Videoüberwachung: Viel zu viele Kameras, viel zu wenig Auswertung

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Überwachungsmonitore in Edinburgh: "Milliarden von Pfund für Technik ausgegeben" Zur Großansicht
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Überwachungsmonitore in Edinburgh: "Milliarden von Pfund für Technik ausgegeben"

Nach dem Terrorattentat von Boston fordert Bundesinnenminister Friedrich die Ausweitung der Videoüberwachung in Deutschland. Dabei zeigt das Beispiel anderer Staaten: Es gibt schon jetzt mehr Bilder, als die Polizei auswerten kann. Und doch rüstet Europa weiter auf.

Nicht einmal das stille Örtchen ist noch privat auf der King Ecgbert School. Zwölf Überwachungskameras hat Lesley Bowes in den Toilettenräumen der Gesamtschule vor den Toren Sheffields anbringen lassen. "Eine Sicherheitsmaßnahme für unsere Kinder", erklärt die Direktorin der Nachrichtenagentur AP. Man filme die Kabinen ja nur von außen, und das stört hier in Nordengland allenfalls die Aktivisten von Big Brother Watch.

Mehr als 200 britische Schulen haben bereits Videokameras in WCs oder Umkleideräumen installiert, hat die Bürgerrechtsorganisation ermittelt. Landesweit filmen etwa 100.000 Kameras rund um die Uhr Pausenhöfe und Klassenräume ab. Niemand kommt auf die Idee, dagegen zu protestieren.

Nach den Attentaten von Boston fordert Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich bei SPIEGEL ONLINE lautstark die Ausweitung der Videoüberwachung in Deutschland. Großbritannien hat vorgemacht, wie es geht: Zwischen 1,8 und 4,2 Millionen Kameras, so schätzen Experten, beobachten hier den öffentlichen Raum, allein London mit gut 500.000 Geräten übertrifft Deutschland um ein Vielfaches. Hier ist sie Wirklichkeit, die flächendeckende Videoüberwachung, von der deutsche Sicherheitsfanatiker träumen. Aber hier zeigt sich auch: Mehr Kameras bedeuten nicht automatisch weniger Verbrechen.

Schon in den siebziger Jahren haben die Briten losgelegt, aus Angst vor dem IRA-Terror, zunächst nur an Bahnhöfen oder Flughäfen. Heute prangen die elektronischen Überwacher überall; auf Laternenpfählen, Ampeln oder den Flutlichtmasten von Fußballplätzen, in Kirchen oder Restaurants. Rund 300-mal wird der Londoner Bürger durchschnittlich Tag für Tag abgelichtet. "Wir werden zu einer Überwachungsgesellschaft", sagt Emma Carr von Big Brother Watch SPIEGEL ONLINE, "in der uns anonyme Menschen aus Kontrollräumen beobachten."

Intelligente Maschinen sollen abnormes Verhalten aufspüren

Nicht nur die Bürgerrechtler prangern den Wildwuchs an. Auch Sicherheitsbehörden halten nichts davon, wenngleich aus einem anderen Grund: Die Kameras nutzen ihnen kaum. "Ein absolutes Fiasko" lautete 2010 das Urteil von Scotland Yard über "CCTV" (Closed Circuit Television). Nur drei Prozent der Straftaten in London werden durch Video aufgeklärt, macht etwa einen kriminellen Akt pro tausend Geräte und Jahr. Zwar haben die Kameras zur Aufklärung des U-Bahn-Attentats von 2005 beigetragen; aber verhindert haben sie bisher keinen einzigen Terroranschlag.

"Milliarden von Pfund sind für die Technik ausgegeben worden", klagte der zuständige Scotland-Yard-Chefinspekteur Mick Neville auf einer Sicherheitskonferenz in London, "aber kein Gedanke wurde drauf verschwendet, wie die Polizei die Aufnahmen auswerten soll." Die Kontrolleure hinter den Monitoren werden überschwemmt von der Bilderflut, abgestumpft von der krisseligen Monotonie auf ihren Schirmen. Von jeder aufgenommenen Stunde werde meist allenfalls eine Minute angeschaut, berichtet "The Guardian".

