Vizepremier Surkow: Putin feuert seinen Rasputin

Von , Moskau

Wladislaw Surkow: Der "Chefideologe" des Kreml brillierte auch als Feingeist Zur Großansicht
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Wladislaw Surkow: Der "Chefideologe" des Kreml brillierte auch als Feingeist

Offiziell war Wladislaw Surkow nur Vizechef der Kreml-Verwaltung. Tatsächlich war er Putins Strippenzieher, zerstörte oder förderte Parteien nach Belieben - und herrschte über schwarze Kassen. Nun hat der Staatschef den einstigen "Fürst der Dunkelheit" gefeuert. Wegen liberaler Umtriebe.

Das politische Aus des einst mächtigsten Strippenziehers war dem Kreml am Mittwoch nur eine knappe Mitteilung wert. Mit vier dürren Zeilen entließ Präsident Wladimir Putin den Vizepremier Wladislaw Surkow, 48, bekannt als intellektueller Feingeist, verhasst als Totengräber von Russlands Demokratie.

"Auf eigenen Wunsch" habe der Kreml Surkow von seinen Regierungsämtern entbunden, so steht es auf der Internetseite des Kreml. In Surkows Umfeld aber wird kolportiert, er habe sich nicht freiwillig zu dem Schritt entschlossen. Man habe ihn gedrängt.

Die Entlassung bedeutet eine Zäsur. Mit Surkow tritt einer der Architekten des neuen, autoritären Russland ab, der Schöpfer von Putins "gelenkter Demokratie".

Dabei schien Surkow eigentlich denkbar schlechte Chancen zu haben für jemanden, der unter Putin Karriere machen wollte. Mitte der neunziger Jahre arbeitete er noch für den Milliardär Michail Chodorkowski, Putins Rivalen.

Nach seinem Eintritt in die Kreml-Verwaltung 1999 aber machte Surkow trotzdem schnell Karriere. Er stieg auf zum Berater des Staatschefs und bald zum Vizechef der Präsidial-Administration. Der Stellvertretertitel auf der Visitenkarte führte bei Surkow immer etwas in die Irre. Mächtiger als er war im Kreml in Wahrheit nur ein Mann: Präsident Putin selbst.

In Surkows Büro, Zimmer 410 im prächtigen Senatspalast, liefen die Fäden von Russlands Innenpolitik zusammen. Parteien entstanden und zerfielen dort auf sein Geheiß. Und aus schwarzen Kassen versorgte der Kreml nicht nur die Putin-Partei Einiges Russland, sondern machte auch Oppositionsparteien wie die Kommunisten von dem Geld abhängig.

"Glänzender, zynischer Manipulator"

"Putins Rasputin" war einer seiner Spitznamen, "Fürst der Dunkelheit" und "graue Eminenz" zwei weitere. Nach der Revolution in Orange in der Ukraine war es Surkow, der die Jugendgruppe Naschi ("Die Unsrigen") aus der Taufe hob, die Kampfreserve des Kreml für ein mögliches Kräftemessen mit der Opposition auf der Straße. Surkow kontrollierte auch das staatlich gelenkten Fernsehen. "Surkow-Propaganda" nennen Moskaus Intellektuelle die Schmähberichte im TV über Nichtregierungsorganisationen und Bürgerrechtsaktivisten.

Nicht wenige waren enttäuscht darüber, dass Surkow sein Talent ganz in den Dienst eines ruppig-autoritären Regimes stellte. Denn der "Chefideologe" des Kreml brillierte auch als Feingeist. Surkow hat Songtexte für die russische Rockband Agata Kristi geschrieben und Romane. Das Buch "Nahe Null" ist ein Enthüllungsroman über Korruption und Zynismus in den innersten Zirkeln der Macht. Eine Anklageschrift gegen das System, das er selbst erschuf, veröffentlicht unter einem Pseudonym. Ein erster Hinweis auf sich regende Dissidenz?

Als sich nach der manipulierten Parlamentswahl 2011 Proteste regen, gibt der pressescheue Surkow einem Blogger eines seiner seltenen Interviews. Unregelmäßigkeiten gibt er zu, aber "nicht in industriellem Maßstab". Es folgt eine Warnung an seine Kollegen im Kreml, intellektuell verquast, aber deutlich. Leider gebe es in Russland zu wenige Politiker, "die den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik beachten, der für Galaxien, aber auch menschliche Kollektive gilt".

Was Surkow meint, ist: Der politische Druck in der Gesellschaft steigt. Es wird knallen, wenn es keine Möglichkeit gibt, den Dampf abzulassen. Welches Ventil in Russland seiner Meinung nach fehlt, sagt Surkow auch: eine große liberale Partei.

Surkow schreckte nicht vor schmutzigen Tricks zurück

Surkow hat zwölf Jahre im Kreml Politik gemacht. Er hat seine Posten auch während des Intermezzos von Präsident Dmitrij Medwedew behalten, der als liberal gilt. Damit aber ist es nach dem offenherzigen Interview vorbei. Die Tageszeitung "Kommersant" meldet Ende Dezember 2011: "Putin wird mit Surkow nicht mehr zusammenarbeiten."

Die graue Eminenz musste den Kreml verlassen. Surkow folgt Medwedew 2011 in die Regierung, wird stellvertretender Ministerpräsident, aber das wirkt wie eine Degradierung. Die neue Führung im Kreml peitscht ein repressives Gesetz nach dem anderen durch die Duma.

