatsanwaltschaft gab es Anhaltspunkte für eine akute Bedrohung.

DPA

Von , Brüssel


Verviers/Brüssel - Die Terrorangst von Paris war im nahen Belgien gefühlt längst angekommen. Seit Tagen spekulierten lokale Zeitungen etwa, ob die französischen Attentäter ihre schweren Waffen im berüchtigten Brüsseler Bahnhofsviertel erworben hätten. Seit Jahren hat das kleine Land mit nur 11 Millionen Einwohnern Probleme mit radikalen Islamisten.

Nun scheint diese Bedrohung Gewissheit geworden zu sein: Nach Angaben der belgischen Staatsanwaltschaft hat es am späten Donnerstagnachmittag im ostbelgischen Verviers - rund 25 Kilometer von Aachen entfernt - einen Anti-Terror-Einsatz gegeben. Zwei Menschen starben, einer wurde verletzt.

Es habe konkrete Anhaltspunkte über "unmittelbar bevorstehende Attentate" gegeben, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Medienberichten zufolge unternahm die Polizei Zugriffe bei mutmaßlichen Syrien-Heimkehrern. Diese seien vor kurzer Zeit aus dem Nahen Osten zurückgekommen und von den Sicherheitsbehörden überwacht worden.

Drei der Verdächtigen seien in Verviers mit automatischen Waffen auf die Polizei zugestürmt, woraufhin sie erschossen beziehungsweise verwundet wurden. Kein Polizist kam zu Schaden.

Noch keine Verbindung nach Frankreich

Nach Informationen der belgischen Tageszeitung "Le Soir" lösten Informationen aus Überwachungsgeräten in den Wohnungen und Wagen der Verdächtigen die massive Polizeiaktion aus.

"Le Soir" berichtet weiter, noch lägen keine Hinweise auf Verbindungen zwischen der Aktion in Verviers und den Ereignissen in Frankreich vor. Auch in Brüssel und in Hal-Vilvorde schwärmten belgische Polizisten aus. Laut Medienberichten nahmen sie dabei mehrere Personen fest - darunter einen Mann, der unter Verdacht steht, Waffen an Amedy Coulibaly geliefert zu haben. Coulibaly hatte in der vergangenen Woche in einem jüdischen Supermarkt in Paris vier Menschen erschossen.

Die muslimische Gemeinde ist in Belgien mit rund 400.000 Mitgliedern die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass die lokale Dschihadisten-Szene auf die Größe des Landes gerechnet schlagkräftiger ist als in Frankreich. Die lokalen Behörden gehen von mindestens 400 "Gefährdern" aus, also gewaltbereiten Islamisten.

Besonders in der Hauptstadt Brüssel gilt zudem das Verhältnis der stetig wachsenden muslimischen Gemeinschaft zu jüdischen Mitbürgern als gespannt. Bei einem tödlichen Attentat am 24. Mai auf das Jüdische Museum in Brüssel zeigte sich Hass: Damals hatte ein Mann ein israelisches Touristenpaar, eine Französin und einen Belgier erschossen.

Der mutmaßliche Täter, der algerisch-stämmige Franzose Mehdi Nemmouche, war sechs Tage nach dem Verbrechen in Südfrankreich festgenommen und später nach Belgien ausgeliefert worden. Der 29-Jährige soll als selbst ernannter "Gotteskrieger" zuvor in Syrien gekämpft haben.

Die belgischen Behörden haben gegen Nemmouche inzwischen Anklage wegen Mord in einem terroristischen Kontext erhoben. Der Verdächtige soll mehr als ein Jahr in Syrien an der Seite islamistischer Kämpfer verbracht haben - angeblich folterte er in dieser Zeit auch Geiseln. Zuvor war er in Frankreich unter anderem wegen Raub mehrfach verurteilt worden. Bei seinem letzten Gefängnisaufenthalt zwischen 2007 und 2012 radikalisierte er sich offenbar.

Nun befindet sich nach Frankreich auch Belgien im Alarmzustand, die Terrorismuswarnung wurde erhöht. Die Polizei setzte ihren Einsatz fort. Ministerpräsident Charles Michel, der angesichts der maroden Wirtschaftslage des Landes einen harten Sparkurs verfolgt, hat bereits klargestellt: "Bei der nationalen Sicherheit wird es keine Kürzungen geben."

Mit Material von dpa



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