Ähnliche Probleme plagen auch andere Kamera-Hochburgen wie Amsterdam oder Mailand. Ein Brüsseler Sicherheitsexperte formulierte es gegenüber SPIEGEL ONLINE so: "Eigentlich gibt es in vielen EU-Staaten schon jetzt mehr Kameras, als wir auswerten können. Aber sie geben den Menschen das Gefühl von Sicherheit."

Die Sicherheitskräfte drehen deswegen nicht etwa weniger. Im Gegenteil, sie wollen die Kontrollen intensivieren: mit einer neuen Generation elektronischer Aufpasser. "Indect" gibt einen Vorgeschmack auf die Zukunft. Bei dem von der EU mit zweistelligen Millionenbeträgen geförderten Forschungsprojekt sollen intelligente Maschinen abnormes Verhalten von Menschen aufspüren.

Wer etwa lange an einem Ort steht, sich schneller als die Norm bewegt oder allzu oft auf seine Uhr schaut, gerät ins Visier des Apparats. Kameras zoomen auf den Verdächtigen, identifizieren ihn mittels biometrischer Gesichtserkennung, jagen seine Personalien durch Datenbanken. Schlägt das System dann Alarm, könnten gegebenenfalls kleine Drohnen den potentiellen Übeltäter verfolgen.

In London sind Mini-Drohnen im Einsatz

Die Niederlande setzen derlei Hightech-Methoden neuerdings schon ein: zur Überwachung ihrer Grenzen zu Deutschland und Belgien. Seit vergangenem Herbst knipsen Kameras an 15 Übergängen stundenlang alle Fahrzeuge ab, leiten Bilder von Front, Seite und Nummernschild zum Zentralcomputer. Schlägt dessen Algorithmus Alarm, fangen Polizeistreifen das verdächtige Gefährt ab. All dies diene dem Kampf gegen Terrorismus, Menschen- und Drogenschmuggel, erklärte die Grenzpolizei entsetzten deutschen Datenschützern, die ihnen Totalüberwachung vorwerfen.

London steht nicht zurück. Hier lässt die Polizei Mini-Drohnen fliegen, die aus Dutzenden Metern Höhe Bilder machen. So gestochen scharf sind die Aufnahmen heutiger Präzisionskameras für Jedermann, dass selbst die Regierung nun vor einem "Big Brother Szenario" warnt. "Die Technik", sagte Andrew Rennison, Überwachungsbeauftragter des Innenministeriums, der Tageszeitung "Independent", "hat unsere Regulierungsmöglichkeiten überholt".

Vielleicht ist sie gerade deshalb gefragt wie nie. 23,5 Milliarden Dollar werden Hersteller wie Bosch, Samsung oder Sony 2014 weltweit mit CCTV umsetzen, prognostiziert das Marktforschungsinstitut RNCOS. Auf Jahre hinaus seien zweistellige Zuwachsraten sicher. Angst ist eben doch ein guter Ratgeber. Zumindest für die Industrie.

