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Den Haag: Gericht rollt Völkermord-Anklage gegen Karadzic wieder auf

Serbenführer Karadzic muss sich nun doch wegen Völkermord an mehreren Orten verantworten: Das Tribunal in Den Haag hat den teilweisen Freispruch für den Kriegsverbrecher aufgehoben. In Srebrenica begingen 20.000 Menschen zum 18. Jahrestag des Massakers eine Gedenkfeier für die Opfer.

Gedenkfeier in Srebrenica: 409 neu identifizierte Opfer Fotos
AFP

Hamburg/Den Haag - Der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic präsentiert sich gern als Friedensstifter. Das beeindruckt das Uno-Kriegsverbrechertribunal für das frühere Jugoslawien offenbar wenig. Das Gericht in Den Haag hat den Teil-Freispruch von Serbenführer Radovan Karadzic wegen Völkermordes in Bosnien aufgehoben.

Die Berufungsrichter erklärten am Donnerstag, dass sich der ehemalige Serbenführer doch für Völkermord an mehreren Orten wie dem damaligen Gefangenenlager Omarska während des Bosnienkrieges 1992 verantworten müsse. In erster Instanz war dieser Anklagepunkt aus Mangel an Beweisen im vergangenen Jahr gestrichen worden. Nur die Anklage wegen Völkermordes in der damaligen Uno-Schutzzone Srebrenica 1995 blieb bestehen.

Karadzic war 2008 nach 13 Jahren auf der Flucht in Belgrad festgenommen worden. Führende Diplomaten zeigten sich damals hocherfreut und priesen das Ende der Flucht des "europäischen Bin Laden".

In der ostbosnischen Stadt Srebrenica sind am 18. Jahrestag des Massakers wieder Hunderte Tote beerdigt worden. Fatima, das jüngste Opfer des Kriegsverbrechens wurde nur wenige Stunden alt.

409 neu identifizierte Opfer

Selbst der Jurist Amor Masovic zeigte sich sprachlos und entsetzt, obwohl er sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der Suche nach den inzwischen 100.000 identifizierten Kriegsopfern in Bosnien-Herzegowina befasst. Bei der Bergung von Fatima aus einem Massengrab sei er fassungslos gewesen, berichtet er der Zeitung "Dnevni avaz" in Sarajevo am Donnerstag. Das Mädchen sei vor 18 Jahren - kurz nach seiner Geburt - das jüngste Opfer des Massakers geworden.

"Ich habe persönlich die sterblichen Überreste des Babys eingesammelt, dessen Knochen dünn wie Nadeln waren", beschreibt er die Schreckensszene: "Wir haben es in einer Plastiktüte gefunden. Schrecklich, ihre Füßchen und Händchen waren nur wenige Zentimeter lang. Wenn die Tüte nicht gewesen wäre, hätten wir sie nie gefunden. (...) Ihrer Familie konnten wir nichts weiter übergeben als ein paar Gramm Knochen im Reagenzglas". "Heute wäre sie volljährig geworden", erinnert Bürgermeister Camil Durakovic bei der Gedenkfeier für die bis zu 8000 Opfer, die 1995 von bosnisch-serbischen Verbänden abgemetzelt wurden.

Mehr als 20.000 Menschen gedachten am Donnerstag im Gedenkzentrum Potocari vor den Toren von Srebrenica der 409 neu identifizierten Opfer. Srebrenica hat die Wunden des Massakers und des Krieges in den Jahren 1992-1995 bei weitem nicht überwunden. Im April hatte sich Serbiens Präsident Tomislav Nikolic in einem Interview für das Srebrenica-Massaker entschuldigt.

