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Video von bayerischem Taliban: Lächelnd zum Selbstmordattentat

Aus Kabul berichtet

Es sind die letzten Minuten im Leben des Cüneyt Ciftci: Der junge Mann aus dem bayerischen Ansbach verabschiedet sich lächelnd von seinen afghanischen Begleitern. Wenig später zündet er seine Bombe. Jetzt wurde SPIEGEL ONLINE ein Video zugespielt, das die Terrormission dokumentiert.

Kabul - Es ist dieses Lächeln, dieses fortwährende Grinsen, das Lachen, das verstört und den westlichen Zuschauer ratlos hinterlässt. Der junge Mann schaut direkt in die Kamera, fröhlich sieht er aus mit seinem kleinen Käppchen, locker wippt er im weißen shalwar kamiz, dem traditionell-afghanischen Dress. Er lächelt, während er die schweren Säcke mit den Chemikalien auf die Schultern stemmt. Grinsend hebt er den Zeigefinger zu Allah.

Ein Dauer-Grienen, obwohl er gleich sterben wird - oder gerade deshalb? Was er sagt, ist nicht zu verstehen. Schwere, blumige Suren sind über die Stimme gelegt worden. "Wie glücklich du bist, dass dir der Tod den Sonnenaufgang bringt", singt die Männerstimme, "dass du an die Front gehst, dass du brennst im Namen des Islam." Dann verabschiedet sich der junge Mann von seinen Begleitern. Bevor er losfährt, kniet er im Staub nieder und betet - ein letztes Mal.

Der Mann ist der 28-jährige Türke Cüneyt Ciftci, geboren im bayerischen Freising, bis zum 2. April 2007 wohnte er samt Familie in Ansbach. Die Bilder stammen von einer 45 Minuten langen DVD, die SPIEGEL ONLINE diese Woche in Afghanistan von der Propaganda-Abteilung der Taliban zugespielt wurde. Zuerst wurde der Film "Quelle des Dschihad" in Pakistan angeboten. Ein Mittelsmann mit Kontakten zu den Taliban wollte sie für viel Geld verscherbeln, von fünfstelligen Dollarsummen war die Rede.

Die wahren Macher des Videos allerdings waren an Geld nicht interessiert. Nur die Kosten für einen Kurier nach Kabul wollten sie. Wichtig war nur die Nachricht: Dass Cüneyt Ciftci sich tatsächlich am 3. März vor dem Sabari District Center in der ostafghanischen Provinz Khost in die Luft sprengte. Dass es ein Dschihadi aus Deutschland war, der den 23-jährigen US-Soldaten Stephen Koch, seinen ein Jahr jüngeren Kameraden Robert Rapp und zwei Afghanen mit sich in den Tod riss.

Warten auf den großen Knall

Den Anschlag haben die Filmer festgehalten. Mit zwei Kameras postierten sie sich rund um das District Center, warteten auf den blauen Toyota Dyna mit Ciftci am Steuer. Ruhig, ohne das sonst bei Terror-Videos üblichen wilden Zoomen und Wackeln, warteten sie auf den großen Knall. Als schließlich die gewaltige Rauchwolke aufsteigt und die Explosion mit einiger Verzögerung zu hören ist, brüllen sie "Allahu akbar - Gott ist groß!"

Wer die Bilder sieht, weiß auch, warum man bisher den Attentäter nicht anhand von Körperteilen oder DNA identifizieren konnte: Die Explosion war gigantisch. Von 4,5 Tonnen Sprengstoff hatten die Macher der Webseite der "Islamischen Dschihad Union" geprahlt, die erstmals am 6. März von Ciftcis Selbstmordkommando berichtete. Die Menge erschien übertrieben. Gleichwohl wird durch die Videobilder deutlich, dass die US-Armee wohl noch Glück hatte: Allein der Rauchpilz der Detonation steigt gute 80 Meter in den Himmel.

Es sind auch die letzten Tage vor dem 3. März, dem Tag des tödlichen Anschlags von Khost, die ganz bewusst dokumentiert wurden von der Propaganda-Abteilung. Eine exakt angefertigte Skizze des von US-Truppen gerade aufgebauten Verwaltungszentrums liegt auf dem Boden. Mit einem Kugelschreiber zeigen Männer, die unhörbar flüstern und deren Gesichter man nicht sehen kann, den Weg, den später der Bomben-Laster nehmen soll. Es ist ein perfider Plan, perfekt vorbereitet.

Später sieht man die weißen Säcke mit den Chemikalien für die Bombe und die Zündvorrichtung, ein langes schwarz-rot gewickeltes Kabel, dass ganz nah am Fahrersitz des Toyota-Dyna-Kleinlasters endet. Auch ein Bild von Ciftci auf diesem Fahrersitz zeigt das Video, wieder lächelt er in die Kamera. Nur wenig später wird er der Fahrer des Kleinlasters sein, der Mann am Todesknopf. Um vier Minuten nach vier Uhr an diesem Montag wird er das Distriktzentrum in Schutt und Asche legen.

Beispiel für eine neue Generation von Dschihadis

Die Bilder zeigen die letzte Mission eines Islamisten aus Bayern, den Endpunkt seines Wegs von Ansbach an die Front in Afghanistan. Von radikalen Islamisten-Kreisen in Deutschland, in Moscheen in Bayern und im baden-württembergischen Ulm stieß der junge Türke bis zum Dschihad der Taliban vor. Cüneyt Ciftci ist so zum ersten Selbstmordattentäter aus Deutschland geworden. Spätestens mit dem Video ist er in die ewigen Archive der Märtyrer eingegangen, der lächelnde Dschihadi.

Doch das Video ist mehr als eine blumige Abschiedsbotschaft. Die Taliban scheinen den jungen Türken aus Deutschland ganz bewusst ausgesucht zu haben, um mit ihm einen Rekrutierungsfilm zu drehen. Ciftci, so schwant es Terror-Fahndern bereits, soll zum Beispiel werden für eine neue Generation von Dschihadis. Für die Behörden ist sein Fall ein Alptraum. Die DVD zeigt, was aus jungen, radikalen Islamisten, von denen man hierzulande Hunderte kennt, in kürzester Zeit werden kann.

Ciftci war wegen seiner Kontakte zur Sauerlandgruppe, die im September 2007 verhaftet wurde, schon länger verdächtig. Immer wieder probierte er, deutsche Papiere zu bekommen, der Polizei war das suspekt. Als die Behörden ihn Anfang April 2007 zum Gespräch luden, fürchtete er die Festnahme. Er setzte sich mit seiner Familie ab. Vermutlich war es Adem Y., ebenfalls Mitglied des Sauerland-Trios, der ihm damals den Weg über Syrien und Iran bis nach Pakistan wies - in ein Terrorlager der Gruppe "Islamische Dschihad Union".

Von Pakistan aus muss Ciftci irgendwann zu den Taliban nach Afghanistan gekommen sein. Auf der Propaganda-CD findet sich gar eine aktuelle Ansprache der Taliban-Legende Jalaluddin Haqqani - für Kenner der Szene eine kleine Sensation. Jahrelang war unklar, was mit dem Top-Kommandeur passiert war. Mit dem Video meldet er sich zurück. "Die USA werden mit Gottes Hilfe mit hängenden Köpfen und beschämt Afghanistan verlassen", tönt Haqqani selbstbewusst. An der Ausdauer an Dschihadis wie Ciftci lässt er keinen Zweifel: "Im Krieg soll man nicht eilig sein - wir haben viel Geduld."

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