Vietnam-Konflikt Der verdrängte Krieg

Vor 50 Jahren eskalierten die USA den Vietnamkrieg, vor 40 Jahren verließen sie das Land: Lange haben die Veteranen von damals geschwiegen, jetzt reden sie. Ihre Kinder und Enkel spielen derweil den Dschungelkampf nach.

Aus North Carolina berichten und


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Den ersten Wegweiser entdeckt er zufällig beim Vorbeifahren. "Nam" steht darauf. Diese drei Buchstaben nur, aber James Starling weiß, was sie bedeuten. Schließlich war er selbst in "Nam", als US-Soldat in Vietnam. Er trägt an diesem Tag die schwarze Baseballkappe, auf der in weißen Buchstaben "USMC" steht: United States Marine Corps.

Der 71-Jährige folgt den Schildern am Straßenrand, es geht durch hügelige Landschaft im Osten des Bundesstaats North Carolina. Samstagmorgen, die Sonne steht noch tief. Starling lenkt sein altes BMW-Cabrio auf einen Feldweg, über eine Kuppe, und dann sieht er sie.

Drei dunkelgrüne Zelte, davor ein Dutzend Männer in alten US-Uniformen. Aus einem Lautsprecher dröhnt der 1964er Hit "House of the Rising Sun": "Mütter, sagt euren Kindern, sie sollen nicht tun, was ich tat."

"Flashback", sagt Starling, "ich habe einen Flashback." Der Mann ist in ein sogenanntes Reenactment hineingeraten: Der möglichst originalgetreuen Nachstellung von Szenen aus Kriegen, in denen US-Soldaten kämpften. Amerikaner mögen das. Auf diesem Feld, in diesem Wald spielen sie Vietnam nach. Starling fühlt sich um 50 Jahre zurückversetzt.

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Meistens wird der amerikanische Bürgerkrieg nachempfunden, auch der Zweite Weltkrieg mit dem Kampf gegen die Nazis steht hoch im Kurs. Es sind Kriege, in denen am Ende das Gute triumphierte. Aber Vietnam? Das ist Tragödie statt Heldenerzählung. Wer heute den Konflikt in Südostasien nachspielt, der bleibt meist unter sich. An diesem Samstag in North Carolina sind es 26 Mitspieler, ein Drittel spielt Vietcong-Guerilla und nordvietnamesische Soldaten, der Rest verkleidet sich als GI. Zuschauer? Nur James Starling, der Vietnam-Veteran.

  • Vietnam - das ist der erste Krieg, den die USA verloren haben.

  • Ein Krieg, der mehr als 58.000 US-Soldaten und bis zu drei Millionen Vietnamesen das Leben kostete.

  • Ein Krieg, in dem die Supermacht Amerika ihre Unschuld verlor und der ihr Ansehen ruinierte.

  • Ein Krieg, den die Nation seither zu vergessen, zu verdrängen suchte.

Und tatsächlich vergaß sie ihn so sehr, dass George W. Bush das Land in einen weiteren, ähnlich sinnlosen Krieg führen konnte. Das neue Vietnam heißt seither Irak.

Auch durch diese Parallelen hat der verdrängte Krieg zuletzt Aufmerksamkeit erlangt. Zudem hat sich in dieser Woche die Flucht der letzten Amerikaner per Hubschrauber vom Dach der US-Botschaft in Saigon zum vierzigsten Mal gejährt. Und 50 Jahre ist es jetzt her, dass die USA den Konflikt eskalierten.

James Starling war damals dabei, im März 1965, als die U.S. Marines im südvietnamesischen Da Nang an Land gingen.

USMC

"Ich war naiv", sagt der 71-Jährige über den damals 21-Jährigen. Er hatte sich freiwillig gemeldet, wollte sein wie John Wayne oder Audie Murphy, Amerikas größter Held im Kampf gegen die Deutschen. "Also ging ich nach Vietnam - und dann war alles vergeblich." Ein Stigma sei der Krieg für Veteranen wie ihn, sagt Starling. Als er in die USA zurückkehrte, habe man ihn bespuckt.

Vietnam sei ganz anders gewesen als der Zweite Weltkrieg: "Wir hatten gute Gründe, gegen Deutschland und Japan zu kämpfen. Da war Hitler, da war Pearl Harbor." Aber Südostasien? Starling zuckt die Schultern. "Die Regierung entsendete mich, also bin ich gegangen."

"Greatest Generation" werden die Veteranen des Zweiten Weltkriegs in den USA genannt. Starling und Co. dagegen heißen "Lost Generation". Fast fünfzig Jahre habe er geschwiegen. So wie sein Land.

"Aber jetzt drückt es raus, ich will reden, ich will das loswerden", sagt Starling.

Er sei stolz auf die Marines, aber sehr traurig wegen des Kriegs. Vor drei Jahren hat Barack Obama versucht, eine Brandmauer zwischen Vietnam-Veteranen und den Vietnamkrieg seiner Vorgänger Johnson und Nixon zu ziehen: "Euch wurde ein Krieg vorgeworfen, den nicht Ihr angefangen habt", sagte der US-Präsident vor Veteranen in Washington: "Ihr solltet stattdessen für euren Dienst gelobt werden." In Obamas Denken spielt der Vietnamkrieg eine zentrale Rolle: Als Beispiel dafür, wie Amerika seine Macht nicht einsetzen sollte.

