Vita des Attentäters Marwan al-Shehhi Auffällig war nur seine Unauffälligkeit

Jahrelang lebte der mutmaßliche Terrorist Marwan al-Shehhi wie seine Komplizen völlig unauffällig in Deutschland. Seiner Deutschlehrerin in Bonn fiel der Student eher durch seine Richtungslosigkeit als durch fanatischen Eifer auf.

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So sah Marwan al-Shehhi aus, als er 1996 nach Bonn kam
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So sah Marwan al-Shehhi aus, als er 1996 nach Bonn kam

Bonn/Hamburg - Als Gabriele Bock zwei Tage nach den Terroranschlägen in den USA die Zeitung aufschlug, wollte sie ihren Augen zunächst nicht trauen: Einer der dort abgebildeten mutmaßlichen Attentäter kam ihr merkwürdig bekannt vor. "Der war doch mal in meiner Klasse", sagte sie zu ihrem Mann, und gemeinsam kramten sie die Unterlagen des Goethe-Instituts in Bonn durch. Die Suche dauerte nicht lange. Schon auf der ersten Seite des Jahrbuchs von 1996 ist der junge Mann mit dem weißen T-Shirt, der runden Brille und dem noch leicht flaumigen Vollbart deutlich zu erkennen: Marwan Jussuf Mohammed al-Shehhi, der sich bei Frau Bock mit dem Namen Marwan Lekrab vorstellte.

Noch heute schaudert es der Deutsch-Lehrerin Bock, wenn sie daran denkt, dass sie mehrere Wochen einen der Attentäter von New York in ihrer Klasse hatte. Nach den Erkenntnissen des FBI steuerte Marwan al-Shehhi die Boing 767 der United Airlines mit der Flugnummer 175, die um 9.05 Uhr als zweiter Jet in den Süd-Tower des World Trade Center einschlug. Laut Passagierliste war Marwan al-Shehhi auf diesem Flug in der Business-Class auf dem Platz 6 C gebucht. Für das elektronische Ticket Boston-Los Angeles hatte er 1600 Dollar bezahlt und - zynisch oder einfach sparsam - nur One-Way gebucht.

Seit 1999 wohnte al-Shehhi in Hamburg

Fast vier Wochen nach den tödlichen Attacken gehen die Behörden heute davon aus, dass al-Shehhi gemeinsam mit Mohammed Atta zu den Drahtziehern der Anschläge zählt. In Hamburg, wo beide in einer kleinen Wohnung in der Marienstraße im Vorort Harburg von 1999 bis Juni 2000 gemeinsam wohnten, sollen sie die Flugzeugentführungen geplant haben. Und wie bei den anderen mutmaßlichen Tätern war auch bei al-Shehhi die einzige wirkliche Auffälligkeit seine Unauffälligkeit. Er führte ein Tarnleben als völlig unbescholtener Student, der weder straffällig wurde, noch durch religiösen Eifer auffiel. Ein Leben, dass nach Meinung der Fahnder einzig dazu diente, die tödlichen Anschläge präzise zu planen und durchzuführen.

Doch Gabriele Bock hatte einen anderen Marwan kennen gelernt. Einen jungen Mann aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der im Frühling 1996 mit einem regulären Visum und einem Stipendium seiner Heimatregierung nach Bonn kam und sich als Schüler in die Grundkurs-Klasse beim Goethe-Institut einschrieb. "Der Student wurde von uns gefördert, um seine Ausbildung in Deutschland zu machen", erläutert ein Botschaftssprecher der Emirate. Dazu erhielt er einen monatlichen Beitrag vom Staat.

Keine wohlhabende Familie

Gemeinsam mit jungen Studenten aus acht verschiedenen Ländern lernte der spätere Terrorist (hinten, 2. von links) Deutsch
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Gemeinsam mit jungen Studenten aus acht verschiedenen Ländern lernte der spätere Terrorist (hinten, 2. von links) Deutsch

Verglichen mit den anderen Mitschülern aus den Emiraten war al-Shehhi nicht sehr wohlhabend. "Er war der Einzige, der nur ein kleines Zimmer hatte und nicht ständig vom Reichtum seiner Familie sprach", erinnert sich die Lehrerin. Einmal habe er ihr erzählt, dass seine Mutter Ägypterin sei und an einer schweren Augenkrankheit leide. Deshalb wollte er sie nach Deutschland holen für eine Operation, erzählte er in der Klasse. Sein Vater, so erinnert sich die Deutschlehrerin, sei kurz vor seiner Reise nach Deutschland gestorben.

Klare Ziele hatte al-Shehhi aber offenbar nicht. "Der wusste ja gar nicht, was er mit seinem Leben machen wollte", erinnert sich seine Lehrerin an den damals 18-Jährigen, den sie als eher unreif in Erinnerung hat. Gemeinsam mit drei anderen Landsleuten lernte al-Shehhi bei Gabriele Bock deutsche Vokabeln und Grammatik. Gemeinsam mit Schülern aus Ägypten, Marokko, Indien, China, Vietnam, Südkorea, Kuba und den USA sollte al-Shehhi in acht Wochen die ersten Brocken Deutsch lernen und zahlte für den Intensivkurs von April bis Juni 3000 Mark an das Institut. Mit kleinen Geschichten, Comic-Zeichnungen und Zeichensprache bringt Gabriele Bock in diesen Kursen seit Jahren ausländischen Studenten die deutsche Sprache bei.

