Völkermord in Ruanda Schweres Versagen der Uno

Angesichts einer ihrer größten humanitären Herausforderungen hat die Weltorganisation vollkommen versagt. Ein Untersuchungsausschuss hat ein vernichtendes Urteil über das Verhalten der Vereinten Nationen im Ruanda-Konflikt gefällt.


New York - Die Vereinten Nationen und insbesondere der Weltsicherheitsrat sind mit verantwortlich für den grausamen Völkermord in Ruanda vor fünf Jahren. Zu diesem Ergebnis ist eine Untersuchungskommission unter Leitung des früheren schwedischen Ministerpräsidenten Ingvar Carlsson gekommen. Sie war von Uno-Generalsekretär Kofi Annan in der Absicht berufen worden, das Versagen der Weltorganisation aufzudecken und ähnliche schwere Fehler in der Zukunft zu vermeiden.

Der am Donnerstag in New York vorgelegte Bericht weist nach, dass der Sicherheitsrat 1994 eindeutige Warnungen von Uno-Beauftragten in Ruanda vor geplanten Massakern unter der Tutsi-Bevölkerung zur Kenntnis nahm, ohne zu handeln. Erste dringende Hilferufe seien den Uno bereits im Sommer 1993 zugegangen. Auch als der Völkermord, dem insgesamt nahezu 800.000 Tutsi sowie als tutsi-freundlich angesehene Angehörige des Hutu-Volkes zum Opfer fielen, im Frühjahr 1994 im vollen Gange war, habe es im Sicherheitsrat am "politischen Willen" gefehlt, die Bluttaten in dem kleinen ostafrikanischen Land zu stoppen.

Einer in Ruanda stationierten Uno-Blauhelm-Truppe wurde nicht gestattet, militärisch einzugreifen. Auch die wiederholte Forderung des Uno-Kommandeurs am Ort, die Truppe zu verstärken und zu ermächtigen, das Morden gewaltsam zu beenden, wurde dem Bericht zufolge vom Sicherheitsrat übergangen. Stattdessen wurde die Uno-Truppe aus Ruanda abgezogen, nachdem zehn nicht ausreichend bewaffnete und zudem nicht auf Gegenwehr vorbereitete belgische Blauhelm-Soldaten von Hutu-Extremisten ermordet worden waren.

Der Ruanda-Bericht ist der zweite, der der Uno schweres Versagen auf einem Krisenschauplatz nachweist. Zuvor hatte eine interne Ermittlungskommission kritisiert, dass Blauhelm-Soldaten während des Bosnien-Krieges bei der Eroberung der Uno-Schutzzone in Srebrenica und dem anschließenden Massaker an der örtlichen Bevölkerung durch serbische Truppen untätig geblieben seien. Die schlecht ausgerüsteten niederländischen Uno-Soldaten hatten im März 1993 keine rechtzeitige Luftunterstützung durch Nato-Kampfflugzeuge erhalten und der Eroberung der Moslem-Enklave sowie der Erschießung tausender Einwohner kampflos zusehen müssen.



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