Vietnam-Trauma Nachts, wenn die Toten zurückkommen

Till Mayer

Aus Chicago berichtet

2. Teil: Der Krieg wirft einen langen Schatten bis ins Heute


Barry Romo ist mit seinem Bericht über den Krieg fast am Ende angelangt, von Erleichterung keine Spur. Sein persönliches Kriegsende kommt mit unsäglichem Leid. Der fast gleich alte Neffe wird eingezogen und fällt. "Wir sind zusammen wie Brüder aufgewachsen", sagt der Veteran. Sie brauchen Tage, bis sie den Jungen aus dem Busch bergen können. Barry Romo wird mit einem Hubschrauber von der Front abgezogen. In Kampfmontur, verschwitzt und verdreckt, begleitet er den halbverwesten Leichnam in die Heimat.

"Vermutlich hat der Tod meines Neffen mir das Leben gerettet", sagt Romo. Als der junge Leutnant abgezogen wird, gilt er in der Truppe längst als einer, der darauf wartet, dass der Tod ihn holt. Romo hätte nur noch wenige Wochen Dienstzeit in Vietnam. Er wird nicht mehr zurückgeschickt. Zurück in den USA, beendet er als "Infantry Training Company Commander" ein Jahr später seinen Militärdienst. Ein Jahr, in dem er nach seinen Dienststunden regelmäßig zur Whiskeyflasche greift. Ein Jahr der Betäubung.

"Der Zivilist Barry Romo trug dann lange Haare und entdeckte seine Vorliebe für riesige Burger." Der 62-Jährige versucht ein trauriges Lächeln. Student Barry Romo, der sich 1969 an einem College und später an einer Universität in Kalifornien einschreibt, trägt vor allem eines in sich: eine unbändige Wut, die sein Studium von vornherein zum Scheitern verurteilt.

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Trauma Vietnam: Der Krieg im Kopf

"Bin ich noch ein guter Mensch?"

Eine Wut auf Kommilitonen, die den Krieg gutheißen - "aber selbst nicht an die Front wollen". Auf alle, die nicht begreifen können, was er fühlt. Wut auf die Kriegsmaschinerie, die weiter wütet. "Ich hab mich so betrogen gefühlt", sagt Barry Romo heute. Am zerstörerischsten ist die Wut auf sich selber. Es ist eine simple Frage, die sich ein Veteran stellt, der sechs Menschen getötet hat: "Bin ich noch ein guter Mensch?"

Eine Frage, die einen ehemaligen Frontkämpfer zerbrechen lassen kann. Zusammen mit den Schuldgefühlen, dass man selber überlebt hat, während andere sterben mussten. Manche sehen im Freitod den einzigen Ausweg. Mehr als 60.000 Vietnam-Veteranen nahmen sich laut einer Studie das Leben. Barry Romo kennt die Zahl gut. Das sind mehr als die US-Streitkräfte an Gefallenen im -nie erklärten - Vietnam-Krieg vermeldeten: 58.193 von rund zwei Millionen Soldaten im Einsatz.

Der Krieg wirft einen langen Schatten bis ins Heute: 1972 sitzen 300.000 Vietnam-Veteranen hinter Gittern. Junge Männer, die ihren Platz im zivilen Leben nicht mehr finden können. Manche bis heute nicht: Das U.S. Department for Veteran Affairs schätzt im Jahr 2008, dass 61.600 Vietnam-Veteranen permanent obdachlos sind.

Barry Romo ist 1972 schon kein Student mehr. Bis zu seiner Pensionierung vor wenigen Monaten verdient er seinen Lebensunterhalt als Arbeiter. Aber es ist das Jahr, in dem er wieder nach Vietnam zurückkehrt. Als ein Sprecher der "Vietnam Veterans Against the War" zusammen mit der Sängerin Joan Baez, Reverend Michael Allen und dem Hauptankläger der Nürnberger Prozesse, Telford Taylor.

Der Krieg kann nicht von ihm lassen und er nicht vom Krieg

Romo hat seinen Weg gefunden, dem Trauma und der "Schuld" den Kampf anzusagen: Er hat dem Vietnam-Krieg den Krieg erklärt. Die Sängerin, der Reverend, Taylor und der Veteran reisen im Winter nach Hanoi, in die Hauptstadt des Feindes. Um dort eine USA zu repräsentieren, die den Krieg kritisiert. In Hanoi müssen sie im Keller Schutz suchen. Nixon lässt die Hauptstadt der Nordvietnamesen bombardieren. "Die Vietnamesen haben zuerst uns in Sicherheit gebracht. Ich habe mich geschämt", sagt der 62-Jährige heute.

Romo und seine Antikriegsveteranen machen in den USA mobil gegen einen Krieg, der immer unpopulärer wird, bespitzelt vom FBI, bedroht von Polizeiknüppeln. Doch selbst der "Playboy" gibt den "Vietnam Veterans Against The War" eine kostenlose Anzeigenseite.

Barry Romo holt eine abgegriffene Schachtel, stellt sie auf den Küchentisch und fischt Orden heraus. Behutsam hält er sie in der Hand. Es ist ein eigenartiges Bild: Der Krieg kann nicht von ihm lassen und er nicht vom Krieg. 1971 warfen Tausende von Veteranen ihre Orden symbolisch vor dem Supreme Court in Washington in den Abfall. Auch Barry Romo. Aber er bestellt sie sich wieder nach. Beweisstücke, dass er kein "Cry Baby" ist. So verspotteten die Weltkriegsveteranen der "Legion" jene Vietnam-Veteranen, die öffentlich sagten, dass der Krieg ihre Seele zerfraß.

