Völkermord-Klage der Herero "Für Deutschland ein Desaster"

Eine Völkermord-Klage der Herero-Gruppe aus Namibia könnte eine Prozessflut gegen Deutschland auslösen. Kolonialismusforscher Jürgen Zimmerer wirft der Bundesregierung vor, schlecht verhandelt zu haben.

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Ein Interview von


Zur Person
  • Jürgen Zimmerer, 50, ist Geschichtsprofessor an der Universität Hamburg, Präsident des Weltverbands der Genozidforschenden und Leiter der Forschungsstelle "Hamburgs (post-)koloniales Erbe". Er forscht seit 25 Jahren zur deutschen Kolonialvergangenheit.

Vor einem New Yorker Bezirksgericht läuft seit Mitte März ein besonderes Verfahren: Der Herero-Führer Vekuii Rukoro verklagt Deutschland wegen des Völkermords an seinen Vorfahren im heutigen Namibia. Im Jahr 1904 hatten deutsche Schutztruppen in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika den Widerstand der Herero blutig niedergeschlagen. Die Soldaten trieben Tausende Angehörige des Volkes in die Wüste Omahek, wo sie verdursteten.

Beobachter des New Yorker Verfahrens hatten damit gerechnet, dass sich das Gericht für nicht zuständig erklären würde. Doch Bundesrichterin Laura Taylor Swain überraschte: Sie bemängelte, dass kein Vertreter der Bundesrepublik Deutschland anwesend war und setzte einen neuen Gerichtstermin für Juli an.

Von parallel stattfindenden Verhandlungen der Bundesregierung mit Namibia sind die Nachfahren der Herero ausgeschlossen - auch darum geht es in der New Yorker Klage. Im Interview erklärt der Kolonialismusforscher Jürgen Zimmerer, warum durch das Verfahren der Druck auf Deutschland steigt - und wer außer Namibia noch berechtigte Forderungen an die Bundesrepublik stellen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Zimmerer, warum findet ein Prozess zum Völkermord der Deutschen an Namibiern ausgerechnet in New York statt?

Zimmerer: Unter den Nachfahren der Opfer sind auch US-Bürger. Seit 2007 schreibt die Uno-Erklärung über die Rechte indigener Völker vor, dass selbstgewählte Vertreter betroffener Volksgruppen direkt an Gesprächen beteiligt werden müssen. Es geht zwar auch um Geld. Aber genauso sehr geht es um echte Mitsprache der Nachfahren. Namibia und Deutschland lehnen das bislang ab.

SPIEGEL ONLINE: Parallel laufen seit mehr als einem Jahr Verhandlungen zwischen den Regierungen von Deutschland und Namibia. Wer will was?

Zimmerer: Deutschland bot zunächst eine offizielle Anerkennung des Völkermords und eine Entschuldigung an - aber nur, wenn im Gegenzug auf Reparationen verzichtet wird. Mittlerweile ist von einem Zukunftsfonds und offenbar auch von einer finanziellen Beteiligung an einer Landreform die Rede.

SPIEGEL ONLINE: Und Namibia?

Zimmerer: Es ist auffällig, wie stark die namibische Seite inzwischen Reparationen betont. Vertreter von Herero und Nama treiben die eigene Regierung offenbar vor sich her, und sie haben mit der Klage den Druck auf beide Seiten noch einmal erhöht.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Verfahren in den USA überhaupt zielführend?

Zimmerer: Es erfüllt für die Kläger auf alle Fälle den Zweck, mehr Aufmerksamkeit zu erlangen. Für Deutschland ist die Klage ein Desaster.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Zimmerer: Es ist absurd. In den ehemaligen Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich ist Deutschland für manche im Umgang mit seinem kolonialen Erbe in Namibia ein Vorbild - eben weil es direkte Verhandlungen mit der Regierung gibt. Ein Meinungsbeitrag im "Guardian" pries die Deutschen kürzlich dafür. Und jetzt steht Deutschland durch die Klage international am Pranger. Das hätte man verhindern müssen und mit mehr Entgegenkommen wohl auch verhindern können.

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Klage der Herero: "Deutscher Kolonialismus war oft Raub und Terror"

SPIEGEL ONLINE: Wenn es nun um Reparationen geht, wie teuer kann das werden?

Zimmerer: Die namibische Regierung hat ein kostspieliges Gutachten bei britischen Anwälten in Auftrag gegeben und nennt laut Medienberichten eine Zahl von 30 Milliarden Euro. Das ist das Zweifache des jährlichen namibischen Bruttoinlandsprodukts. Deutschland verweist dagegen auf Budget- und Entwicklungshilfe in der Vergangenheit und bietet Zahlungen an, allerdings nur für Aussöhnungs- und Entwicklungsprojekte.

SPIEGEL ONLINE: Muss Deutschland auch mit weiteren Forderungen rechnen - aus Togo, Kamerun, Tansania, Ruanda, Burundi, Neuguinea?

Zimmerer: Was derzeit mit Namibia geschieht, wird natürlich genau beobachtet. Tansania ist etwa interessiert, weil dort unter deutscher Herrschaft allein im Maji-Maji-Krieg von 1905 bis 1907 noch weit mehr Menschen starben als in Namibia. Allerdings kämpften dort einheimische Söldner, deutsch waren die Kommandeure.

SPIEGEL ONLINE: Gab es aus Ihrer Sicht unterschiedlich schlimmen Kolonialismus?

Zimmerer: Generell gilt: Deutsche Kolonialherrschaft war - wie jede andere - oft Raub und Terror. Von daher finde ich die Frage nach schlechterem und besserem Kolonialismus allein schon unethisch.

SPIEGEL ONLINE: Namibias Präsident Hage Geingob sprach sich zuletzt für die Enteignung weißer Farmer aus. Droht denen, die als Minderheit in Namibia das meiste Land besitzen, jetzt der Rauswurf?

Zimmerer: Nein, nicht unmittelbar. Es kann aber als Drohgebärde in Richtung Deutschland verstanden werden, um der Reparationsforderung Nachdruck zu verleihen. Es gibt laut namibischem Farmerverband Land, das von der Regierung im Zuge der Landreform aufgekauft werden könnte. Zwangsenteignungen sind also nicht nötig, es scheint nur das Geld zu fehlen.

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