EM-Gastgeber Ukraine: Klitschko greift Janukowitsch an

Kurz vor der Fußball-EM ist die Lage in der Ukraine angespannt. Bomben explodieren, das Drama um Julija Timoschenko empört die Weltöffentlichkeit. Im Interview fordert Boxweltmeister und Politiker Vitali Klitschko: Das Ausland muss eingreifen und den autoritären Präsidenten Janukowitsch unter Druck setzen.

Vitali Klitschko: "Auch Fußballer müssen ihre Meinung sagen zu Menschenrechten" Zur Großansicht
REUTERS

Vitali Klitschko: "Auch Fußballer müssen ihre Meinung sagen zu Menschenrechten"

SPIEGEL ONLINE: Herr Klitschko, Bombenanschläge erschüttern die Ost-Ukraine. Wer steckt dahinter?

Klitschko: Über die Urheber der Bombenanschläge kann zum aktuellen Zeitpunkt nur spekuliert werden. Da muss die weitere Entwicklung und die Untersuchung abgewartet werden.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie nachvollziehen, dass Bundespräsident Joachim Gauck nicht in die Ukraine reist, weil er damit ein Zeichen setzen will gegen die Misshandlung der Oppositionsführerin Julija Timoschenko?

Klitschko: Angesichts der Vorgänge in der Ukraine ist das ein absolut logischer Schritt. Verantwortlich für die den Imageschaden der Ukraine ist allein die Führung des Landes.

SPIEGEL ONLINE: Sollte ein Spieler wie Philipp Lahm, Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, öffentlich seine Solidarität mit unrechtmäßig eingesperrten Oppositionellen wie Timoschenko zeigen?

Klitschko: Ich bin gegen eine Politisierung des Sports. Aber auch Sportler müssen sich darüber im Klaren sein, was in dem Land vorgeht, in dem sie antreten. Denken Sie an die WM 1978 in Argentinien. Damals wurden von der Militärjunta Regimegegner gefoltert und umgebracht. Teilweise sogar in Stadien, in denen später WM-Spiele stattfanden. Berti Vogts, der damalige Kapitän der deutschen Mannschaft, meinte dazu aber nur, er habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen. Argentinien sei ein Land, in dem Ordnung herrsche. Der Sport kann nicht losgelöst sein von dem, was in einem Land passiert. Nelson Mandela hat einmal gesagt: Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern. Auch Sportler und Fußballer müssen ihre Meinung sagen, wenn die Menschenrechte verletzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was muss die deutsche Mannschaft über das Land wissen, in dem sie im Juni antritt?

Klitschko: Die Ukraine ist ein wundervolles Land mit großem Potential und gastfreundlichen Menschen. Ich bin noch immer überzeugt, dass die EM eine Chance ist, die Ukraine in der ganzen Welt zu präsentieren. 60 Prozent der Ukrainer hoffen auf eine Annäherung des Landes an Europa, die Mehrheit unterstützt europäische Werte. Leider beobachten wir sehr negative politische Entwicklungen. Einer nach dem anderen finden sich die Führer der Opposition wie Timoschenko im Gefängnis wieder. Das schadet dem Image der Ukraine in den Augen der Welt und jener Fans, die zur EM reisen wollen. Die Ukraine verwandelt sich mehr und mehr zu einem autoritären Regime. Die Führung hat zwar öffentlich demokratische Werte proklamiert und die Integration des Landes in Europa zur Priorität erklärt. Doch es ist eine Sache, davon zu sprechen - oder Taten folgen zu lassen. Tatsächlich unternimmt die Regierung Schritte, die den europäischen Standards und Werten zuwiderlaufen.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Ausland überhaupt einen Einfluss auf Präsident Janukowitsch?

Klitschko: Europa und die Nachbarländer haben enormen Einfluss auf die Ukraine, sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Wichtig ist, dass nicht das ganze Land abgestraft wird durch Strafen und Sanktionen, die auch das Volk treffen. Der Druck muss sich gegen die Führung des Landes richten. Jene Leute an der Spitze des Landes tragen persönlich Verantwortung für das, was derzeit in der Ukraine passiert. Sie müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

SPIEGEL ONLINE: Würde ein Besuch von Kanzlerin Merkel bei einem Spiel der deutschen Mannschaft der ukrainischen Führung in die Hände spielen?

Klitschko: Das deutsche Team wird stolz sein, wenn es weiß, dass die Kanzlerin im Stadion ist. Eine andere Frage ist, ob die Visite offiziell erfolgt und Merkel auch Staatsvertreter trifft. Ein privater Stadionbesuch aber wäre unproblematisch.

SPIEGEL ONLINE: Warum lehnen Sie einen Boykott ab?

Klitschko: Dieses Turnier ist das größte Sportereignis in der Geschichte der Ukraine. Es muss stattfinden. Im Gegenteil, es ist sogar eine hervorragende Gelegenheit, die Aufmerksamkeit der Welt auf die Missstände in unserem Land zu lenken.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es in 20 Jahren nicht gelungen, die Demokratie in der Ukraine zu festigen?

Klitschko: Das ist eine schwere, philosophische Frage. Demokratische Veränderungen hängen vor allem von den Menschen an der Spitze des Staates ab. All die Jahre sprechen unsere Politiker von der Demokratisierung unseres Landes, in ihrem Innersten aber wollen sie es gar nicht. Es geht auch anders. Das zeigt das Beispiel von Georgien. Ist der aufrichtige Wunsch nach Demokratie vorhanden, kann sich ein Land mit Siebenmeilenstiefeln in diese Richtung entwickeln.

Das Interview führte Benjamin Bidder

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 86 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Heuchler
Schiebetürverriegler 28.04.2012
Zitat von sysopKurz vor der Fußball-EM ist die Lage in der Ukraine an
Ich wünschte, ihr würdet euch gegen China genauso empören, ihr Heuchler ! (und damit sind nicht die Klitschkos gemeint).
2. ........
janne2109 28.04.2012
na na eine philosophische Frage ist das wohl nicht. Ledeir leider- ob K. was gesagt hat oder geschwiegen--- es ist kein wichtiger Satz dabei.
3.
gievlos 28.04.2012
Vitali Klitschko ist ein super Aushängeschild für sein Land. Ich hoffe, er wird es in der Urkainischen Politik sehr weit bringen, er kann für sein Land viel gutes tun!
4.
tsitsinotis 28.04.2012
weiter viel Mut und Glück in Ihrem wichtigsten Kampf!
5. Gutes Tun
goox 28.04.2012
Zitat von gievlosviel gutes tun!
nur die Fussball-Teams bleiben dezent im Hintergrund, weil die Show ja weitergehen, und der Rubel ja rollen soll.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Ukraine
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 86 Kommentare
Zur Person
  • dpa
    Vitali Klitschko, 40, ist Profiboxer und Politiker. Der amtierende Weltmeister im Schwergewicht engagiert sich in der ukrainischen Politik, seiner Partei "Udar" (Schlag) werden gute Chancen bescheinigt, bei den Wahlen im Herbst in das Parlament einzuziehen. In Umfragen kommt seine Partei auf rund acht Prozent. Klitschko ist ein entschiedener Gegner der regierenden Partei der Regionen von Präsident Wiktor Janukowitsch.

Fotostrecke
EM-Gastgeber Ukraine: Mehrere Menschen bei Bombenserie verletzt
Karte