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Videos aus Libyen: 22 Sekunden Gräuel

Von Yassin Musharbash

Im Web kursieren Dutzende Handyfilme aus Libyen, die Bluttaten dokumentieren - wurden die Männer von Gaddafis Schergen getötet? Die Wahrheit ist kaum zu ermitteln. Dennoch könnten die Videos in der Debatte über ein Eingreifen der internationalen Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielen.

Ausschnitt aus einem der Videos: Wer sind die Opfer, wer die Täter? Zur Großansicht
REUTERS/ YouTube

Ausschnitt aus einem der Videos: Wer sind die Opfer, wer die Täter?

Berlin - 22 Sekunden. So lang ist der Ausschnitt aus dem Gräuelvideo, den der englischsprachige Dienst des arabischen Satellitensender al-Dschasira am Dienstagmorgen den Zuschauern auf seiner Webseite zugänglich machte.

Man sieht einen Mann im Anzug, er liegt auf einer Trage, er ist tot. Die Handykamera macht einen Schwenk, sie zeigt jetzt ein paar nackte, gefesselte Füße, die offenbar zu einer weiteren Leiche gehören. Kurz streift der Blick des Objektivs weiter, eine dritte Leiche ist zu erkennen.

Das Amateurvideo, sagt al-Dschasira, sei der Redaktion von libyschen Aufständischen zugespielt worden. Diese behaupten dem Bericht zufolge, die getöteten Männer seien Offiziere der libyschen Armee gewesen, aus nächster Nähe durch Schüsse in den Kopf oder den Rücken exekutiert, weil sie den Befehl verweigerten, auf Rebellen zu feuern. Westlich der Hauptstadt Tripolis habe sich der Vorfall ereignet.

Al-Dschasira bezieht Stellung

Doch stimmt diese Information? Nichts, was auf dem gesendeten Ausschnitt zu sehen ist, beweist den Kontext. Al-Dschasira weist darauf hin: "Es ist unmöglich, die Authentizität des Videos unabhängig zu verifizieren." Aber der Sender hält es offensichtlich für wahrscheinlich, dass die Bilder und der behauptete Zusammenhang echt sind. Was al-Dschasira ausstrahlt, hat Gewicht, entwickelt in der arabischen Welt oftmals eine Eigendynamik. Und manchmal darüber hinaus.

Videos wie dieses können in der aktuellen Debatte eine wichtige Rolle spielen. Die internationale Gemeinschaft erwägt Flugverbotszonen, um die Luftwaffe des Diktators Gaddafi daran zu hindern, auf Demonstranten zu schießen. Die Bewaffnung von Rebellen gilt in Washington als weitere Option. Um solche Schritte begründen zu können, sind Belege für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für willkürliche Ermordungen und unverhältnismäßige Gewalt zentral. Unter Umständen reichen den Entscheidungsträgern auch Indizien aus - so wie das von al-Dschasira ausgestrahlte Video.

Erschossene Männer, gefesselt

Es ist nicht die einzige Aufnahme dieser Art. Auf YouTube und über Facebook kursieren Dutzende ähnliche, teilweise erheblich grausamere. Aber der Inhalt ist umstritten - oder genauer: der Kontext.

"Soldaten hingerichtet" heißt eines. Auch hier beteuern die, die es ins Netz gestellt haben, Gaddafis Soldaten hätten Kameraden ermordet, die nicht mitschießen wollten. Das Video ist grauenhaft. Es zeigt Dutzende Leichen, sie liegen auf dem Bauch, ihre Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Einige scheinen auch tatsächlich Uniformen zu tragen, aber die Auflösung ist zu schlecht, um Details ausmachen zu können.

In der Diskussionsspalte unter dem Video geben die meisten Kommentatoren zu erkennen, dass sie diese Version für die Wahrheit halten. Aber ein User schreibt in Großbuchstaben, er kenne das gesamte Video, es zeige zwar libysche Soldaten, aber diese seien von Aufständischen getötet worden. Es ist unmöglich, die Wahrheit herauszufinden, jedenfalls allein auf Grundlage der Bilder.

Ein weiteres Video zeigt - möglicherweise - dieselbe Szene, aber aus einem anderen Winkel. Darauf ist zu sehen, dass eines der Opfer, ein älterer Mann, der zwischen den Leichen zu liegen scheint, noch lebt. Eine Gruppe Männer, zu denen offenbar der Filmer zählt, reden miteinander, aber es ist unverständlich. Sie geben dem Mann Wasser aus einer Plastikflasche zu trinken. Sie rufen Gott an, auf Arabisch, aber Beweise dafür, wer hier wen ermordet und verletzt hat, ergeben sich daraus nicht.

