Völkermord an Herero und Nama Herr Ziegenfuß ist den Schädel los

In Berlin erhalten Nachfahren toter Herero und Nama von Deutschen geraubte Gebeine zurück. Dabei ist ein Kopf, der lange in einem westdeutschen Wohnzimmer stand. Die Geschichte der 18 weiteren Schädel ist ebenso düster.

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Ganz am Ende wurde es noch mal eng für Gerhard Ziegenfuß.

Da habe er am Dienstag der namibischen Kultusministerin Katrina Hanse-Himarwa gegenübergestanden, erzählt der pensionierte Biologielehrer. Die Regierungsvertreterin aus Afrika habe endgültig entscheiden sollen, was mit dem Menschenschädel passiere, der den 78-jährigen Ziegenfuß fast sein ganzes Leben lang begleitet habe.

"Eine Mitarbeiterin Hanse-Himarwas hat überaus kritisch geprüft", erzählt Ziegenfuß, und den Schädel mehrmals hin und her gewendet. So kritisch, dass er schon dachte, die Übergabe gehe doch noch schief, und er müsse den alten Knochen wieder mit nach Nordrhein-Westfalen nehmen.

Doch dann nickte sie. Ein Gutachten der Uni Münster belegt laut Ziegenfuß, dass der Schädelknochen von einem Mann aus dem südlichen Afrika stammt, und angesichts zahlreicher Belege aus der deutschen Kolonialzeit auch aus dem heutigen Namibia.

Nach der Trauerfeier am Mittwoch in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin, wird Ziegenfuß' Schädel zusammen mit 18 weiteren Menschenschädeln, Skelettteilen und einem Stück Skalp 103 Jahre nach Ende der deutschen Gewaltherrschaft in Deutsch-Südwestafrika in die alte Heimat, nach Namibia, zurückkehren.

Die sterblichen Überreste stammen unter anderem aus der Charité Berlin, der Hamburger Uni-Klinik, aus Greifswald und Hannover. Entwendet wurden sie zwischen 1885 und 1915 auf Wunsch von Rassetheoretikern und irren Sammlern. Und die Geschichten hinter den Gebeinen ist schon in Ziegenfuß' Fall schwer zu fassen.

Urgroßonkel Alois, ein Rassist und Großwildjäger

Wie der Pensionär bei Recherchen zu seinem Urgroßonkel Alois Ziegenfuß herausfand, war der katholische Missionar nicht nur ein Kirchenmann, sondern ein Rassist und Produkt seiner kolonialistischen Zeit. Den Schädel schickte der Pater mutmaßlich zusammen mit einer großen Ladung exotischer Jagdtrophäen zurück ins thüringische Eichsfeld.

Und Urgroßonkel Alois war, da ist Gerhard Ziegenfuß sicher, als Militärseelsorger bei den sogenannten Schutztruppen und am deutschen Krieg gegen die einheimischen Völker Herero und Nama beteiligt. So war der Verwandte von Ziegenfuß auch Zeitzeuge beim ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Am Waterberg misslang 1904 der Plan des deutschen Militärs Lothar von Trotha, die aufständischen Herero vernichtend zu schlagen. Trotha änderte die Taktik, er entschied: Alle Herero sollen sterben. Das Volk solle vernichtet werden und auf Trothas schriftlich abgefassten Befehl trieben deutsche Soldaten die Herero mit ihren Familien in die Wüste Omahek und schnitten ihnen den Rückweg und den Weg zu Wasserstellen ab.

Die grausame Vernichtungsstrategie ist gut dokumentiert. Aber auch andernorts - in den Territorien der aufständischen Nama, beim Bau der Eisenbahn von Windhoek an die Küste und in Bergwerken - starben die Einwohner des heutigen Namibia unter den Deutschen grausame Tode. Sie wurden erschlagen von ihren Sklaventreibern, später auch in deutschen Konzentrationslagern ausgehungert und von Krankheiten und Zwangsarbeit dahingerafft.

