Vizekandidat bei Parteitag: Biden gibt Demokraten die Zuversicht zurück

Aus Denver berichtet

John McCain hat aufgeholt, die Demokraten zweifelten schon am Sieg: Doch nun hat Vizekandidat Joe Biden der Partei ihren Kampfesmut zurückgegeben. Mit einer feurigen Rede eröffnete er die Schlacht gegen den republikanischen Rivalen - der nun eilig seine eigene Vizekür vorziehen will.

Denver - Fast scheint die Bühne im Pepsi-Center in Denver nicht groß genug für all die glücklichen Gesichter. Joe Biden steht da, gerade hat er seine Rede beendet. Seine Frau strahlt an seiner Seite, seine Kinder und Enkelkinder winken in die Menge - und noch mehr strahlt Barack Obama, der sich überraschend zu Biden gesellt hat. Aus den Boxen dröhnt "We are family", die gut 5000 Delegierten schwenken jubelnd ihre "Obama/Biden"-Schilder im Takt.

Die Musik bräuchte es gar nicht. Die Demokraten fühlen sich in diesem Moment auch so wie eine große glückliche Familie.

Wie verflogen scheinen die Zweifel, die sich in den vergangenen Wochen bei vielen Delegierten eingeschlichen haben: Warum zieht ihr Hoffnungsträger Obama im Umfrageduell mit John McCain nicht davon?

Lässt die Enttäuschung der Clinton-Anhänger die Partei auseinanderbrechen?

Und stimmt die Chemie zwischen Biden, dem grauhaarigen Washington-Insider mit 35 Jahren Erfahrung im Senat, und Obama, dem gerade mal 47 Jahre alten, ersten afroamerikanischen Präsidentschaftskandidaten?

"Das könnte die Dynamik dieser Wahl ändern"

Alle die Fragen sind plötzlich vom Tisch. "Sie haben an diesem Abend alles richtig gemacht", lobt CNN-Experte David Gergen, Kommunikationsberater für vier US-Präsidenten. "Das könnte die Dynamik dieser Wahl ändern."

Bill Clinton hat diesen Abend eröffnet. Er hält eine meisterhafte Rede, in der er keinen Zweifel mehr daran lässt, dass er Obama für einen tollen Präsidentschaftskandidaten hält. Dann folgt ein bewegender Fernsehspot, den Starregisseur Steven Spielberg für die Demokraten geschnitten hat. Soldaten sprechen in die Kamera, erzählen, wie sie in den Irak zogen, weil sie Frieden bringen wollten - und sich auf einmal in einen undurchschaubaren Bürgerkrieg verstrickt sahen. Manche weinen, wenn sie von gefallenen Kameraden sprechen.

Danach aber erst kommt der Mann, der zum wichtigsten Grund für den Erfolg dieses Abends wird - Biden, der Vizekandidat.

Noch vor ihm spricht sein Sohn Beau. Der ist mit 39 schon Justizminister von Delaware. Und er wird bald Kriegsveteran sein. Im Herbst wird er in den Irak ausrücken.

Beau erzählt, wie ein betrunkener Lkw-Fahrer 1972 das Auto von Bidens erster Frau rammte, sie und ihre Tochter tötete - während er und sein Bruder knapp überlebten. Das war kurz nach Bidens Wahl in den Senat.

Dieser wollte das Amt nicht mehr antreten und sich lieber um die beiden überlebenden Söhne kümmern. "Er sagte uns: Delaware kann einen anderen Senator bekommen", erzählt Beau Biden. "Aber du keinen anderen Vater." Kollegen überredeten ihn dann, weiterzumachen. Biden pendelte seither jeden Abend aus Washington mit dem Zug nach Hause, um bei seinen Kindern zu sein. Als Beau das schildert, kommen Michelle Obama im Publikum die Tränen.

Dann tritt Joe Biden selbst auf. Er spricht von seinem toten Vater, der ihn lehrte: "Wenn dich jemand zu Boden schlägt, steh wieder auf." Von seiner alten Mutter, die im Publikum sitzt und ihm geraten hat, sich zu wehren, wenn ihn ältere Jungen verkloppten. "Das ist die Geschichte dieses Landes. Wir geben nie auf." Bidens Sätze klingen fast wie eine Hemingway-Kurzgeschichte.

