Putins Presse-Marathon: Nimm mich dran, Wladimir!

Von , Moskau

Viereinhalb Stunden hielt Wladimir Putin bei seiner Pressekonferenz Hof - und Hunderte Journalisten warteten vergeblich auf eine Chance, zu Wort zu kommen. Geschickt umging Russlands Präsident kritische Fragen - Ergebenheitsadressen aus fernen Provinzen nahm er dagegen dankend an.

Der Kampf um die Aufmerksamkeit von Russlands Präsidenten beginnt bereits 90 Minuten vor Wladimir Putins großer Pressekonferenz. Er wird mit bunten Filzstiften und Plakaten geführt. Jeder will seine Frage stellen. Die mehrheitlich liberal gesinnten Moskauer Journalisten, weil Putin ihnen nicht wie sonst aus dem Weg gehen kann. Die Reporter aus den Provinzen, weil sich der Präsident vor laufenden Kameras oft in Geberlaune präsentiert und Misstände in den Regionen beheben lässt.

Natalija Popowa, 24, Zeitungsredakteurin aus der Provinz, ist mit dem Zug nach Moskau gereist, 17 Stunden Fahrt aus der Wolgastadt Saratow.

Popowa will Putin auf die Gouverneurswahlen ansprechen. Russlands Provinzfürsten werden seit dem Sommer wieder vom Volk direkt gewählt. In Popowas Heimat Saratow aber hatte der Kreml noch vor Inkrafttreten der Reform flugs den Provinzfürsten nach eigenem Gutdünken ausgewechselt.

Die Jungjournalistin hat harte Konkurrenz. Auf den Plätzen rechts und links von ihr drängen sich bereits Hunderte Journalisten aus dem In- und Ausland. Popowa malt deshalb ein großes Plakat, um mehr aufzufallen. "Eine Frage aus einer Region, in der ein Kopf verpflanzt wurde", schreibt sie in großen, bunten Lettern - eine Anspielung auf den Gouverneurswechsel.

Scharfer Auftakt des Boheme-Magazins "Snob"

Als Wladimir Putins Pressekonferenz endlich beginnt, bevölkern mehr als tausend Journalisten die blauen Sitzreihen im Konferenzsaal der Moskauer Filiale des World Trade Centers. 80 Fernsehkameras sind auf den Präsidenten gerichtet.

Vier Jahre ist es her, dass Putin sich zum letzten Mal in einer großen Pressekonferenz den Fragen von TV und Presse stellte. Das war im Februar 2008, Putin berichtete, er habe "gearbeitet wie ein Sklave auf der Galeere", "kein normales, menschliches Leben" geführt, tat er kund - und trat dann ab vom Präsidentenamt. Vier Stunden und 40 Minuten dauerte sein Konferenzmarathon damals, ein Rekord, den er nach seiner Rückkehr in den Kreml fast einstellen wird.

Die Hauptstadtpresse eröffnet die Pressekonferenz ungewohnt scharf. Das Moskauer Boheme-Magazin "Snob" findet Moskaus Reaktion auf US-Sanktionen unangemessen und kritisiert die "Instrumentalisierung von Kindern im politischen Kampf". Als Antwort auf amerikanische Einreise-Sperren für russische Beamte und Richter will die Duma Amerikanern Adoptionen in Russland verbieten.

Putin weicht Fragern aus, die wissen wollen, ob er das umstrittene Gesetz unterzeichnen wird. Er verurteilt die US-Sanktionen als "unfreundlichen Akt", er verteidigt Russlands Gegenwehr. Das habe nichts mit antiamerikanischer Rhetorik zu tun: "Wir sind einfach nicht moralisch bereit für das Gebot, wenn man uns auf die Wange schlägt, auch noch die andere hinzuhalten". Das Vorgehen der Duma sei "emotional, aber angemessen".

Putin nutzt die Gelegenheit zur Eigenwerbung

Es ist das Thema des Tages. "Die Mehrheit der Bürger will nicht, dass unsere Kinder von Ausländern adoptiert werden", sagt Putin. Als ein Journalist der Wochenzeitung "Argumente und Fakten", selbst Vater eines adoptierten Kindes, von einem "menschenfressenden Gesetz" spricht, reagiert Putin dünnhäutig.