Marwan fühlte sich schon sehr erwachsen

Dabei stellte sich der Schüler aus dem Nahen Osten nicht immer sehr fleißig an. "Er gehörte zum Mittelmaß unserer Schüler", beschreibt die Lehrerin die Leistungen von al-Shehhi. "Erst als er merkte, dass er die Deutschprüfungen bestehen muss, um zu studieren, strengte er sich richtig an." Wie die anderen Studenten aus den Vereinigten Emiraten hat auch al-Shehhi einen sehr gelassenen Eindruck auf die Lehrerin gemacht. "Er war sehr ruhig und sprach wenig, vor allem über sich und seine Familie erzählte er kaum etwas." Nur wenn er mit seinen Landsleuten zusammen war, übernahm er wie selbstverständlich die Leiter-Rolle der Vierer-Gruppe. "Er hielt sich für erwachsener als die anderen", beschreibt die Lehrerin.

In noch holprigem Deutsch notierte al-Shehhi sein Lieblingsessen auf dem Anmeldebogen des Goethe-Instituts
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In noch holprigem Deutsch notierte al-Shehhi sein Lieblingsessen auf dem Anmeldebogen des Goethe-Instituts

Und auch an der Universität Bonn, wo al-Shehhi nach dem Deutschkurs ein Studienkolleg zur Vorbereitung auf das Schiffbaustudium besuchte, wird der Student Marwan als unauffällig und sehr zurückhaltend beschrieben. Stets akkurat gekleidet, immer pünktlich und zuverlässig - so erinnern sich seine Kommilitonen an den jungen Mann aus den Emiraten. Seine Leistungen waren auch hier eher ausreichend als befriedigend.

Der Student al-Shehhi lebte in Bonn in einem kleinen Studenten-Zimmer bei einer Familie für 550 Mark Miete im Monat. Die Einrichtung war schlicht: ein Tisch mit Stuhl und Lampe, ein Bett und ein Schrank. Die Gastfamilie wunderte sich nur, warum der Student so selten zu Hause lernt, maß dieser Beobachtung aber keine größere Bedeutung zu.

Freitags immer in Sakko und mit Schlips

Das Leben des Marwan al-Shehhi verlief in Bonn nach festen Regeln. "Freitags kam er immer mit Sakko und Schlips in die Klasse, weil er anschließend zum Gebet ging", erinnert sich die Lehrerin. Dazu besuchte al-Shehhi einen Gebetsraum, der in der Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate in der Fahrgasse in Bonn ist. Seine Landsleute aus dem Kurs hatte al-Shehhi dabei immer im Schlepptau. Doch die Lehrerin erinnert sich an al-Shehhi nicht als fanatisch religiös. "Wir haben ja die verschiedensten Religionen hier", sagt sie, "und Marwan hat sich selbst mit Juden und Amerikanern gut verstanden." Auch die Kleidung und das sonstige Verhalten habe nicht auf einen straff religiösen oder gar extremistischen Geist schließen lassen.

Auch politisch hatte er sich in der Klasse nie geäußert. "Ich bin mir sicher, dass er damals noch nicht radikal war, dass hätte ich gemerkt", sagt Gabriele Bock. So scheint al-Shehhi exakt in das Bild der Attentäter zu passen, die vom FBI ermittelt wurden: arabische Studenten, die mehr oder weniger emsig lernen und niemandem auffallen. Diese Unauffälligkeit ist für Fahnder das größte Problem, denn wie sollen die Behörden Menschen erkennen und beobachten, die nichts Auffälliges tun?

Was trieb den jungen Mann in den Terror?

Das letzte Bild von Marwan al-Shehhi, veröffentlicht vom FBI nach den Anschlägen
AP

Das letzte Bild von Marwan al-Shehhi, veröffentlicht vom FBI nach den Anschlägen

Im Nachhinein jedoch fallen auch der Lehrerin bestimmt Dinge auf. "Er war zum Beispiel in der Freizeit nur mit seinen Landsleuten unterwegs", erinnert sie sich. Oder dass er nie viel über die Zukunft gesprochen hat in der Schule. "Eigentlich reden gerade die Leute aus den Emiraten immer von ihren Jobs, doch Marwan nie. Er hat auch nie einen Traumberuf gehabt", sagt sie. Damals aber verbuchte Gabriele Bock das als jugendliche Unbekümmertheit.

Was den jungen Mann schließlich in den Terrorismus trieb, wissen weder die Ermittler noch seine Lehrer und Kommilitonen. Bisher wissen sie nur, dass al-Shehhi 1999 Bonn verließ und sich an der TU in Hamburg-Harburg für Schiffbau einschrieb. Dort traf er offenbar auch Mohammed Atta, den die Behörden für den Anführer der Terror-Zelle halten. Über Atta und seine Islam AG an der Uni lernte er auch die restlichen Helfer und Mitattentäter kennen, die zeitweise auch bei den beiden Studenten in der Marienstraße unterkamen. Und schon kurz nach dem Umzug nach Hamburg vollzogen Atta und al-Shehhi die ersten Vorbereitungen für die Anschläge: Gemeinsam meldeten sie ihre Pässe als verloren - vermutlich, um verdächtige Visa-Einträge zu kaschieren.

Von ihrem Schüler blieben der Lehrerin Bock nur einige Fotos aus dem Klassenraum und der erste selbst geschriebene deutsche Text von Marwan al-Shehhi. Darin beschriebt er in kindlicher Schrift seine Heimat und die Hauptstadt Dubai. Ob seine Familie dort von dem Tod ihres Sohnes weiß, ist unbekannt. "Bei uns hat sich bis heute niemand gemeldet", sagt der Botschaftssprecher.



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