Terror in London Der Mörder, der sich filmen ließ

Der Anschlag auf einen britischen Soldaten in London markiert eine Zäsur: Erstmals erläutert ein Attentäter die Motive für seine Tat in einem Video, das ein Unbeteiligter aufnimmt. Die Bilder verbreiten sich in Windeseile.

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REUTERS/ itvnews


London/Hamburg - Es ist eine Szene, die von jedem Drehbuchautoren als unrealistisch abgetan würde: Ein Mensch liegt am helllichten Tag regungslos auf einer Straße in London, nur wenige Meter entfernt fuchtelt ein Mann mit einem Schlachtermesser und spricht eindringlich, aber doch ruhig in die Kamera. Seine Hände sind blutgetränkt. Im Hintergrund laufen seelenruhig Passanten mit Einkaufstüten durchs Bild. Irgendwo steht auch noch ein Auto, das gegen eine Straßenlaterne gekracht ist.

Doch diese Szene entstammt keinem B-Movie, sondern zeigt die Realität an einem Mittwochnachmittag in Woolwich, einem Stadtteil im Südosten Londons. Die Bilder hat ein Augenzeuge mit seiner Handykamera aufgenommen.

Der 11. September 2001 war eine Zäsur, in vielerlei Hinsicht. Eine davon: Der Angriff auf das New Yorker World Trade Center und das Pentagon in Washington war der erste Anschlag, der in Echtzeit im Fernsehen übertragen wurde. Auch der 22. Mai 2013 hat in dieser Hinsicht eine neue Ebene erreicht: Die tödliche Attacke auf den britischen Soldaten in London entfaltet ihren ganzen Schrecken erst durch das Handyvideo, das die Augenblicke nach dem Mord festhält.

Der Journalist Christian Baulig hat 2004 den Begriff der "Massenbelichtungswaffe" geprägt. Er spielte damals auf den Einfluss von Kriegsbildern aus dem Irak auf die westliche Öffentlichkeit an. Die Handybilder aus Woolwich haben eine ähnliche Wirkung.

Attentäter bezogen Passanten mit ein

Die Täter haben offenbar gezielt die Öffentlichkeit gesucht. Sie schlugen nicht im Schutz der Dunkelheit zu, sondern attackierten den Soldaten am Nachmittag in einer belebten Wohngegend. Dass Passanten die Tat mitansahen, haben sie nicht nur in Kauf genommen, sondern mit ins Kalkül gezogen.

"Muslime werden täglich von britischen Soldaten getötet", sagt einer der Täter, "und dieser britische Soldat steht für Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wir schwören bei Allah, dem Allmächtigen, wir werden nicht aufhören, euch zu bekämpfen, bis ihr uns in Ruhe lasst."

"Wir" - das sind in den Augen des Attentäters die Muslime in aller Welt. Er scheint fest davon überzeugt zu sein, im Namen des Koran, des Propheten Mohammed und der 1,5 Milliarden Menschen muslimischen Glaubens zu handeln. Deshalb sagt er auch: "Verlasst unsere Länder, und ihr könnt in Frieden leben." Dieser Satz ist besonders absurd, weil die beiden Angreifer nach Angaben Londoner Behörden zwar nigerianischstämmig sind, aber in Großbritannien aufgewachsen und britische Staatsbürger sind.

Merkwürdig ist jedoch, dass der Mann nur Sekunden später fordert, "unsere Truppen" müssten zurückgezogen werden. Hier spricht er offensichtlich von britischen Soldaten als "unseren Truppen".

Dennoch identifizieren sich die Attentäter offenbar in erster Linie über ihren islamischen Glauben, betrachten Staaten wie Afghanistan und Irak, in die sie höchstwahrscheinlich noch nie einen Fuß gesetzt haben, als "unsere Länder". Großbritannien ist für sie Feindesland.

Der Anschlag von Woolwich ist der bisher erste, bei dem der Attentäter sein Bekennerschreiben einem unbeteiligten Dritten ins Handymikrofon diktiert, wenig später war das Video weltweit zu sehen.

Alle britischen Medien zeigten die Bilder und den kruden O-Ton des Attentäters zunächst unkommentiert. Der Londoner Journalismusprofessor Ray Greenslade verteidigte die Veröffentlichung der Bilder. Die Aufnahmen hätten sich ohnehin schon über die sozialen Netzwerke verbreitet, die Fernsehsender und Zeitungen hätten also "komplett bescheuert" sein müssen, wenn sie das Video ignoriert hätten.

Es sei nicht die Aufgabe der Medienmacher, ihre Leser vor den Schwachsinnigen zu schützen, argumentiert Greenslade. "Das würde ihren Job unmöglich machen, und wenn man das logisch zu Ende denkt, würde niemals irgendetwas veröffentlicht werden können."



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