Washington habe Russland erniedrigt, wenn das dem Journalisten gefalle, dann sei dieser "vielleicht Sadomasochist".

Putins Umfragewerte sind im Laufe dieses Jahres in den Keller gesackt. Jetzt nutzt der Präsident die Pressekonferenz, für die das Staatsfernsehen seit Tagen trommelt, als Plattform für Eigenwerbung. Kaum Arbeitslosigkeit, niedrige Inflation, 3,7 Prozent Wirtschaftswachstum in den ersten drei Quartalen und ein Anstieg der Durchschnittseinkommen "von 23.369 Rubel auf jetzt 27.607 Rubel" - umgerechnet 584 Euro beziehungsweise 690 Euro.

Ein Journalist will trotzdem wissen, ob das "autoritäre System persönlicher Macht", das Putin in den vergangenen Jahren geschaffen habe, nicht Russlands Entwicklung behindere. "Wir haben Stabilität geschaffen", erwidert Putin. "Stabilität ist die Vorbedingung für Entwicklung".

Ob er sich Gedanken über einen Nachfolger mache? Welche Oppositionspolitiker er als Rivalen wahrnehme? Natürlich werde er seinen "Posten früher oder später verlassen" und natürlich sei es ihm nicht gleichgültig, wer Präsident nach ihm werde, sagt Putin wage. "Ich hoffe, dass zukünftige Staatslenker sogar noch erfolgreicher sind als ich, weil ich Russland liebe."

Selbstkritik? Heute nicht

Natalja Popowa aus Saratow reckt ihr Plakat etwas höher. Eine Delegation des aserbaidschanischen Fernsehens macht ihr mit einem Poster und kräftigem Winken der aserbaidschanischen Nationalflagge Konkurrenz.

Ob er Fehler gemacht habe in 13 Jahren an der Macht, will ein Reporter wissen. "Manches hat nicht so funktioniert wie wir uns das vorgestellt haben", sagt Putin. "Aber einen systematischen Fehler, den ich ausbessern wollte? Wenn es da etwas gäbe, dann würde ich das jetzt sagen." Das war es, Putin ist nicht in der Stimmung für Selbstkritik, es geht weiter mit den Fragen.

Dmitrij Peskow, Chef-Pressesprecher des Kremls, hat von seinem Vorgänger Alexej Gromow die Angewohnheit übernommen, das Wort gern Pressevertretern aus der Provinz zu erteilen. Die revanchieren sich dafür mit freundlichen Ergebenheitsadressen.

So viel sei geschrieben worden über Putins angeschlagene Gesundheit, sagt eine Dame aus Magadan am Pazifischen Ozean: "Aber jetzt sehe ich Sie hier, energisch und schön!" Ein Vertreter des benachbarten Sachalin schlägt vor, eine Insel nach Putin zu benennen. Die Provinz Mordwinien schlägt vor, die Subventionen für Viehhaltung zu erhöhen und verspricht im Gegenzug, "innerhalb von drei Jahren die Fleischproduktion zu verdoppeln".

Immerhin, ein klares Bekenntnis

Natalja Popowa droht unterzugehen, ringsherum haben ihre Nachbarn aufgerüstet und wedeln ebenfalls mit Plakaten. "Aus einem Dorf" steht auf einem. Die Aserbaidschaner skandieren den Namen ihrer Hauptstadt "Ba-ku-Ba-ku". Sprecher Peskow bittet "mit dem Schreien aufzuhören".

Nach dreieinhalb Stunden mahnt Peskow zum Ende zu kommen. Putin ignoriert den Hinweis demonstrativ und hält weiter Hof. Eine fünfjährige Journalisten-Tochter lässt ihm herzliche Grüße ausrichten. Die Stadt Astrachan möchte den Präsidenten zu einem Angelausflug einladen. Der Fachzeitschrift für Buchhaltung brennt die Frage unter den Nägeln, "warum es noch keinen Feiertag gibt für unseren Berufsstand?"

