Vier Blauhelm-Soldaten sterben: Stunden der Todesangst im Uno-Posten Chijam

Von Alexander Schwabe

Mehrmals hatten die Blauhelme an die Israelis appelliert, den Beschuss einzustellen - dann wurde der Beobachtungsposten getroffen, vier Uno-Soldaten wurden getötet. Der Vorfall erinnert an das Bombardement eines Camps der Friedenstruppe vor genau zehn Jahren.

Hamburg/Jerusalem - Noch Stunden nach dem tödlichen Angriff auf den Posten in Chijam im Südlibanon buddeln sich rund 50 Uno-Soldaten durch den Schutt, den der israelische Angriff hinterlassen hatte. Mit bloßen Händen und einfachen Werkzeugen versuchen sie, den letzten der vier Kameraden zu bergen, die bei der Attacke gesternabend ums Leben kamen. Während der Bergungsarbeiten - Israel hatte dafür eine Feuerpause zugesagt - kommt es nach Angaben eines Sprechers der Uno-Mission im Libanon zu weiteren Bombardements der israelischen Armee rund um den zerstörten Uno-Posten.

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, hatte sich "schockiert und zutiefst erschüttert" gezeigt und die Aktion als "offensichtlich vorsätzlichen Angriff" verurteilt. Die spätere Entschuldigung des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert nahm Annan allerdings an. Der Uno-Generalsekretär sagte nach einem Telefonat mit dem Regierungschef: "Olmert denkt zweifellos, dass es ein Fehler war und hat eine Untersuchung eingeleitet, und ich habe vorgeschlagen, dass wir eine gemeinsame Untersuchung vornehmen". Olmert habe sein "tiefes Bedauern" ausgedrückt, fügte Annan hinzu. "Und wir akzeptieren das."

Israels Botschafter bei der Uno, Danny Gillermann, hatte zuvor den Generalsekretär scharf angegriffen. Über die "hasserfüllten Äußerungen" Annans sei er "schockiert", so der Spitzendiplomat. Dessen Behauptungen seien "voreilig und falsch".

Armee gesteht Angriff ein

Die israelische Armee IDF reagierte erst sehr spät und ausweichend auf die schwer wiegenden Vorwürfe. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE in der Nacht zum Mittwoch hatte ein Sprecher der Armee noch angedeutet, es könne sich bei dem Angriff auch um eine Rakete der Hisbollah handeln, die im Uno-Camp eingeschlagen sei. Ob die IDF überhaupt in dem Gebiet um das Camp Luftangriffe geflogen habe, könne er aus Geheimhaltungsgründen nicht sagen, so der Sprecher.

Heute reagierte die IDF zunächst überhaupt nicht. Mehrere Anfragen am Morgen blieben ohne Antwort, es werde eine offizielle Erklärung geben. Die kam am Nachmittag. Per e-mail teilte die IDF ihre Sicht "bezüglich des Uno-Camps Chijam" mit. Zuerst einmal führe die IDF nur Operationen "gegen die Hisbollah durch, um die Bürger Israels zu verteidigen", hieß es.

Schließlich gestand die IDF ein, dass sie in dem Gebiet um das Uno-Camp operiert hat. "Nach ersten Ermittlungen scheint es so, dass während der Operation versehentlich das Uno-Camp getroffen wurde", so die Armee. Wörtlich exakt wie Premierminister Olmert drückte die IDF "tiefes Bedauern" über den Vorfall aus - und sagte dazu, dass sie "niemals absichtlich Uno-Gelände oder Uno-Personal" angreifen würde. Der Angriff - in IDF-Sprache stets "Vorfall" genannt - werde nun in enger Absprache mit der Uno aufgeklärt.

Letzter Anruf: 19.40 Uhr

Doch die Beschuldigungen Annans scheinen nicht gänzlich grundlos zu sein - und israelische Soldaten keine Rücksicht auf die Belange der Uno zu nehmen. Vertreter der Uno, die seit 1978 die israelisch-libanesische Grenze überwacht, sagten, israelische Truppen hätten bereits am Nachmittag - als Rettungskräfte noch im Einsatz waren - mehr als ein Dutzendmal das Feuer in der Nähe des Stützpunktes eröffnet.