bos/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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1. Arzt und Mörder
tjivi 11.07.2013
Ich habe mich immer gefragt, wie ein Mensch und dazu noch Arzt so grausam sein kann. Natürlich weiß ich, dass es das u.a. auch unter den Nazis gab. Dass so ein Verbrecher dann noch freigesprochen wurde, hat mich mehr als entsetzt. Ich war sprachlos. Und das bin ich eigentlich nie. Ich hoffe, er bekommt die Höchststrafe.
2. welche schande!
zigui 11.07.2013
fuer ein solches verbrechen gibt es keine strafe. unser heutiges rechtsystem, nach dem massenmoerder verurteilt werden, ist, meiner meinung nach, zu lau.
3. denken + nachlesen bildet,
viceman 11.07.2013
Zitat von sysopAFPSerbenführer Karadzic muss sich nun doch für Völkermord an mehreren Orten verantworten: Das Tribunal in Den Haag hat den teilweisen Freispruch für den Kriegsverbrecher aufgehoben. In Srebrenica begingen 20.000 Menschen zum 18. Jahrestag des Massakers eine Gedenkfeier für die Opfer. Völkermord: Richter rollen Genozid-Anklage gegen Karadzic wieder auf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/voelkermord-richter-rollen-genozid-anklage-gegen-karadzic-wieder-auf-a-910680.html)
manchmal. was soll das beharren auf dem begriff "genozid" - völkermord? die spezialisten und deren nachkommen sitzen in deutschland/usa usw."genozid" als begriff für ein verbrechen in einem brutalen/blutigen bürgerkrieg ?der gleiche unfug , wie dem terrorverdächtigen von boston wegem dem einsatz einer "massenvernichtungswaffe" . gevtl. hilft ja lesen: Alexander Dorin, Zoran Jovanovi�: Srebrenica - wie es wirklich war (http://www.ahriman.com/buecher/srebrenica.htm) um zusammenhänge/ursachen/wirkliches ausmaß und folgen abseits der konzernpresse zu erkunden...
4.
skeffinkton 11.07.2013
Zitat von tjiviIch habe mich immer gefragt, wie ein Mensch und dazu noch Arzt so grausam sein kann. Natürlich weiß ich, dass es das u.a. auch unter den Nazis gab. Dass so ein Verbrecher dann noch freigesprochen wurde, hat mich mehr als entsetzt. Ich war sprachlos. Und das bin ich eigentlich nie. Ich hoffe, er bekommt die Höchststrafe.
Sie wissen offenbar sehr wenig! In jedem Krieg gibt es Kriegsverbrechen, meist innerhalb des Geschehens und unabwendbar. Immerhin ist ein Krieg dazu da, andere Menschen zu töten. Auffällig werden eben nur besonders große Aktionen. Zur Motivation: nicht alle Menschen mögen alle anderen Menschen! Wenn man überlegt was sich bereits Jugendliche im Schulalter gegenseitig antun, ist ein Karadzic nicht weiter "schlimm"
5.
qualidax 11.07.2013
Es war ein (von Aussen befeuerter) Bürgerkrieg, da gibt es Opfer und Verbrechen. Wenn im Nachhinein von der westlichen Meinungsmaschine einseitige Schuldzuweisungen und Schauprozesse veranstaltet werden, kann man sicher sein, dass dies mit klarer politischer Zielsetzung erfolgt. Das macht die Betroffenen nicht zu Helden oder Unschuldigen (genau so wenig, wie die, die heute das mordende und brennende Vollbartgesindel in Syrien verurteilen, zwangsläufig Assad-Ferunde sind), aber so wie es in die Öffentlichkeit posaunt wird, war es deshalb mit Sicherheit auch nicht ... Fragen wir uns doch einfach mal, wer ein Intersse daran hatte, dass es heute so ist, wie es ist - hilft bestimmt weiter.
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Radovan Karadzic: Psychiater, Lyriker und mutmaßlicher Kriegsverbrecher

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Kriegsverbrecher Karadzic: Ende einer langen Flucht
Kriegsverbrechen im einstigen Jugoslawien
Völkermord
DPA
Völkermord ist der Rechtsbegriff für das schlimmste denkbare Verbrechen - Handlungen mit dem Ziel, ein Volk, eine Ethnie oder auch eine Glaubensgemeinschaft zu vernichten. Das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 rund 8000 muslimische Jungen und Männer ermordet wurden, wird von internationalen Strafrechtlern als ein solches Verbrechen eingestuft. Der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic gilt zusammen mit seinem noch flüchtigen einstigen Militärchef Ratko Mladic als Hauptverantwortlicher für das Massaker.
Die Definition
Der Begriff Völkermord ist auch unter der Bezeichnung Genozid geläufig. Genozid ist aus dem griechischen genos (Herkunft) und dem lateinischen caedere (töten) zusammengesetzt. Der jüdische Anwalt Raphael Lemkin, der aus Polen in die USA geflüchtet war, prägte das Wort 1944, um eine Grundlage für die Bestrafung der Verbrechen zu legen, die von den Nationalsozialisten begangen wurden.