"Das ist das Amerika, das uns Bush hinterlassen hat"

Der Vizekandidat, oft für seinen ausschweifenden Redestil belächelt, malt in einfachen klaren Sätzen das Bild einfacher Amerikaner, die wütend sind. Er spricht von "ehrlichen Leuten, die sich an die Regeln halten". Die sich hart bemühten - und doch keine Chance auf den amerikanischen Traum hätten, weil das Benzin immer teurer werde, das Haus immer weniger wert sei und der Lohnscheck nicht steige.

Und warum? Für Biden ist die Antwort klar: "Das ist das Amerika, das uns George W. Bush hinterlassen hat." Und das so weitermachen werde, wenn John McCain gewählt wird.

An dieser Stelle verspricht sich Biden. Er sagt erst: wenn George W. Bush gewählt wird.

Biden entschuldigt sich: "ein Freudscher Versprecher" - aber lächelt dabei so verschmitzt, dass man glauben könnte, er habe es absichtlich getan.

Denn Obamas Vize lässt keinen Zweifel daran, dass er McCain als Erben der Bush-Jahre sieht - und trägt gegen ihn die wohl wirkungsvollsten Attacken dieses Parteitags vor.

Dabei lobt er den Rivalen zuerst: "John McCain ist mein Freund. Er hat persönlichen Mut und Heldentum bewiesen", sagt Biden über den Republikaner, der fünf Jahre in Vietnam in Einzelhaft saß. So überzeugend klingt das, dass die Delegierten der Demokraten respektvoll klatschen. Dann legt er los: "Doch ich bin absolut gegen die Richtung, die er diesem Land geben will."

Dagegen, dass McCain den größten Firmen in den USA eine Milliarde Dollar Steuern erlassen wolle, aber keine Erleichterung für Millionen Familien plane.

Dagegen, dass er vier Milliarden Dollar Steuersenkungen für die glänzend verdienenden Ölfirmen beschließen wolle, aber 19 Mal gegen einen höheren Mindestlohn gestimmt habe.

Dagegen, dass er in 95 Prozent der Abstimmungen mit George W. Bush übereinstimme und für den Irak-Krieg weitere zehn Milliarden Dollar pro Monat ausgeben wolle.

Biden donnert: "Das ist kein Wandel, das ist mehr vom Gleichen." Der Vizekandidat wiederholt das immer wieder.

Und wird richtig leidenschaftlich, als er auf die Außenpolitik zu sprechen kommt, seine Spezialdisziplin im Senat. "Sollen wir dem Urteil von John McCain vertrauen, der für den Irak-Krieg war?", ruft Biden. "Der die Qaida-Gefahr in Pakistan ignorierte? Der lange sagte, man müsse nicht mit Iran reden? John McCain hatte unrecht. Und Barack Obama hatte recht."

Es ist eine feurige Rede, die vor allem Wähler ansprechen dürfte, die klare Worte bevorzugen und denen Obamas Rhetorik bisweilen zu abstrakt erscheint.

Fast panisch reagieren die Republikaner

Obama kommt selbst nach der Rede überraschend auf die Bühne. Wie herzlich er Biden umarmt, zeigt seine Dankbarkeit.

Der Kandidat spricht nur kurz: Hat Michelle Obama nicht am Montag den Parteitag würdig gestartet? Hat Hillary Clinton nicht am Dienstag das Haus fast zum Beben gebracht? Hat Bill Clinton nicht gezeigt, was es heißt, wenn ein Präsident die Menschen an erste Stelle rückt? Und dann erst Joe Biden?

Obama macht klar: Er ist nun der unumstrittene Parteichef, der seine Truppen lobt. Der Moment ist der offizielle Stabswechsel bei den Demokraten, noch vor der offiziellen Nominierungsrede morgen. Und er krönt den wohl bislang besten Parteitagsabend für die Partei.

So gut, dass die Republikaner sich eilig zu Wort melden. McCains Strategen lassen umgehend streuen, der habe sich für einen Vize entschieden - und wolle ihn wohl schon morgen verkünden, direkt nach Obamas Rede. Doch die Schlagzeilen gehören heute dem Demokraten-Familiengefühl.

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