Nach Auffassung Annans kann von einem versehentlichen Beschuss keine Rede sein, denn "General Alain Pelligrini, Kommandeur der Uno-Streitkräfte im Südlibanon, hatte während des ganzen Tages wiederholt Kontakt zu israelischen Offizieren aufgenommen und dringend darauf hingewiesen, just diese Uno-Stellung nicht anzugreifen."

Ein von der Uno angelegtes Protokoll weist aus, dass die erste Bombe gesternmittag gegen 13.20 Uhr rund 200 Meter vom Uno-Posten einschlug. Die Blauhelme riefen daraufhin bei einem israelischen Verbindungsoffizier an, der ihnen zugesichert habe, die Angriffe einzustellen.

Doch das Bombardement ging weiter. Innerhalb der nächsten Stunden schlugen neun weitere Bomben im Umkreis von 100 bis 400 Metern nahe dem Posten ein. Jedes Mal hätten die Blauhelme die Israelis über ihre Gefährdung unterrichtet. Der letzte Anruf ist um 19.40 Uhr verzeichnet - möglicherweise die Zeit, als der Volltreffer der Israelis in das Uno-Lager einschlug.

Angriff 1996: "Ein Massaker"

Es ist nicht das erstemal, dass die Uno im Libanon Verluste durch israelische Angriffe erleidet. Den härtesten Schlag verbuchte sie vor genau zehn Jahren. Die Ereignisse gleichen sich fast aufs Haar, allein, die Zahl der Opfer war damals ungleich höher. Am 18. April 1996, am achten Tag der damaligen israelischen Libanon-Offensive "Früchte des Zorns", schlugen Artilleriegranaten in einem Lager der Uno nahe dem Dorf Kana bei Sidon wenige Kilometer nördlich der südlibanesischen Sicherheitszone ein. Mindestens 102 libanesische Zivilisten, rund ein Fünftel derjenigen, die in dem Camp Zuflucht gefunden hatten, wurden getötet.

Auch dieser Posten war deutlich mit dem Zeichen der Unifil gekennzeichnet (Uno-Friedenstruppen in Libanon). Auch dieser Angriff galt - so darf man annehmen - der Hisbollah, die nur 300 Meter von dem Uno-Quartier einen Raketenwerfer stationiert hatte. Auch damals kam es zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen der Uno und Israel. Uno-Sprecher Timur Goeksel nannte den Vorfall "ein Massaker". Auch damals bekundete die israelische Führung ihr Bedauern. Auch damals sprach die Uno (u. a. in einem neunseitigen Bericht) von einem absichtlichen Angriff der Israelis.

Gespeist wurde die Behauptung von Video-Aufnahmen eines Uno-Soldaten, die eine Drohne, ein Aufklärungsflugobjekt, über dem Blauhelm-Stützpunkt zur Zeit des Angriffs zeigt. Israels Behauptung, fehlgeleitete Geschosse hätten das Flüchtlingscamp getroffen, wurden daraufhin von der Uno zurückgewiesen. Vielmehr habe es sich bei den insgesamt 15 Geschossen um "offenbar gezielte Salven" gehandelt. Ein von der Uno entsandter General kam bei seinen Untersuchungen zu dem Ergebnis, die israelische Armee habe gewusst, dass sie einen Uno-Stützpunkt bombardiere. Der verantwortliche israelische Kommandeur gab daraufhin an, der Angriff auf Kana sei auf eine fehlerhafte Karte zurückzuführen.

Auch damals übrigens wurden Forderungen laut, die Uno-Einheiten sollten gegen schlagkräftige Truppen aus Amerika und Europa ersetzt werden - damals ging die kriegerische Auseinandersetzung noch Jahre weiter.

Mitarbeit: Matthias Gebauer

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Nahost-Konflikt
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Uno-Posten im Libanon: Beobachten, Helfen, Bergen