Herero musste Herero-Schädel putzen und verpacken

Sogenannte Wissenschaftler, Rassetheoretiker nannten sie sich, warenbeseelt von der Idee, Menschenschädel zu vermessen und so Dinge über Abstammung, Entwicklung und vor allem die angeblich großen Unterschiede zwischen schwarzen und weißen Menschen zu ergründen. Es war die sogenannte Rassenlehre, die später im deutschen Wahn der Nationalsozialisten von Herren- und von Untermenschen mündete.

Aus den Konzentrationslagern auf der Haifischinsel sind von Historikern grausamste Praktiken dokumentiert: Skelette und abgeschnittene Köpfe mussten mit heißem Wasser und Glasscherben von den Gefangenen selbst gesäubert und dann verpackt werden, für den Versand in die Reichshauptstadt Berlin.

2011 und 2014 wurden bereits mehrere Schädel aus diesen Sammlungen an Namibia zurückgegeben, nun folgen weitere. Aber etliche Tausend aus anderen Ländern, den deutschen Ex-Kolonien Samoa, Kamerun und Togo liegen weiter in deutschen Institutskellern, die meisten in Berlin bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Überschattet wird die aktuelle Übergabe zudem von einem politischen Streit darüber, wie Deutschland mit dem Vernichtungsbefehl Trothas und folglich mit dem Völkermord des deutschen Reichs umgeht.

Seit fünf Jahren verhandelt die Bundesregierung mit Namibia, die siebte Runde der Gespräche steht kurz bevor, doch immer noch liegen die Forderungen weit auseinander: Das Wort Reparationen und Entschädigung kommt weder in offiziellen noch in inoffiziellen deutschen Stellungnahmen vor. Deutschland erkennt lediglich die deutschen Verbrechen an sich an, argumentiert aber, der Tatbestand des Völkermords habe 1904 juristisch noch nicht existiert.

Als der deutsche Bundestag 2016 den Genozid der Türken an den Armeniern öffentlich als solchen verurteilte, argumentierte exakt so der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan.

Die Forderungen der Namibier sind klar

Trotz eines innernamibischen Streits, wer die richtigen Repräsentanten von Herero und Nama sind - und darüber, ob die Regierung eine zu große Rolle spielt und in der Vergangenheit deutsches Geld veruntreut hat - sind die Forderungen der Namibier klar: Sie wollen Geld, eine Entschuldigung und die Rückgabe unter den Deutschen geraubten Landes.

"Deutschland darf nicht mit Mord davonkommen", sagte Vekuii Rukoro, ein einflussreiches Oberhaupt der Herero, in Berlin. Und der Nama-Chief Petrus Simon Kooper sagt: "Deutsche Plünderungen, Vergewaltigungen und Morde haben viele, viele Waisen hinterlassen. Der Auslöschungsbefehl kam von Trotha, und dessen Chef war Wilhelm II."

Immerhin, die Frau von Gerhard Ziegenfuß ist sehr erleichtert. Sie wollte den Schädel nicht mehr im Haus haben. Als ihr Mann ihn Mitte August per DHL nach Berlin schickte, glaubte sie trotzdem nicht, dass er nun wirklich weg ist, sagt sie.

Gerhard Ziegenfuß hat seine Geschichte mit der schwierigen Rückgabe des Knochens, den sein Urgroßonkel vermutlich aus einem namibischen Grab stahl, in einem Buch aufgeschrieben. Er hatte ihn schon an die namibische Botschaft geschickt, an Forscher und Sammlungsleiter, aber immer wieder kam er zurück.

Jetzt, sagt Ziegenfuß, sei "die Geschichte für mich nicht zu Ende." Auch die Schädel aus anderen afrikanischen und südostasiatischen Ländern müssten in ihre Heimat, findet er. Und es brauche nun einen Erinnerungsort für die Kolonialzeit und für den Völkermord. Für ihn steht der Tatbestand, die Schuld und das Anrecht auf Wiedergutmachung für die Herero und Nama außer Frage.

Anmerkung: In einer ersten Version des Textes wurde der Französische Dom in Berlin als Ort der Trauerfeier angegeben. Tatsächlich findet diese im Gebäude der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin statt.



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