Jüdischer Weltkongress: Orbán redet den Antisemitismus in Ungarn klein

Aus Budapest berichtet

Ungarns Premier Orbán bei seiner WJC-Rede: "Ungerechte EU" Zur Großansicht
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Ungarns Premier Orbán bei seiner WJC-Rede: "Ungerechte EU"

Auf dem Jüdischen Weltkongress verärgert Ungarns Premier die Anwesenden: Statt konkrete Maßnahmen gegen Antisemitismus vorzuschlagen, versucht Viktor Orbán das Problem kleinzureden. Auf den Straßen von Budapest ziehen derweil die Rechtsextremen umher.

Es gleicht einem Wunder, dass Vera Vadas lebt. Im Dezember 1944 deportierten die Nazis ihren Vater und ihre schwangere Mutter aus Budapest zunächst in das KZ Bergen-Belsen, im April 1945 nach Theresienstadt. Immer wieder entgingen sie in diesen letzten Kriegsmonaten knapp der Ermordung und dem Hungertod. Am 9. Mai 1945 wurde Vera Vadas in Theresienstadt geboren - am Tag nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee.

Sie wuchs in Budapest auf, die Geschichte ihrer Eltern und die Umstände ihrer Geburt kannte sie von klein auf an. Sie studierte Volkswirtschaft und arbeitete lange im Tourismus- und Kulturbereich. 1998 gründete sie das Budapester "Jüdische Sommerfestival", inzwischen eines der größten und erfolgreichsten seiner Art in Europa, auch ein Touristenmagnet für Budapest und ein Zeichen des "blühenden jüdischen Lebens in Ungarn", wie die Regierung gern betont.

Vera Vadas ist klein, zierlich und sehr energisch. Immer sei sie offen stolz auf ihr Jüdischsein gewesen, erzählt sie. Nie habe es damit in Ungarn Probleme gegeben. Seit einigen Jahren jedoch habe sie angesichts von wachsendem Antisemitismus im Land ein "unangenehmes Grundgefühl". "In Gefahr sind wir nicht", sagt Vera Vadas, "aber es ist empörend, wie weit es mit unserem Land gekommen ist".

Eine rechtsextreme 17-Prozent-Partei, eine Regierungsmehrheit, in der antiziganistische und antisemitische Bestrebungen salonfähig sind, ein Regierungschef, der wöchentlich europafeindliche und nationalistische Reden hält - angesichts dessen empfinden derzeit die meisten der rund 100.000 ungarischen Juden ähnlich wie Vera Vadas. Und angesichts dessen hält der Jüdische Weltkongress (WJC) derzeit seine Tagung in Budapest ab - als Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus.

Hoffnung auf klares Signal von Orbán

Normalerweise spricht zur Eröffnung eines jeden WJC-Kongresses der Regierungschef des Gastlandes ein Grußwort. Vom ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán erwarteten die WJC-Delegierten diesmal mehr. Sie fordern ein unmissverständliches Signal gegen Antisemitismus im Land, gegen die Liebäugelei mit dem rechten Rand.

Im Vorfeld der Konferenz hatte der WJC-Präsident Ronald Lauder scharfe Kritik an Ungarns Regierungschef und den politischen Zuständen in Ungarn geübt: Orbán habe "seinen politischen Kompass verloren" und wirke wie "ein Vordenker des ungarischen Nationalismus", monierte er.

Am Sonntagabend, während der feierlichen Eröffnung der WJC-Tagung, schlug Lauder versöhnlichere Töne an. "Die ungarischen Juden brauchen Sie für eine Botschaft an das ganze Land, dass Intoleranz nicht toleriert wird", forderte er vom ungarischen Regierungschef.

Orbán verteidigt seinen Kurs

Viktor Orbáns Rede war mit großer Spannung erwartet worden. Doch was der ungarische Regierungschef zu verkünden hatte, war keine Wende. Wie bei vielen anderen Gelegenheiten versprach Orbán, dass "Antisemitismus in Ungarn inakzeptabel" sei und seine Regierung "null Toleranz" zeigen werde.

Zugleich beschwerte sich der Regierungschef über die aus seiner Sicht ungerechtfertigte Kritik an Ungarn: Im Unterschied zu anderen Ländern gäbe es in seinem Land keine Anschläge auf Synagogen, auch habe man eine Serie von Maßnahmen gegen Antisemitismus ergriffen - und sorge dafür, dass der Holocaust nicht in Vergessenheit gerate.

Nicht nur in Ungarn, sondern überall in Europa verstärkten sich Antisemitismus und Rechtsextremismus, sagte Orbán. Europa müsse sich fragen, was es falsch gemacht habe. In Ungarn habe man darauf eine Antwort gefunden: Eine starke nationale und christliche Identität, wie seine Regierung sie betone, sei die beste Voraussetzung für gegenseitige Anerkennung und Respekt.

