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Vietnam-Krieg: Der Torpedo-Angriff, den es nie gab

Von Joachim Hoelzgen

Der Vietnam-Krieg spaltete in den siebziger Jahren die USA - und er beschäftigt das Land noch immer. Amerikanische Historiker fanden jetzt heraus, dass Tricks und Vertuschungsmanöver schon am Anfang eine große Rolle spielten - eine Parallele zum Irak-Krieg.

Am 4. August 1964 lief der amerikanische Zerstörer "Maddox" östlich der nordvietnamesischen Hafenstadt Haiphong in den Golf von Tonkin ein. Den Befehl dazu hatte der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson erteilt - mit Folgen, die den Gang der amerikanischen Geschichte dramatisch veränderten.

Denn mit der "Maddox", die angeblich von Torpedos angegriffen wurde, begann der Krieg in Vietnam und damit die größte Katastrophe, in die Amerika jemals getaumelt war. In den Dschungeln und Reisfeldern des unterentwickelten südostasiatischen Lands fielen 58.226 US- Soldaten. Der Krieg löste eine globale Inflation aus und kehrte politisch die Fronten um: Die Weltmeinung klagte die USA wegen des grausamen Konflikts an; die endlose Schlacht in Vietnam spaltete die amerikanische Nation und Lyndon B. Johnson resignierte. Als gebrochener Mann verzichtete er 1968 auf eine Kandidatur als Präsident.

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Vietnam-Krieg: Der Torpedo-Angriff, den es nie gab
Dabei hatte es die Torpedo-Attacke auf die "Maddox" nie gegeben, fanden Historiker schon in den achtziger Jahren heraus. Der Zerstörer hatte sich vielmehr ein Seegefecht mit imaginären Schnellbooten geliefert - und einen eigenen Peilstrahl, der vom Ruderblatt mehrmals zurückgeworfen wurde, als Feind-Torpedos fehlgedeutet. In Washington aber behauptete Präsident Johnson, "im Golf von Tonkin treiben unsere Jungs im Wasser". Johnson ordnete "Vergeltung" an und ließ erstmals Nordvietnam, das Reich des Revolutionsführers Ho Tschi-minh, mit Bomben belegen.

Blaupause für den Irak-Krieg?

Nun aber werden Parallelen zum Krieg im Irak gezogen, die das Geschehen im Golf von Tonkin plötzlich wieder interessant machen. Denn in beiden Fällen spielten Behauptungen der Geheimdienste eine Rolle, die in sich zusammenbrachen wie ein Kartenhaus, trotzdem aber zur Begründung eines Kriegs herangezogen wurden.

In den USA tobt eine Debatte über die Verantwortung des Präsidenten. George W. Bush sieht sich dem Vorwurf der Lüge ausgesetzt, da im Irak keine Massenvernichtungswaffen vorgefunden wurden. Gleichzeitig kehrt in der Öffentlichkeit ein altes Trauma zurück: der Vietnam-Krieg. Wieder werden schwere Vorwürfe erhoben. Sie stammen von dem Historiker Robert Hanyok, der ausgerechnet für den großen Abhördienst National Security Agency (NSA) arbeitet. Hanyok hat jahrelang das verhängnisvolle Aufkreuzen der "Maddox" und ihres Begleitzerstörers "C. Turner Joy" im Golf von Tonkin untersucht.

Ende November will die NSA den Bericht Hanyoks veröffentlichen - das aber geschieht erst, nachdem andere Zeitgeschichtler Druck auf die weltweit tätigen Lauscher gemacht hatten. Denn Hanyoks Werk war vor vier Jahren schon einmal als 400-seitige Studie im Hauptquartier der NSA verteilt worden, wie alles dort aber mit dem Stempel "Geheim". Eine Zusammenfassung war sogar im Hausorgan der Abhörbehörde, dem Fachblatt "Cryptologic Quarterly", enthalten, das aber gleichfalls geheim ist und unter Ausschluss der Öffentlichkeit erscheint.

NSA-Offiziere bauschten die Bedrohung auf

Kritische Historiker wie der NSA-Experte Matthew Aid warfen der National Security Agency deswegen vor, die Tonkin-Papiere wegen der Vorgeschichte des Irak-Abenteuers und der luftigen Bedrohung durch Massenvernichtungsmittel von Saddam Hussein zurückzuhalten. "Dabei ist dieses Material gerade für die Debatte um den Krieg im Irak wichtig und dient der Reform unserer Geheimdienste", sagt Aid. "Es geheim zu halten, nur um die NSA zu schützen, wäre der falsche Weg."