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insgesamt 75 Beiträge
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1. Hier liegt offensichtlich ein Missverstaendniss
blob123y 28.04.2013
Zitat von sysopNach dem Terrorattentat von Boston fordert Bundesinnenminister Friedrich die Ausweitung der Videoüberwachung in Deutschland. Dabei zeigt das Beispiel anderer Staaten: Es gibt schon jetzt mehr Bilder, als die Polizei auswerten kann. Und doch rüstet Europa weiter auf. Videoüberwachung: Europa rüstet weiter auf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/videoueberwachung-europa-ruestet-weiter-auf-a-896762.html)
beim Author vor, denn bei den Bildern geht es nicht so sehr um die Echtzeitauswertung sondern um die Vorratsspeicherung um diese videos etc. im Falle eines Falles zu benutzen und dann kann es gar nicht genug davon geben, merke, man muss immer ein bisschen weiter denken!
2. auf jeden fall lässt sich damit trefflich verdienen....
warkeinnickmehrfrei 28.04.2013
und was die wirksamkeit von videoüberwachung angeht gibt es ja auch schon genügend studien.... so hat z.b. die flächendechende überwachung des öffentlichen nahverkehrs in berlin weder die anzahl der gegangenen straftaten reduziert noch die aufklärungsquote signifikat gesteigert. für londen gilt -> "So enthüllte eine interne Studie der Metropolitan Police in London, dass nur ein einziges Verbrechen pro 1.000 Überwachungskameras aufgeklärt worden konnte. In einem Monat konnten gerade einmal acht von 269 gemeldeten Raubüberfällen in der britischen Hauptstadt durch das Material aus den Videokameras aufgeklärt werden. Kein besonders guter Schnitt bei mehr als einer Million Kameras im gesamten Stadtgebiet - und Kosten von 500 Millionen Pfund (572 Millionen Euro) für die Anschaffung."
3. Warum man trotz Auswertungsdefizit immer mehr Überwachungssysteme aufbaut
tom_ 28.04.2013
Man könnte natürlich ganz einfach Dummheit der Entscheidungsträger vermuten, aber damit springt man um Kilometer zu kurz. Das Ziel ist vielmehr ein automatisches Überwachungssystem mit "intelligenter" Software, die jedes von der Norm abweichende Verhalten automatisch bemerkt und entsprechende Folgerungen zieht, die dann zum Eingreifen von Menschen (derzeit noch? Ich erinnere an Bestrebungen in den USA auch für die Polizei bewaffnete Drohnen zu erlauben.) führen. Damit ist das Problem der eigentlich nötigen Massen an Überwachern vom Tisch. An solchen Systemen wird im Auftrag der EU intensiv geforscht und die Fortschritte sind beängstigend. Ganze Nationen als total überwachte Gefängnisse für ihre Bürger. Das ist der sich vermittelnde Eindruck und es bewahrheitet sich der alte Spruch: Totale Sicherheit ist nur möglich, wenn man die Freiheit total aufgibt. Oder in der Kurzfassung: Freiheit stirbt mit Sicherheit. Was einen besonders erschreckt ist die Dummheit der Bürger, die sich sogar noch mehr Überwachung wünschen. Einerseits fürchtete man sich vor einem Staat im Stile des Buchs "1984", begreift aber nicht (will es wohl auch gar nicht wissen), dass wir diesen Punkt längst weit hinter uns gelassen haben. Gegen die bereits existierenden Möglichkeiten ist "1984" ein Kindergartenansatz. Aber wie heißt der Spruch: Jedes Volk hat die Führung und die Politik die es verdient. Demokratie bekommt man nicht geschenkt, man muß sie jeden Tag erneut verteidigen und verlorene Bereiche wieder hart erkämpfen. Dafür sind viele Bürger viel zu träge geworden. Sie glauben, wenn sie einmal Demokratie hatten, dann bleibt diese auch auf alle Zeiten, weil die Politik ihnen dieses Märchen erzählt. Real wird aber über die Demokratie im Stile der Salamitaktik Scheibchen um Scheibchen (und diese werden immer dicker) abgetragen. Und mit jedem Scheibchen weniger Demokratie, weniger Freiheit werden diejenigen dreister, die sie uns rauben. Warum auch nicht, sie stossen ja kaum auf Gegenwehr. Offensichtlich bedeutet vielen Menschen ihre Freiheit nichts und die Demokratie, die eine solche überhaupt erst möglich macht, noch weniger. Woraus sich noch ein Punkt ableiten läßt: Nicht nur Freiheit stirbt mit immer mehr Sicherheit, sondern auch jegliche Demokratie.
4.
Spiegelleserin57 28.04.2013
Die Technik entwickelt sich immer weiter nur der Mensch bleibt der selbe. Was nutzt uns die perfekte Technik wenn der Mensch nichts damit anzufangen weiß. Das gilt auch für die Medizin! In der Intensivmedizin haben wir die tollste Technik, nur gesünder wird der Mensch dadurch nicht. Zeit sich darüber mal Gedanken zu machen. Auch muss man mit der Technik umgehen können, dazu gehört eine Menge Fachwissen , nur wer hat das? Der Technikapparat wird aufgebläht nur die Leute fehlen die damit umgehen können und es sind zu wenige. Außerdem müssen auch Fachkräfte eingestellt werden die die diesen technischen Park warten und technisch überwachen, EDV braucht eine enormen Personalaufwand. Scheinbar haben doch noch viele Resorts sehr viel Geld!
5. Laufende Aufzeichnungen haben hohen....
joG 28.04.2013
....Wert für uns, wie wir seit Watergate wissen.
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