Nicht, dass Surkow vor schmutzigen Tricks zurückgeschreckt hätte. Unter seiner Ägide machte der Kreml Gegner mit Geld, Druck und hier und da einem kompromittierenden Video gefügig. Doch inzwischen wird Oppositionellen wie Pussy Riot oder dem Blogger Alexej Nawalny umgehend der Prozess gemacht. Wo Surkow mit dem Florett kämpfte, schwingen seine Nachfolger im Kreml die Keule.

Sie legen sogar die Axt an ein Lieblingsprojekt von Ex-Staatschef Medwedew. Staatsanwälte durchsuchen die Büros Skolkowo, einem Innovationszentrum in Moskau, das Medwedew eigentlich zu einem russischen Silicon Valley formen wollte. Surkow verteidigt das Projekt Anfang Mai bei einer Lesung an der London School of Economics (LSE) gegen Vorwürfe, bei Skolkowo sei Geld versickert. Wladimir Markin, Chef des von einem Putin-Studienfreund geführten Ermittlungskomitees, antwortet öffentlich, mit einer scharfen Kolumne im Kampfblatt "Iswestija". Surkow ist zum Abschuss freigegeben.

Am Dienstag kanzelt Putin die versammelten Minister ab, das Kabinett muss seit Wochen als Sündenbock herhalten. Surkow erlaubt sich Widerworte, die Regierung arbeite "hinreichend tadellos". Das sah Putin offenbar ein wenig anders.

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1. reisen nach Holland
Gröfurz 08.05.2013
Der Anfang vom Ende jeder Diktatur ist immer ein Riß im Inneren des Systems. Diesen Riß gibt es in Russland seit dem Abgang von Finanzminister Kudrin und wird verstärkt durch den Abgang Surkows. Sowohl Kudrin als auch Surkow waren tragende Figuren des Putinismus in den letzten Jahren. Wenn einstige Regimestützen zu Oppositionellen werden, ist das Ende des Diktators nahe. Das war in den letzten Jahrzehnten überall auf der Welt so. Russlands Diktatur ist da keine Ausnahme. Putins Zeit läuft ab, und dann geht's ab nach Den Haag. Putin ist vergleichsweise jung. Den Lebensabend wird er entweder im Knast verbringen oder ihn erst gar nicht erleben.
2. Träumer
ariovist1966 08.05.2013
Zitat von GröfurzDer Anfang vom Ende jeder Diktatur ist immer ein Riß im Inneren des Systems. Diesen Riß gibt es in Russland seit dem Abgang von Finanzminister Kudrin und wird verstärkt durch den Abgang Surkows. Sowohl Kudrin als auch Surkow waren tragende Figuren des Putinismus in den letzten Jahren. Wenn einstige Regimestützen zu Oppositionellen werden, ist das Ende des Diktators nahe. Das war in den letzten Jahrzehnten überall auf der Welt so. Russlands Diktatur ist da keine Ausnahme. Putins Zeit läuft ab, und dann geht's ab nach Den Haag. Putin ist vergleichsweise jung. Den Lebensabend wird er entweder im Knast verbringen oder ihn erst gar nicht erleben.
Wegen der paar Oppositionellen und entsorgter Politkader wird Putin kaum Angst haben müssen. Vielmehr "entsorgt" er politische Weggenossen rechtzeitig. Wenn seine Uhr abläuft, dann wohl am ehesten seine biologische, mit jedem Tag ein Stückchen mehr.
3. Demoskopie
Gröfurz 08.05.2013
Zitat von ariovist1966Wegen der paar Oppositionellen und entsorgter Politkader wird Putin kaum Angst haben müssen. Vielmehr "entsorgt" er politische Weggenossen rechtzeitig. Wenn seine Uhr abläuft, dann wohl am ehesten seine biologische, mit jedem Tag ein Stückchen mehr.
Die demoskopische Uhr läuft ab, mit jedem Tag ein Stückchen mehr. Umfrage: Russen haben langsam genug von Putin | Zeitungen | RIA Novosti (http://de.ria.ru/zeitungen/20130507/266066910.html)
4. ...
Newspeak 08.05.2013
Putin mag der mächtigste Mann Russlands sein, womöglich der mächtigste Mann der Welt, allein durch sein nukleares Arsenal. Aber jeder Blick ins Gesicht dieses Mannes zeigt einem, daß er ein ziemlich einsames, langweiliges, seelenloses, trauriges Leben führt. Der Mann hat doch nie in seinem ganzen Leben gelacht. Und dann ist da ja auch noch der wirklich mächtigste Gegner, gegen den noch kein Reicher oder Mächtiger bestanden hat. Irgendwann wird Putin tot sein. Wie wir alle. Wäre er klug genug (schlau ist er ohne Frage), würde er sich fragen, was das alles bringt, was er tut.
5.
Tommi16 08.05.2013
Zitat von NewspeakPutin mag der mächtigste Mann Russlands sein, womöglich der mächtigste Mann der Welt, allein durch sein nukleares Arsenal. Aber jeder Blick ins Gesicht dieses Mannes zeigt einem, daß er ein ziemlich einsames, langweiliges, seelenloses, trauriges Leben führt. Der Mann hat doch nie in seinem ganzen Leben gelacht. ..............................................
Sie irren sich. Ich habe Putin, zufällig, in einer Bäckerei hier in Dresden herzhaft lachen sehen. Den Rest können Sie als Ihre Wahrheit behalten.
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