Gaddafi ist vieles zuzutrauen

Ein viertes Video zeigt mehrere verbrannte Leichen. "Verbrannt, weil sie in Libyen nicht auf Demonstranten schießen wollten", haben es jene genannt, die es veröffentlicht haben. Es dokumentiert mit großer Gewissheit ein bestialisches Verbrechen - aber wessen, an wem?

Muammar al-Gaddafi ist ohne Zweifel ein ruchloser Machthaber. Er hat seine Kampfjets gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt, Menschen verschwinden lassen, Geheimgefängnisse betrieben. Ihm und seinen Getreuen ist vieles zuzutrauen - sowohl die Ermordungen, wie auch Versuche, sie anschließend als Werk der Rebellen darzustellen. Doch Wahrscheinlichkeiten sind keine Beweise, und Journalisten und Menschenrechtsaktivisten können derzeit in Libyen nicht frei recherchieren. Ihre Lage ist wesentlich schwieriger, als es während der Umstürze in Tunesien und Ägypten der Fall war, die verhältnismäßig unblutig abliefen.

Gaddafi weigert sich zurückzutreten - und schlägt mit aller Gewalt zurück. Das ist gewiss, auch wenn nicht jedes einzelne Horrorvideo bestätigt werden kann.

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1. Titel wurde abgegeben
pulpicon, 08.03.2011
Was ist mit den UNO-Inspekteuren, die Gaddafi eingeladen hat?
2. zu 99,9% Fake
tobiasflasig 08.03.2011
Heutzutage hat jedes Billig-Handy X Megapixel. Digitalkameras sind Pfennigartikel. Warum also erscheinen derarige "Beweise" immer in der Auflösung von 50x30 Pixel und dann auch noch grob fragmentiert ? Videos wie diese kann jeder Hauptschüler mit ein paar Kumpels im Keller faken. Das Problem ist, dass derarige Fake-Videos von einfachen Menschen als bare Münze genommen werden. (Aktuelles Beispiel ist der Frankfurter Attentäter, der angeblich wegen einer gefakten Vergewaltigungsszene die US-Soldaten ermordet hat) Wenn tatsächlich Rebellen derartige Szenen vorgefunden hätten, hätten sie doch auch ordentliche Fotos als Beweise machen können ? Was gibt es besseres ? Und wenn man gerade keine Kamera hat, besorgt man sich eine. Um von Sich irgendwelche Poserbilder mit dicker Flinte zu machen die hier auf SPON gezeigt werden reicht es doch auch ?
3. ...
kimba2010 08.03.2011
Erinnert sich noch jemand an die kuwaitischen Babies, die angeblich von Irakern 1990 aus den Brutkästen gerissen wurden? Da stellte sich später als fake heraus. Vorsicht also bei solchen Propagandaspielchen, es ist offensichtlich, dass der Westen durch solche fragwürdigen Bilder und Videos in diesen Bürgerkrieg hineingezogen werden soll.
4. Jugoslawien
naabaya 08.03.2011
Zitat von kimba2010Erinnert sich noch jemand an die kuwaitischen Babies, die angeblich von Irakern 1990 aus den Brutkästen gerissen wurden? Da stellte sich später als fake heraus. Vorsicht also bei solchen Propagandaspielchen, es ist offensichtlich, dass der Westen durch solche fragwürdigen Bilder und Videos in diesen Bürgerkrieg hineingezogen werden soll.
Das Gleiche war doch auch in J. der Fall. Da gibt es Firmen, die solche Sachen organisieren. In einem anderen Forum habe ich schon vor einigen Tagen gesagt: Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst
5. Verlässlichkeit der Quellen in Konfliktsituationen ?
Tom07 08.03.2011
Wenn Bilder von (vermutlich) toten Kindern aus dem Gaza-Streifen veröffentlicht werden, stellt sich niemand die Frage wer der Täter war oder was wirklich passiert ist. Statt dessen haben sich die meisten Journalisten auf die Verlautbarung der Hamas gestützt und sofort Israel beschuldigt. Warum wird nun in einem anderen Konflikt (z.B. in Libyen) plötzlich die Frage nach der journalistischen Genauigkeit und Verlässlichkeit der Quellen laut? Zeigt mir bitte einen westlichen Journalisten, der sich allein auf die Verlautbarungen Gaddafis stützt!
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Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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