Skandal um kranke US-Veteranen: Zum Sterben auf die Warteliste

Von , New York

Kranke US-Veteranen: Ausgedient, ausgemustert, abgeschoben Fotos
AP/ The Advocate-Messenger

Amerika feiert seine Soldaten als Helden - doch einmal ausgedient, werden sie allein gelassen. Das zeigt ein neuer Skandal um Kriegsversehrte in Arizona. Dort mussten Veteranen zu lange auf lebensrettende Behandlungen warten.

Thomas Breens Gesundheit war nie die beste. Doch als der 71-jährige US-Marineveteran Blut im Urin hatte, drängte ihn seine Familie wegen Krebsverdachts zur Arztvisite. Breen beharrte darauf, sich nicht in einem regulären Krankenhaus behandeln zu lassen, sondern nur in einer Klinik des Veteranenministeriums (VA). Das wollte er so, als Soldat.

Es war sein Todesurteil.

Ende September 2013 ließ sich Breen von seinem Sohn ins nächste VA-Hospital bringen, nach Phoenix im Bundesstaat Arizona. Er wurde untersucht - und unverrichteter Dinge wieder heimgeschickt. Die Ärzte vertrösteten ihn: Er stehe auf der Warteliste für einen Folgetermin.

Wochen verstrichen, dann Monate. "Am Ende litt er sehr", sagte Breens Sohn Teddy zu CNN. Sein Vater habe geweint: "Lass mich nicht sterben." Trotzdem erlag Breen am 30. November vergangenen Jahres seinem Leiden - Blasenkrebs im fortgeschrittenen Stadium.

Vier Tage später bekam er einen VA-Termin.

Thomas Breen ist kein Einzelfall. Sein Schicksal steht für einen ausufernden Skandal um die heillos überlastete Veteranenbetreuung in den USA. Allein in Phoenix starben nach jüngsten CNN-Recherchen mindestens vierzig kranke Kriegsheimkehrer, nachdem sie auf Wartelisten abgeschoben worden waren.

Amerika lässt die Soldaten nach ihrer Rückkehr oft im Stich

Schlimmer noch: Die Phoenixer Klinik soll die Missstände seit Jahren mit gefälschten E-Mails und doppelter Buchführung vertuscht haben. Auch das ist keine Ausnahme: VA-Generalinspekteur Richard Griffin ermittelt inzwischen landesweit gegen 26 Einrichtungen.

Die Affäre, von CNN und der Zeitung "Arizona Republic" enthüllt, offenbart eine empörende Diskrepanz: Amerika feiert seine Soldaten als Helden, nutzt sie für seine Propaganda - und lässt sie nach ihrer Rückkehr von Front und Heimatdienst oft im Stich. Armut, Obdachlosigkeit, Selbstmorde: Vor allem die "Vets" der Irak- und Afghanistan-Kriege trifft es schwer.

Amerikas Veteranen-Verwaltung ist eine aufgeblähte Bürokratie, die rund 1700 Krankenhäuser, ambulante Kliniken und Pflegeheime managt. Ihre 6,5 Millionen Patienten im Jahr - davon allein 757.000 Veteranen der Kriege seit 9/11 - finden sich immer wieder ohne Unterstützung wieder.

"Eine nationale Tragödie", empörte sich der Bürgerrechtler Al Sharpton am Donnerstag im Kabelsender MSNBC. In der Kritik stand zunächst nur US-Veteranenminister Eric Shinseki, 71. Selbst ein Kriegsversehrter, der in Vietnam einen Teil seines rechten Fußes verlor, hat sich Shinseki bisher allen Rücktrittsforderungen verweigert.

Doch immer mehr gerät auch Präsident Barack Obama unter Druck. Der ließ über seinen Stabschef Denis McDonough erst streuen, er sei "mehr als fuchsteufelswild", dann trat er am Mittwoch vor die Presse - und wirkte zögerlich.

So konnte er sich nicht mal durchringen, die dokumentierten Horrorfälle anzuerkennen - sondern sprach nur im typisch-zaghaften Konjunktiv: "Bestätigen sich diese Vorwürfe, wäre das unehrenhaft, es wäre beschämend, und ich würde es nicht tolerieren."

