Visa-Panne in China Schwarzhändler hackten deutsche Konsulats-Website

Monatelang müssen Chinesen auf ein Visum für die Bundesrepublik warten. Jetzt wurde die Geduld der Antragsteller noch mehr strapaziert: In Shanghai hackten Schwarzhändler die Internetseite des deutschen Generalkonsulats und boten zu horrenden Preise Termine an.

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Deutsche Botschaft in Peking: 370 Euro für einen Konsulatstermin
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Deutsche Botschaft in Peking: 370 Euro für einen Konsulatstermin


Die Beziehungen zwischen China und der Bundesrepublik blühen: KanzlerinAngela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle werden wohl im August nach Peking reisen, für Merkel ist es bereits die zweite China-Tour in diesem Jahr. Mehrere Minister begleiten sie zu den sogenannten Regierungskonsultationen.

Wirtschaftlich brummt es also zwischen beiden Ländern. Im vorigen Jahr handelten sie mit Gütern im Wert von über 140 Milliarden Euro - soviel wie noch nie. Da ist es nur natürlich, dass immer mehr Chinesen nach Deutschland reisen - als Geschäftsleute, Investoren, Wissenschaftler oder Touristen.

Doch bei den Besuchen laufen die Dinge nicht so, wie sie sollten. Chinesen, die vor der geplanten Reise in einem deutschen Konsulat ein Visum beantragen, müssen mitunter Monate auf das Dokument warten. "Wir kommen nicht mehr mit", sagt ein deutscher Diplomat in China resignierend über die Antragsflut. "Das behindert die Zusammenarbeit, auch die wirtschaftliche."

Spontane Visiten sind in den meisten Fällen nicht möglich. Rund 200.000 Visa stellen die vier deutschen Konsulate in Peking, Shanghai, Kanton und Chengdu mittlerweile im Jahr aus. Um Missbrauch und Schummeleien zu vermeiden, müssen die meisten Antragsteller persönlich erscheinen. Das sieht eine Vorschrift der am Schengen-Abkommen beteiligten europäischen Staaten vor.

Den Termin für den Konsulatsbesuch erhalten Antragsteller nur online. Das kostet aber oft so viel Zeit, dass Geschäftsleute ihre Termine verpassen, Rockmusiker Konzerte absagen müssen und chinesische Eltern ihre Kinder in Deutschland nicht zum geplanten Zeitpunkt besuchen können.

In Shanghai kam es kürzlich gar zu einer peinlichen Panne: Schwarzhändler hackten sich in die Internet-Seite des deutschen Generalkonsulats, auf der die Bewerber einen Gesprächstermin vereinbaren müssen - kaperten die Interview-Termine und verkauften sie im Internet. Ein Schwarzmarkthändler bot auf der Internet-Seite des Internet-Verkaufsforums Taobao, der chinesischen Variante von Ebay, gleich zwölf Termine an. Für jeden verlangte er 1499 Yuan (umgerechnet ca. 184 Euro). Andere Anbieter versuchten, bis zu 370 Euro herauszuschlagen.

Die Folge: Besuche im Generalkonsulat waren nach Aussage von Antragstellern über Wochen und Monate blockiert. Das bekamen etwa die Eltern der Chinesischlehrerin Yan Lu-Schömburg aus Shanghai zu spüren, die in Deutschland ihre Tochter und den deutschen Schwiegersohn, einem Airbus-Ingenieur, besuchen wollten. "Einen Besprechungstermin im Konsulat Shanghai zu bekommen, ist fast unmöglich", sagt Lu-Schömburg.

Private Firmen sollen die Interviews mit den Antragstellern führen

Xiao Lin, die zu ihrem Freund fliegen wollte, hatte ähnliche Probleme: Jeden Morgen um sechs Uhr, wenn die neuen Termine vergeben werden sollten, versuchte sie sich auf der Internet-Seite anzumelden - ohne Erfolg. Später erfuhr sie, dass bis zum 28. Juli alle Daten ausgebucht waren.

Schließlich schlossen sich im Mai Dutzende von Bewerbern zusammen und schrieben eine Gemeinschaftsbeschwerde an das Konsulat. Die deutschen Diplomaten reparierten die Internetseite und stoppten so den Missbrauch. Inzwischen setzen sie auch mehr Personal ein, um die Anträge entgegenzunehmen. "Wir bedauern die Unannehmlichkeiten der letzten Wochen", heisst es auf der Internet-Seite des Shanghaier Konsulats. Doch, so sagt ein Diplomat: "Wir können nicht ausschließen, dass so etwas wieder passiert."

Konfusion herrsche aber immer noch, klagen chinesische Bewerber. Die deutsche Regierung erwägt, in Zukunft private Firmen zu beauftragen, die Interviews mit den Antragstellern zu führen. Dies ist mittlerweile internationale Praxis.