Stöhnen in den Reihen der Aserbaidschaner. "Die macht mich fertig, so kommen wir nie dran."

Nach vier Stunden und 32 Minuten beendet Wladimir Putin die Pressekonferenz. Natalija Popowa aus Saratow ist nicht zu Wort gekommen, aber zufrieden. Eine Kollegin aus Omsk hat die Frage nach den Gouverneurswahlen gestellt. "Direktwahlen sind im Interesse des Föderalen Zentrums", war Putins Antwort, ein klares Bekenntnis an einem Tag, an dem der Präsident ansonsten eindeutigen Antworten ein ums andere Mal ausgewichen ist.

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insgesamt 83 Beiträge
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1. Aufseher
linkslibero 20.12.2012
Zitat von sysopViereinhalb Stunden hielt Wladimir Putin bei seiner Pressekonferenz Hof - Ergebenheitsadressen aus fernen Provinzen nahm er dagegen dankend an.
Es geht zu wie einst am byzantinischen Hofe, inkl. der Provinztrottel-Journalisten, die den byzantinischen Kratzfuß perfekt beherrschen. Russland ist immer noch ein Nachtwächterstaat- und Putin lediglich der Oberaufseher.
2.
ewspapst 20.12.2012
Zitat von sysopViereinhalb Stunden hielt Wladimir Putin bei seiner Pressekonferenz Hof - und Hunderte Journalisten warteten vergeblich auf eine Chance, zu Wort zu kommen. Geschickt umging Russlands Präsident kritische Fragen - Ergebenheitsadressen aus fernen Provinzen nahm er dagegen dankend an. Viereinhalb Stunden erklärt Putin auf der Regierungs-PK seine Politik - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/viereinhalb-stunden-erklaert-putin-auf-der-regierungs-pk-seine-politik-a-874154.html)
Ich hätte da mal eine Frage, wieso heisst es bei Putin: er hält Hof. Wenn Obama sich herablassen würde, über eine so lange Zeitspange Fragen zu beantworten, dann steht die Medienwelt doch mit ehrfürchtigem Staunen dort und zeigt sich, wie unsere Kanzlerin, in voller Unterwürfigkeit zu seinem Status als Herrscher der Welt.
3. Russland
JBK_2 20.12.2012
In der deutschen Presse Russland fast immer extra schwarz dargestellt. Als jemand, der oft das Land besucht, habe ich sehr viel Positives gesehen. Putin mag nicht perfekt sein, ist aber ein Mensch, der sehr viel Gutes für sein Land gemacht hat und es immer noch tut.
4. Ein Politiker eben
Blutworscht 20.12.2012
Zitat von sysopViereinhalb Stunden hielt Wladimir Putin bei seiner Pressekonferenz Hof - und Hunderte Journalisten warteten vergeblich auf eine Chance, zu Wort zu kommen. Geschickt umging Russlands Präsident kritische Fragen - Ergebenheitsadressen aus fernen Provinzen nahm er dagegen dankend an. Viereinhalb Stunden erklärt Putin auf der Regierungs-PK seine Politik - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/viereinhalb-stunden-erklaert-putin-auf-der-regierungs-pk-seine-politik-a-874154.html)
Dass Politiker gerne kritischen Fragen ausweichen, kann man jeden Tag bei Interviews in den Tagesthemen miterleben und natürlich stehen Politiker auch bei uns ihrer Partei freundlich gesonnenen Medien viel lieber Rede und Antwort, als Blätter die den Konkurrenzparteien nahe stehen.
5.
runzel 20.12.2012
Zitat von sysopViereinhalb Stunden hielt Wladimir Putin bei seiner Pressekonferenz Hof - und Hunderte Journalisten warteten vergeblich auf eine Chance, zu Wort zu kommen. Geschickt umging Russlands Präsident kritische Fragen - Ergebenheitsadressen aus fernen Provinzen nahm er dagegen dankend an. Viereinhalb Stunden erklärt Putin auf der Regierungs-PK seine Politik - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/viereinhalb-stunden-erklaert-putin-auf-der-regierungs-pk-seine-politik-a-874154.html)
Merkel und Co. geben auch nicht bessere Antworten auf Fragen.
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