Vize-Kandidat Biden: Obama holt den Weltpolitik-Veteran ins Team

Von , Washington

Endlich hat er sich entschieden: Barack Obama will mit Joe Biden an seiner Seite ums Weiße Haus kämpfen. Der erfahrene Senator soll als Vize-Kandidat außenpolitische Kompetenz einbringen - dafür verziehen ihm die Wahlkampfstrategen sogar einige verbale Entgleisungen.

Nun muss wenigstens nicht mehr jeder US-Politjunkie alle halbe Minute auf Handy oder Blackberry starren. Und die US-Medien konnten beweisen, dass sie ihre investigative Aufgabe nach wie vor ernst nehmen.

Wenige Stunden bevor Barack Obama wie eigentlich geplant per Textmeldung oder E-Mail seine Unterstützer von seiner Vize-Entscheidung informieren konnte, enthüllten US-Medien: Joe Biden wird an Obamas Seite in den Kampf ums Weiße Haus ziehen. Um 3.04 Uhr frühmorgens Ortszeit verschickte Obamas Team eine Nachricht, die Bidens Kür bestätigte - um 15 Uhr Ortszeit sollen die beiden nun erstmals gemeinsam in Springfield auftreten, der Hauptstadt von Obamas Heimatstaat Illinois.

Obama mit Biden (2007): Erfahrener Wahlkämpfer und Außenpolitiker
AP

Obama mit Biden (2007): Erfahrener Wahlkämpfer und Außenpolitiker

Wirklich überraschend kam die Personalie nicht mehr. Seit Tagen war Biden schon als Favorit für den Vize-Posten gehandelt worden. Auf der populären Website "The Page" wurde ein Brief eines Demokraten-Schwergewichts an Obama veröffentlicht, warum Biden die beste Wahl sei.

Als am Freitagabend dann durchsickerte, dass die anderen aussichtsreichen Konkurrenten - Tim Kaine, der Gouverneur von Virginia, und Evan Bayh, der Senator von Indiana - Absagen erhalten hatten, richtete sich die geballte Medienaufmerksamkeit auf den Senator aus Delaware.

Der verkniff sich in dieser Woche jede Stellungnahme, obwohl er sonst für seine Redefreudigkeit bekannt ist. Fernsehkameras beobachteten rund um die Uhr sein Haus, doch Biden ließ sich höchstens blicken, um den Reportern Kaffee oder Donuts zu bringen.

Leichter Gegensatz zu Obamas Botschaft des Wandels

Obama hatte freilich selbst Andeutungen gemacht. Als er am Dienstag einen wichtigen Auftritt vor US-Veteranen in Orlando absolvierte, erwähnte er Bidens Namen ausdrücklich - und dankte ihm für seinen Vorschlag eines milliardenschweren Hilfsprogramms für Georgien. Ende der Woche erwähnte er seinen Senatskollegen erneut bei einer Wahlkampfveranstaltung, diesmal zur Afghanistan-Politik. Obamas Hinweise unterstreichen, warum Biden wohl das Rennen gemacht hat. Der 65-jährige ist Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im US-Senat - dem er seit mehr als 30 Jahren angehört.

Biden gilt als einer der besten Außenpolitikexperten in Washington. Oft ist ihm nachgesagt worden, mit dem Amt des Außenministers zu liebäugeln. Der Senator kennt sich bestens aus in den Hauptstädten der Welt, gerade ist er von einer Reise nach Georgien zurückgekehrt.

In seinen Jahren im Senat ist Biden zum ultimativen Washington-Insider geworden. Das steht in gewissem Gegensatz zu Obamas Botschaft des Wandels. Doch die ist in den vergangenen Wochen, als die Umfragewerte für ihn einbrachen, ohnehin immer durchlässiger geworden.

Obama selbst mutet mit seiner ungewöhnlichen Lebensgeschichte und seiner Hautfarbe den US-Wählern ohnehin einiges an Wandel zu. Diese Botschaft durch die Vize-Berufung eines jungen Gouverneurs wie Kaine oder einer Frau noch zu verstärken, trauten sich seine Strategen wohl nicht mehr.

Das richtige Profil für den Kampf gegen McCain

Schließlich wird das Rennen mit John McCain laut Umfragen immer enger. Insbesondere bei weißen Wählern aus unteren Bevölkerungsschichten muss Obama aufholen - und er muss angesichts globaler Krisen wie dem Georgien-Konflikt außenpolitische Handlungsstärke unter Beweis stellen.