Es ist Mittagszeit. Um die Ecke ist ein kleines mexikanisches Restaurant. Der Weg führt an einer großen Werbetafel der Marines vorbei. Ehre, Vaterland - damit werden neue Rekruten für Irak und Afghanistan geworben. Im Vietnam-Krieg klangen die Parolen kaum anders.

Neulich hat sich der Veteran des Vietnam-Kriegs mit Irak-Veteranen getroffen. Junge Männer und Frauen mit einer erschreckenden Wut im Bauch, die er nur zu gut kennt. Man macht gemeinsame Sache gegen den "Bush-Krieg". Barry Romo hat ihnen erzählt, wie sich noch nach über 40 Jahren jede Nacht seine Kriegsbücher-Regale, seine Vietnam-Bilder, seine Matratze auf dem Boden in den Dschungel verwandeln. Er sah es in ihren Augen, sie hatten Angst vor seinem Schicksal, vor ihrer Zukunft.

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timewalk 05.04.2010
1. Agent Orange
Agent Orange Victims Sue Monsanto http://www.corpwatch.org/article.php?id=11638 Agent orange babies http://www.flickr.com/photos/juliedermansky/268702478/ Veterans Return to Vietnam to Study Agent Orange http://www.commondreams.org/newswire/2010/03/30-1 Military Update: New Agent Orange rule to allow retroactive claims http://www.svherald.com/content/news/2010/04/02/military-update-new-agent-orange-rule-allow-retroactive-claims
Marie Laveau 05.04.2010
2. Agent Orange
Wie wäre es, wenn auch die eigentlichen Kriegsopfer erwähnt werden, die drei Millionen toten Vietnamesen? http://www.vanityfair.com/politics/features/2006/08/hitchens200608
stesoell 05.04.2010
3. Antwort
@timewalk @Marie Laveau Barry Romo ist EIN OPFER eines Krieges. Er ist es nicht weniger als alle anderen Opfer jenen Krieges. Welche Absicht wollen Sie mir vermitteln? WW1, WW2, Korea, Vietnam, Irak, Afghanistan ....... Krieg bleibt Krieg und ist zu verabscheuen.
gloriaD 05.04.2010
4. Nichts ist dem Militarismus so gefährlich, wie die Wirklichkeit des Krieges
Zitat von Marie LaveauWie wäre es, wenn auch die eigentlichen Kriegsopfer erwähnt werden, die drei Millionen toten Vietnamesen? http://www.vanityfair.com/politics/features/2006/08/hitchens200608
*Es gehört zu den festen Ritualen des Rückfalls in die Barbarei des Krieges, dass stets nur die eigenen Opfer gezeigt werden, um den Haß gegen den Gegner aufzustacheln und sich für die eigenen Brbarei zu rechtfertigen und sie zu verdrängen.* Würden solche Bilder, http://www.youtube.com/watch?v=x3VoyjUP8hg also die Wirklichkeit des Krieges, täglich in der Öffentlichkeit, in Schulen, in Parlamentssälen, in denen über Krieg abgestimmt wird, in Kaserenen und Universitäten, in Betrieben und überall dort gezeigt, wo diejenigen leben, die über Krieg abstimmen oder in deren Namen gebombt und gemordet wird und eben solche Opfer erzeugt werden, dann würde sich die Diskussion schlagartig ändern. *Nichts ist dem Militarismus so gefährlich, wie die Wirklichkeit des Krieges * - und das sind auch die Opfer, die zu Soldaten ausgebildet wurden und Krieg dann nicht ertragen konnten. Die werden versteckt, alleine gelassen und verdrängt. Man sollte den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft daran messen, in welchem Maße sie sich mit dieser Kriegswirklichkeit befaßt oder sie verleugnet.
Hubert Rudnick, 05.04.2010
5. Trauma der Krieger
Zitat von sysopIn seinem Kopf hört der Krieg nie auf: Vietnam-Veteran Barry Romo sieht fast jede Nacht gefallene Kameraden und getötete Vietcong, hört Schreie und Schüsse aus dem Dschungel. Viele ehemalige US-Soldaten haben im Kampf gegen ihre Albträume kapituliert: Bereits 60.000 nahmen sich das Leben - mehr, als im Krieg gefallen sind. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,685629,00.html
----------------------------------------------------------- So ein Trauma kennen doch viele der Soldaten, sie haben in den Kriegen immer viel selbst durchmachen müssen, aber daran denken die jungen Burschen von heute natürlich nicht, wenn sie für eine handvoll Dollars in die Kriege ziehen. Aus Deutschland braucht nicht eine Soldat freiwillig in den Krieg ziehen, denn keiner wurde gezwungen den Kriegsberuf auf sich zu nehmen. Abenteurlust, oder was treibt immer wieder junge Menschen dazu sich so etwas auszusetzen? Der Frieden wird nicht irgendwo am anderen Ende der Welt für Deuschland verteidigt, es sind nur die strategischen Ziele derr USA. Wenn man auf das Gerede der jeweiligen Politiker hereinfällt und sich selbst so kaum seine Gedanken macht, dann ist das jedem seine Schuld. Der ausgeschiedene Politiker Peter Struck hatte es neulich erst wieder sehr deutlich gesagt, sein Gerade von der Verteidigung des Frieden am Hindukusch war nur eine ganz dumme Bemerkung, die er aber selbst nie wirklich ernst gemeint hatte. Wenn solche Politiker in ihrer Amtszeit was sagen, dann darf man es also auch nie als etwas wahres ansehen,wer das trotzdem macht, der ist derjenige, der später mit seinem Leben nichts mehr anfangen kann. HR
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