Irak-Veteran Jimmy Nance
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Irak-Veteran Jimmy Nance

Und wenn der Präsident über Vietnam spricht, dann hat er immer auch die Kriege in Afghanistan und im Irak im Hinterkopf. Im Fall des Irak erlebt Obama gerade, wie schwer es ist, sich einem Konflikt zu entziehen, den man selbst angefeuert hat.

Der Aufstieg der Terrormilizen des "Islamischen Staats" (IS) sei ein "direkter Auswuchs von al-Qaida im Irak, die wiederum ein Auswuchs unserer Invasion war", sagte Obama kürzlich. Dies sei ein Beispiel unbeabsichtigter Folgen: "Deshalb sollten wie generell erst zielen, bevor wir schießen."

Im Vietnam-Zeltlager von North Carolina gibt Jimmy Nance US-Soldaten und Vietcong die Weisungen: Wo im Wald die einen marschieren, wo die anderen einen Angriff aus dem Hinterhalt ausführen sollen. Natürlich macht er das so, dass die beiden verfeindeten Fraktionen nichts mitbekommen von den Plänen der jeweils anderen. Nance ist auch in Realität Soldat, Berufsoffizier in der Army, kräftig gebaut, leise Stimme.

Falsche, sinnlose Kriege haben die USA aus seiner Sicht nicht geführt. Nicht in Vietnam, nicht im Irak. Diese Kritik will er nicht akzeptieren. "Wir haben immer versucht, den Leuten dort zu helfen", sagt er. Nance war zwei Mal im Irak. Als er das erste Mal nach Hause zurückkehrte, traf er auf Vietnam-Veteranen: "Ich merkte, wie ähnlich unsere Erfahrungen sind."

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Vor allem der Kampf gegen einen Gegner, der plötzlich auftaucht und dann wieder verschwindet. "Da fährt man immer wieder diese eine Straße im Irak entlang, nichts passiert. Aber eines Tages geht plötzlich ein Sprengsatz auf genau dieser Straße in die Luft."

Die Vietnam-Veteranen, sagt der 47-Jährige, würden verstehen, was er im Irak durchgemacht habe; und er verstehe, was sie in Vietnam durchgemacht hätten. Seitdem spielt er nicht mehr den Civil War nach, sondern organisiert Vietnam-Reenactments. Erinnern durch Kriegsspiel: Das ist eine sehr amerikanische Art des Umgangs mit Geschichte.

James Starling schüttelt zum Abschied einem 18-jährigen Vietcong-Darsteller die Hand: "Es war gut, dich hier zu sehen. Auch wenn wir früher Feinde waren."

Dann steigt Starling in seinen BMW und der Vietnam-Krieg geht weiter.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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rainbow-warrior999 01.05.2015
1. Mich bedrückt zwar
das die Amis "Re-Actment" spielen, aber dieser ehemalige Vietnam-Soldat berührt mich auch. "Ich mag keinen Krieg" . Vietnam war ein Kriegsverbrechen der USA (Napalm,Agent Orange etc.) , der es niemals wirklich um die "Befreiung" des vietnamesischen Volkes ging (genausowenig wie es heutzutage um Freiheit für Irak, Lybien oder Syrien ging oder geht-alles nur hohle Propaganda, auf die glücklicherweise immer weniger Menschen abfahren). Erschreckend, daß heute neue Feindbilder (Rußland) aufgebaut werden - aber auch hier können die Bürgerinnen weltweit ein Stopsignal setzen. Es gibt übrigens auch in USA Proteste und Demos für echte (!) Demokratie und gegen Repression. Nur wird darüber in den Mainstreammedien kaum oder gar nichts berichtet. Dennoch: eine andere Welt ist möglich!
irrenderstreiter 01.05.2015
2.
"Ein Krieg, in dem die Supermacht Amerika ihre Unschuld verlor und der ihr Ansehen ruinierte." - diese angebliche "Unschuld" ust nichts als ein Märchen.
alphabravocharly 01.05.2015
3. So …
… kann man das nicht sehen. Denn der Vietnamkrieg war keine Tragödie, sondern ein Verbrechen! Oder wie sonst soll man einen Krieg bezeichnen, der mit einem erlogenen Vorwand begonnen wurde und mit Dioxin, Napalm und Flächenbombardements gegen die Zivilbevölkerung feige geführt wurde. Haben die USA bislang irgendeine Art von Wiedergutmachung geleistet oder sich wenigstens entschuldigt? Die wissen sehr gut, warum sie das Den Haager Kriegsverbrechertribunal nicht anerkennen. Einen solch wohlwollend drolligen Artikel über nachgestellte Kriegsverbrechen zu schreiben ist erbärmlich!
Pfaffenwinkel 01.05.2015
4. Als alter 68er
habe ich den brutalen Vietnam-Krieg nicht vergessen, er hat mein negatives Bild von den USA nachhaltig geprägt.
helmut46 01.05.2015
5. Aber bitte mit Agent Orange-Einsatz
Wenn Amerikaner den Vietnam-Krieg "nachspielen" wollen, sollen sie aber bitte auch Agent Orange einsetzen. Nur so können sie erleben, was die USA dem vietnamesischen Volk angetan hat. Die Folgen des Einsatzes dieser Chemiewaffe haben noch heute die Neugeborenen in Vietnam durch Missbildungen zu ertragen. Die USA sollte zur Verantwortung der Folgen dieses Krieges stehen. Aber es ist natürlich bequemer, den Dschungelkampf und die "glorreichen Einsätze" der US-Armee nachzuspielen.
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