Bei beiden Herausforderungen dürfte Biden helfen, der aus einem Arbeiterort in Pennsylvania stammt und als bodenständiger Katholik gilt.

Der Vize-Bewerber kann außerdem eine bewegende eigene Lebensgeschichte vorweisen. Seine erste Frau und eine junge Tochter kamen kurz nach seinem Einzug in den Senat bei einem Autounfall ums Leben, getötet von einem betrunkenen Fahrer. Seither pendelt Biden jeden Tag per Zug in die US-Hauptstadt.

Aus seiner ersten Ehe hat er zwei Söhne, die als Juristen arbeiten. Der eine, Beau, gilt mit 39 Jahren bereits als aussichtsreicher Bewerber für die Nachfolge von Bidens Senatssitz. Doch Beau ist auch Soldat und muss bald einen weiteren Einsatz im Irak absolvieren.

Vertrauter von Hillary Clinton

Dass der Polit-Veteran als Vertrauter Hillary Clintons gilt, kann mit Hinblick auf den Frieden in der demokratischen Partei nicht schaden - immerhin hatten viele Clinton-Fans bis zum Schluss gehofft, Obama werde seine Rivalin berufen. Im Vorwahlkampf hat Biden Obama erst offen unterstützt, nachdem Clinton ihre Niederlage eingestanden hatte.

Seine eigenen Präsidentschaftsbewerbungen verliefen eher unspektakulär, sowohl 1988 als auch in diesem Jahr. Vor zwei Jahrzehnten musste er seine Hoffnungen begraben, nachdem herauskam, dass er weite Teile einer Rede vom britischen Politiker Neil Kinnock kopiert hatte. 2008 landete der frisch gekürte Demokraten-Vize bei den Vorwahlen in Iowa abgeschlagen auf dem fünften Platz und stieg danach aus.

Dennoch sammelte Biden während seiner kurzen Bewerbung Pluspunkte, vor allem als Rhetoriker. In den Fernsehdebatten der demokratischen Vorwahlkämpfer fiel er durch Witz und Humor auf - und auch durch Nadelstiche gegen die Republikaner.

"Jeder Satz, den er sagt, besteht aus: Subjekt, Verb und 11. September", spottete er über die Bewerbung des ehemaligen New Yorker Bürgermeisters Rudy Giuliani.

Als Biden in Iowa aus einer Radiodebatte und im Veranstaltungssaal - einem Museum - das Skelett eines Dinosauriers sah, witzelte er genüsslich: "Das ist die Republikanische Partei."

Der Angreifer und der Staatstragende

Diese aggressiven Angriffe auf die Gegenpartei und John McCain erhoffen sich nun viele Demokraten von Biden - vor allem im Fernsehduell der Vizepräsidenten-Kandidaten im Oktober und bei seiner Rede auf dem Demokraten-Parteitag kommende Woche. Obama soll sich dagegen weiter als staatstragend präsentieren können.

Dass Biden eine Neigung zu langen Vorträgen hat und dabei gerne mal die eigentliche Botschaft aus den Augen verliert, nehmen die Obama-Strategen wohl in Kauf. Immerhin verzeihen sie ihm auch, dass Biden den demokratischen Hoffnungsträger zu Beginn der Vorwahlen den ersten "properen und wortgewandten afro-amerikanischen Kandidaten" nannte - wofür Biden sich aber umgehend erschrocken entschuldigte.

Andere Bemerkungen werden ihn in den kommenden Monaten weiter verfolgen. Das demonstrierten die Republikaner gestern schon in ersten Spots, in denen sie seine Aussage in einer der Demokraten-Vorwahldebatten aufnahmen, Obama sei für das Präsidentenamt nicht gut genug vorbereitet.

In einer dieser Fernsehrunden wurde Biden auch gefragt, ob er eigentlich diszipliniert genug sei für die Präsidentschaft - eine Anspielung auf seinen Hang zur Geschwätzigkeit.

"Ja", antwortete er bloß - und erntete damit viele Lacher.

Nun kann Biden zumindest als Vize-Bewerber beweisen, ob er sich nicht zu viel zugetraut hat.

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