Die Eltern von Frau Lu haben mittlerweile wieder Hoffnung: Sie haben inzwischen einen Termin für Ende Juli zugewiesen bekommen. Danach werden sie nach Deutschland reisen können - hoffentlich rechtzeitig zur Geburt des Enkelkindes.

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
achim33 21.05.2012
1. einfach woanders beantragen
Es gibt so ungefähr 31 Schengen-Staaten. Jeder einzelne darf Visa ausstellen, die für die Einreise nach Deutschland berechtigen. Das sollte mal jemand den Antragstellern sagen. Prinzipiell find ich den Visastau peinlich für Deutschland. Sieht für mich wie eine versteckte Quotenregelung aus um die Einreise zu begrenzen. Wir sollten es den Chinesen leichter machen ihr Geld hier auszugeben, nicht schwieriger.
nojoe 21.05.2012
2.
Zitat von sysopREUTERSMonatelang müssen Chinesen auf ein Visum für die Bundesrepublik warten. Jetzt wurde die Geduld der Antragsteller noch mehr strapaziert: In Shanghai hackten Schwarzhändler die Internetseite des deutschen Generalkonsulats und boten zu horrenden Preise Termine an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834167,00.html
So sind sie halt, die Chinesen. Wenn sie etwas nicht bekommen, nehmen sie es sich einfach.
gw0306 21.05.2012
3. Ja, so könnte es gewesen sein
es könnte aber auch sein, dass Teile des Personals des Deutschen Konsulates mit in den Schwarzhandel involviert waren, wäre ja nicht zum ersten Mal,oder? Und jetzt schiebt man das schnell ominösen Hackern in die Schuhe...
bobopopo 21.05.2012
4. Keine Panne, sondern Normalzustand
Wenn man für die VR China in Deutschland ein Visum beantragt, ist das eine simple Angelegenheit, die schnell und unkompliziert abgearbeitet wird. Wenn man als Chinese ein Schengenvisum beim Deutschen Konsulat beantragt, ist man pauschal ein Betrüger, der die (chinesischen) Angestellten des Konsulates erst einmal eines Besseren überzeugen muss. Das ist ein grundlegender Unterschied, der zwar Praxisbezug haben mag, aber eigentlich gegen rechtliche Prinzipien verstößt. Als deutsches Unternehmen in China kurzfristig ein Visum für die eigenen Mitarbeiter zu bekommen, kann man ebenfalls vergessen, da kann ich diesen Bericht bestätigen. Das liegt wohl weniger an dem Willen der Mitarbeiter, sondern einfach an mangelnder Ausstattung mit Räumlichkeiten und Personal. Als Deutscher ist man doch ziemlich oft beschämt, denn die Wahrnehmung von Deutschland in China und die Abwicklung der Visaerteilung laufen krass auseinander. Da man aufgrund der Antragsflut und ungenügender Ausstattung seitens des Auswärtigen Amtes wohl hoheitliche Aufgaben auch mit Partnern wie der Außenhandelskammer abwickeln muss, standen 2009 die Daten der Bewerber für ein Visum via den Partner übrigens noch frei verfügbar im Netz - wer Google bedienen konnte, hatte immer eine aktuelle Übersicht und Einblick in persönliche Daten der Antragssteller. Also verstehe ich die Aufregung nicht so wirklich, der im Artikel beschriebene Zustand ist Standard und keine Sensation – aber schön, dass jemand endlich mal darauf hinweist. Der internationale Reiseverkehr nimmt zu, die Zahl der Deutschen im Ausland nimmt sicherlich ebenfalls beständig zu. Das Auswärtige Amt scheint damit komplett überfordert. Beantragt man beispielsweise eine Geburtsurkunde für sein im Ausland geborenes Kind, beträgt die Wartezeit in der Regel ca. 2-3 Jahre. Die Welt wird komplexer und der Beamtenapparat kann nicht mehr folgen…
stonki 21.05.2012
5. Selbst erlebt
Reise selbst 4-6x pro Jahr nach China. Nie Probleme. Unserer chinesischer Geschäftspartner hat hingegen massive ein deutsches Visum zu bekommen. Als wir mal einen Termin am 3. Oktober vereinbart hatten (der Antragssteller muss seinen Terminplan einreichen) wurde von Seiten der Botschaft glatt Betrug unterstellt: es sei ja Feiertag und da arbeitet man nicht. Als ich dann aus Deutschland angerufen hatte und mitteilte, daß wir sehr wohl auch mal Feiertags/Wochenende arbeiten, wenn es denn sein muss, klappt es auch. Inzwischen holt sich der Geschäftspartner ein französisches Visum..
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