Ex-Serbenführer Karadzic fordert Aufhebung von Schuldspruch

Radovan Karadzic wehrt sich gegen seinen Schuldspruch. Im Berufungsverfahren zum Völkermord von Srebrenica erklärte der Ex-Serbenführer, dass er keinen fairen Prozess erhalten habe.

Radovan Karadzic (r.) kommt zu einer Anhörung vor dem Uno-Tribunal
DPA

Radovan Karadzic (r.) kommt zu einer Anhörung vor dem Uno-Tribunal


Vor zwei Jahren wurde Radovan Karadzic in Den Haag wegen Kriegsverbrechen schuldig gesprochen und zu 40 Jahren Haft verurteilt. Jetzt begann der Berufungsprozess in Den Haag. Karadzic forderte unter anderem die Aufhebung seines Schuldspruchs. "Das ist keine Gerechtigkeit", sagte der 72-Jährige vor dem Uno-Tribunal. Der Ex-Serbenführer habe keinen fairen Prozess erhalten, sagte sein Anwalt Peter Robinson. Die Richter müssten ihn daher freisprechen oder einen neuen Prozess anordnen.

Der einstige Präsident der selbst ernannten bosnischen Serbenrepublik gilt als politisch Hauptschuldiger für den Völkermord von Srebrenica - damals wurden etwa 8000 muslimische Männer und Jungen getötet. Das Massaker gilt als das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

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Radovan Karadzic: Psychiater, Lyriker und mutmaßlicher Kriegsverbrecher

Die Richter in Den Haag hatten 2016 seine Schuld für tausendfachen Mord, Zwangsvertreibungen von bosnischen Muslimen und für die 44 Monate andauernde Belagerung der bosnischen Stadt Sarajevo, während der 10.000 Bürger getötet wurden, als erwiesen angesehen.

Auch die Ankläger hatten Berufung gegen das Urteil eingelegt: Sie fordern eine lebenslange Haftstrafe. "Wenn es keine lebenslange Haft ist, ist es keine echte Strafe", sagte Munira Subasic, eine der "Mütter von Srebrenica", die bei dem Massaker einen Sohn und ihren Ehemann verlor.

Karadzic, der sich seit 2008 vorwiegend selbst verteidigt, präsentierte sich im Gerichtssaal als "Friedensstifter" des Balkans. "Ich habe vor dem Krieg gewarnt, aber ihn nicht geschürt", sagte er den fünf Richtern. Die Serben hätten nur von ihrem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch gemacht. "Wir haben nie jemanden vertrieben", sagte der frühere Psychiater. "Das ist ein Mythos."

Karadzic war erst nach 13 Jahren auf der Flucht in Serbien als alternativer Heiler entdeckt und an das Gericht ausgeliefert worden.

Das Uno-Gericht setzte zwei Tage für die Anhörungen an. Ein Urteil wird erst in einigen Monaten erwartet. Das Berufungsverfahren wird vom sogenannten Mechanismus für Uno-Tribunale verhandelt, der Nachfolge-Organisation der Kriegsverbrechertribunale für Ex-Jugoslawien und Ruanda.

höh/dpa/AFP/Reuters



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Seite 1
semir, 26.10.2009
1.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Er weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
SaT 26.10.2009
2.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Die Kroaten und Bosniaken hatten in den 90'er auch wenig Zeit ihre Verteidigung vorzubereiten.
spontanous 26.10.2009
3.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Man möge ihn verurteilen. Aber wirkliche Gerechtigkeit wird es erst geben, wenn auch die albanischen, kroatischen und bosnisch-muslimischen Verbrechen an serbischen Zivilisten aufgeklärt werden. Solange ein Verbrecher wie z.B. Thaci unter NATO-Schuld Staatsmann spielen darf, wird es nie Gerechtigkeit geben. Gerechtigkeit ist eine Einbahnstrasse!
Daniel Freuers, 26.10.2009
4. Karadzic boykottiert seinen Kriegsverbrecherprozess
"Er blieb in seiner Zelle. " Unglaublich was heute alle so geht...
spontanous 26.10.2009
5.
Zitat von semirEr weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
[QUOTE=semir;4478944]Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. QUOTE] Wie wäre es, wenn Sie diese Auseinandersetzung auch mal bei den Albanern (UCK-Banditen, Grossalbanien) oder Kroaten (Ustascha, Operation Oluja) einfordern würden.
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