Sein Kollege Hanyok hat in den Dokumentenkammern und Tonband-Archiven der NSA vor allem nordvietnamesische Funksprüche ausgewertet, die vor und beim Einlaufen der "Maddox" in den Golf von Tonkin abgefangen wurden.

An solchen Unterlagen herrschte kein Mangel, da die "Maddox" einen Container mit Gerät zum Abhören des Funkverkehrs an Bord hatte. Und schon zuvor hatte "Maddox"-Kapitän John J. Herrick einen mit Lauschapparaten bestückten Zerstörer vor der Küste Chinas unbehelligt auf- und abgefahren.

Auch am 2. August, als die "Maddox" schon einmal im Krisengewässer des Tonkin-Golfs stand, gab es viel zu hören. Der Zerstörer war nämlich von Schnellbooten der Nordvietnamesen attackiert worden, schlug diese aber leicht mit seinen Turmgeschützen in die Flucht.

Am Schicksalstag des 4. August, als die "Maddox" wieder in den Golf von Tonkin einlief, sorgte eine Meldung der NSA für neue Hochspannung. Ein Torpedo-Angriff, hieß es in der verschlüsselten Nachricht, stehe "unmittelbar" bevor. Herrick ging auf jenen Zickzack-Kurs, bei dem der Peilstrahl des Sonargeräts immer wieder auf das Ruder des Zerstörers traf.

Der NSA-Historiker Hanyok entdeckte noch mehr. Er fand in den Übersetzungen der nordvietnamesischen Funksprüche zahlreiche Fehler und davon gleich "ein Muster", wie jetzt die "New York Times" berichtet. Ganze Zitate seien beim Auswerten "selektiv" ausgewählt und von NSA-Offizieren "absichtlich verdreht" worden. Der wichtigste Übersetzungsfehler sei zwar rasch gefunden, dann aber nicht korrigiert und hernach sogar vertuscht worden. Insgesamt sei an den Funksprüchen so lange "herumgedoktert" worden, bis die vermeintlichen Beweise für einen Angriff auf die "Maddox" vorgelegen hätten.

Was dann geschah, bewegte die Welt. Denn nur drei Tage später setzte Präsident Johnson im Kongress die sogenannte Tonkin-Resolution durch, die nichts anderes als ein Blankoscheck zur Ausweitung des Krieges war. Die Resolution trug den Titel "Vereinigte Entschließung zur Förderung von Frieden und Sicherheit in Südostasien" und wurde im Abgeordnetenhaus mit 416 Stimmen angenommen - kein einziger der Volksvertreter stimmte dort dagegen.

Falke McNamara wurde zur Taube

Historiker Hanyok geht davon aus, dass Präsident Johnson von der Manipulation und Täuschung durch die NSA-Leute nichts wusste. Doch Zweifel schien der Texaner zu hegen. Gegenüber dem damaligen Staatssekretär im State Department, George Ball, äußerte er: "Zur Hölle, diese doofen Seeleute haben ja nur auf fliegende Fische geschossen."

Noch heute aber erinnert sich der intellektuelle Architekt des asiatischen Landkriegs an die Berichte des Abhördiensts: Johnsons Verteidigungsminister Robert McNamara, zu jener Zeit ein politischer Falke, der auf den Kalten Krieg mit der Sowjetunion und China fixiert war.

Und wie schon John F. Kennedy, Johnson und zunächst auch Richard Nixon, hing McNamara dem Glauben an, dass mit Vietnam ein Eckpfeiler der freien Welt abhanden käme und die Kommunisten anschließend ganz Südostasien vereinnahmen würden. Selten hatten sich Politiker derart geirrt. Sie nahmen nicht wahr, dass keineswegs die Eroberung der Nachbarländer, sondern die Wiedervereinigung Vietnams das Hauptziel Ho Tschi-minhs und seiner Generäle war.

In einem Interview hat der 89-jährige McNamara vor kurzem erst mitgeteilt, dass die Berichte des Abhördienstes eine entscheidende Rolle bei der Ausdehnung des Vietnam-Kriegs gespielt hätten. Er selbst sei aber nie darüber informiert worden, dass die Nachrichten womöglich nur aufgeblasen wurden, um einen Angriff der Schnellboote zu suggerieren.

Der politische Vietnam-Veteran der höchsten Ebene hat sich inzwischen vom Falken zur Taube gewandelt. Den Krieg im Irak lehnte McNamara ab: "Er ist moralisch falsch, er ist politisch falsch und er ist wirtschaftlich falsch."

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