Obama bekommt Kritik von allen Seiten

Dabei ist die Toleranzgrenze längst überschritten. Immer neue Fälle werden bekannt. So sollen allein in Phoenix bis zu 1600 Kriegsversehrte monatelang vergeblich auf einen Arzt gewartet haben. Etwa Edward Laird, 76, der wegen zwei Hautflecken auf seiner Nase eine Biopsie brauchte. Nach zwei Jahren bekam er den Termin - zu spät: Die halbe Nase musste amputiert werden.

Nun muss sich Obama von allen Seiten Kritik gefallen lassen - von Republikanern wie Demokraten. Die Konservativen wittern ein Musterbeispiel für die unfähige Regierung, die Linksliberalen sind entsetzt über den Verrat an den Soldaten. Am schlimmsten aber wettern die Veteranenverbände: Obama sei "eine enorme Enttäuschung", erklärten die "Iraq and Afghanistan Veterans of America".

Der Zeitpunkt für Schadensbegrenzung ist lange vorbei. "Empörung kundzutun, ist kaum mehr genug", kritisierte selbst die "New York Times" Obama in einem Leitartikel - zumal er schon 2008 als Präsidentschaftskandidat geschworen hatte, die VA zu reformieren.

Der Kongress hatte sich ebenfalls schon vor einiger Zeit eingeschaltet, doch erst jetzt kocht auch dort die Wut so richtig hoch. Die bekannten Vorwürfe seien "nur die Spitze des Eisbergs", sagte der Republikaner Jeff Miller, der dem Veteranenausschuss im Repräsentantenhaus vorsitzt und Anhörungen angesetzt hat.

Drei VA-Beamte, die Miller schon am Donnerstag ins Kapitol gebeten hatte, erschienen nicht. Ihre Ausrede: Sie hätten nicht ausreichend Zeit gehabt, sich vorzubereiten.

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insgesamt 45 Beiträge
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1. In den USA ...
Freischaerler 23.05.2014
Zitat von sysopAP/ The Advocate-MessengerAmerika feiert seine Soldaten als Helden - doch einmal ausgedient, werden sie allein gelassen. Das zeigt ein neuer Skandal um Kriegsversehrte in Arizona. Dort mussten Veteranen zu lange auf lebensrettende Behandlungen warten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/veteranen-in-den-usa-skandal-um-schlechte-krankenversorgung-a-971246.html
... sind Menschen nur Wegwerfware. Außer den 400 Superreichen natürlich.
2. ...wenn wir das gewußt hätten...
prisma-4d 23.05.2014
...das Krieg so schädlich ist... man müsste ihn eigentlich verbieten. Aber Krieg ist doch gut, für die Wirtschaft, für die Macht, für die Politik, für die Wissenschaft, für den technischen Fortschritt... nur nicht für die Menschen. Aber... ist das wichtig? Fragen wir den Bundespräsidenten, den Aussenminister, die Verteildigungsministerin... die werden schon wissen was wichtig ist.
3. o.k., what's new?
umegubbe 23.05.2014
Wie wär's mit: Krankenversicherung wie in einem zivilisierten Land, weniger Geld um Hochzeiten zu bombardieren, um andere auszuspionieren, und für private Waffen und dicke Karren? Nee das geht natürlich nicht, so zahlen auch die Veteranen den Preis.
4. Entspricht dem.....
curti 23.05.2014
Zitat von sysopAP/ The Advocate-MessengerAmerika feiert seine Soldaten als Helden - doch einmal ausgedient, werden sie allein gelassen. Das zeigt ein neuer Skandal um Kriegsversehrte in Arizona. Dort mussten Veteranen zu lange auf lebensrettende Behandlungen warten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/veteranen-in-den-usa-skandal-um-schlechte-krankenversorgung-a-971246.html
.....Prinzip der neoliberalen Ökonomie, die auch vor dem Humanismus nicht anhält - ist der Nutzwert dahin wird kostengünstig abgewickelt. Traurig, aber deutlich zunehmend Realität!
5. Wie wir auch
hermann_huber 23.05.2014
Man sieht die Fehler bei anderen viel besser als bei sich. Auch wenn sich die USA sicher nicht perfekt verhält; Macht Deutschland doch genau so mit seinen psychisch kranken Soldaten. Mit den afghanischen BW Helfern die als Übersetzer für uns gearbeitet haben gehen wir sogar noch beschissener um. Während z.B. die USA vorbildlich agiert. Will der Spiegel einfach nur eine anti amerikanische Plattform sein.
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