Ungarn als starke Nation und Volksgemeinschaft, Ungarn als christliches Bollwerk in einem Europa ohne traditionelle Werte - so argumentiert Orbán oft. Zuletzt hatte sich der Regierungschef am vergangenen Freitag in seiner wöchentlichen Radiosendung über das "ungerechte Europa" und die "ungerechte EU" beklagt, die "Nationalstaaten nicht respektieren".

Enttäuschung auf ganzer Linie

Der Beifall auf Orbáns Rede war verhalten, viele WJC-Delegierte waren enttäuscht. "Ich hätte mir viel mehr erhofft", sagte der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, SPIEGEL ONLINE. Der Jüdische Weltkongress bemängelte, dass Viktor Orbán keine konkreten Maßnahmen gegen Rechtsextremismus vorgeschlagen habe. Viele ungarisch-jüdische Beobachter waren von Orbáns Rede ebenfalls enttäuscht. Sie sei eine "Komödie" gewesen, sagte der Religionsphilosoph György Gábor.

János Lázár, der Kanzleichef des ungarischen Ministerpräsidenten, verwahrte sich nach Orbáns Rede gegen Kritik: "Es ist nicht würdig und fair, wenn wir in den Medien pauschal als Antisemiten dargestellt werden", sagte er. Immerhin räumte er ein, dass es Probleme gibt. Zum Beispiel, dass in Ungarns "Nationalem Grundlehrplan" antisemitische Schriftsteller und Ideologen der Zwischenkriegszeit zur Lektüre empfohlen werden. Sie sollten nicht als "positives Vorbild" hervorgehoben werden, sagte Lázár.

Vera Vadas, die in Theresienstadt geborene Jüdin, ist von der Rede des ungarischen Regierungschefs enttäuscht. "Leider hat Orbán nichts Konkretes versprochen", sagt sie. "Dabei müssten der allgemeinen Abgrenzung vom Antisemitismus endlich einmal Taten folgen."

Wie ernst es Orbán und seine auch in Budapest regierende Partei "Bund Junger Demokraten" (Fidesz) mit der Unterstützung für das "blühende jüdische Leben" in Ungarn meinen, hat Vadas als Direktorin des "Jüdischen Sommerfestivals" in den vergangenen Jahren zu spüren bekommen. Seit 2010 wird Budapest von Orbáns Parteifreund István Tarlós regiert, als Oberbürgermeister machte er unter anderem einen bekennenden Rechtsextremisten zum Direktor des angesehenen Neuen Theaters. Die ohnehin eher mäßige finanzielle Beteiligung der Stadt am "Jüdischen Sommerfestival" hingegen strich Tarlós radikal zusammen - im laufenden Jahr stoppte er sie ganz.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
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1. ........
janne2109 06.05.2013
kann man so eine miese Haltung klein reden?
2. Keine Nazis, sondern die Deutschen deportierten Vera Vadas ins KZ.
krakauer.pl 06.05.2013
Bitte sehr korrekt zu schreiben. Weder gibt es noch gab es ein Folk mit dem Namen Nazi.
3. Antisemitismus
jouvancourt 06.05.2013
Schade, dass überall auf der Welt wieder Ressentiments gegen Andersgläubige zunehmen!
4. alle deutschen ...
rev 06.05.2013
oh ja sie kluger mensch. es waren DIE deutschen - alle zusammen und jeder hat mitgeholfen. kommen sie mal wieder runter!
5.
Kurt2.1 06.05.2013
Zitat von sysopAFPAuf dem Jüdischen Weltkongress verärgert Ungarns Premier die Anwesenden: Statt konkrete Maßnahmen gegen Antisemitismus vorzuschlagen, versucht Viktor Orbán das Problem kleinzureden. Auf den Straßen von Budapest ziehen derweil die Rechtsextremen umher. Viktor Orbán enttäuscht mit Rede auf Jüdischem Weltkongress - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/viktor-orban-enttaeuscht-mit-rede-auf-juedischem-weltkongress-a-898237.html)
Ich bin ein Europabefürworter, allerdings nicht wegen des Euro, sondern in erster Linie deswegen, weil nicht nur D in Schach gehalten werden muss wegen seiner Größe, sondern auch, damit nicht solche Nazizwerge wie Orban und Konsorten wieder Einfluss gewinnen. Das muss ein für allemal zu Ende sein in Europa!!!! Greift die EU hier nicht entschieden durch, verliert sie ihr Existenzrecht. Ausserdem erwarte ich, speziell von deutschen Konservativen, ein entschiedens Auftreten gegen dies Nazi-Pack. Erster Schritt: *Keinerlei Zahlungen* an Ungarn, solange diese Leute an der Macht sind.
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Fläche: 93.027 km²

Bevölkerung: 9,982 Mio.

Hauptstadt: Budapest

Staatsoberhaupt:
János Áder

Regierungschef: Viktor Orbán

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