Völkermord umfasst nach Artikel zwei der Uno-Konvention 260 von 1948 Handlungen gegen Mitglieder einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe, die in der Absicht begangen werden, die Gruppe ganz oder zum Teil auszulöschen. Mit der Konvention 260 wurde der Völkermord international geächtet.
Die Straftatbestände
Zu den Straftatbeständen, die von der Völkermordskonvention erfasst werden, gehört das Töten, das Zufügen von ernsthaften körperlichen oder geistigen Schäden, die Auferlegung von Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen, die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung und die Verschleppung von Kindern.
Verurteilungen
Mit dem Ex-Soldaten Drazen Erdemovic wurde 1998 der erste Verantwortliche für das Massaker zu fünf Jahren Haft verurteilt. Er wurde im Jahr 2000 in Norwegen vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Vier weitere Soldaten wurden zu Haftstrafen zwischen neun und 20 Jahren verurteilt.
Das Tribunal
AFP
Das Internationale Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien in Den Haag hat bisher einen Angeklagten wegen Völkermords verurteilt: den bosnisch-serbischen General Radislav Krstic wegen des Massakers von Srebrenica. Insgesamt erhob das Kriegsverbrechertribunal seit seiner Gründung vor 15 Jahren Anklage gegen 161 Menschen.
Die Anklage gegen Karadzic
AP
Radovan Karadzic ist vor dem Internationalen Tribunal für das ehemalige Jugoslawien wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Das von der Uno eingerichtete Tribunal in Den Haag wirft ihm vor, während des Kriegs in Bosnien zwischen 1992 und 1995 zusammen mit dem bosnisch-serbischen Armeechef Ratko Mladic einen Plan zur "ethnischen Säuberung" bestimmter Gebiete Bosnien-Herzegowinas erarbeitet zu haben. Zur Verwirklichung ihres Ziels eines großserbischen Staats hätten die bosnisch-serbischen Führer einen Aktionsplan in Gang gesetzt, der mit "Verfolgungen und Terrortaktiken" sowie Vertreibung und Vernichtung verbunden gewesen sei.
Die Gesuchten
Ratko Mladic

REUTERS
Der bosnisch-serbische Ex-General Ratko Mladic (Bild links) war hinter Karadzic die Nummer zwei auf der Fahndungsliste des Uno-Tribunals. Wie Karadzic ist auch der ehemalige Militärchef der bosnischen Serben wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg angeklagt. Dem 66-Jährigen droht lebenslange Haft, sollte er in den 15 Anklagepunkten schuldig gesprochen werden.

Mladic ist auf der Flucht, seit das Haager Tribunal 1995 seine Anklage veröffentlichte. Das Uno-Tribunal vermutet, dass er sich in Serbien versteckt hält, wo auch Karadzic nun verhaftet wurde. Er ist der einzige der 19 wegen des Massakers von Srebrenica angeklagten mutmaßlichen Haupttäter, der noch nicht gefasst ist.

Goran Hadzic

Der ehemalige Präsident der selbst ernannten serbischen Republik Krajina in Kroatien ist wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Der 49-Jährige soll für den Tod Hunderter kroatischer Zivilisten und die Deportation von Zehntausenden Kroaten durch die serbischen Truppen während des Kroatien-Krieges verantwortlich sein. Hadzic tauchte unter, kurz nachdem die Anklage gegen ihn im Juli 2004 bekanntgegeben wurde.

Die Anklage gegen Karadzic
Völkermord
40 Seiten umfasst die Anklageschrift gegen Karadzic, hinzu kommen rund 1,2 Millionen Seiten mit Dokumenten zur Beweisführung. Karadzic droht lebenslange Haft. Er soll gemeinsam mit anderen Tätern in zwei großen Fällen Völkermord an Teilen der muslimischen sowie der kroatischen Bevölkerung von Bosnien-Herzegowina geplant und befohlen haben. Außerdem wird ihm vorgeworfen, zu derartigen Verbrechen angestiftet und sie begünstigt zu haben. Ziel sei es gewesen, bosnische Muslime und Kroaten zu vernichten oder für immer aus Gebieten zu vertreiben, die die bosnischen Serben beanspruchten.

Die Staatsanwaltschaft fasst zum einen zahlreiche Orte zusammen, in denen Völkermord verübt worden sei. Darüber hinaus lastet sie Karadzic eines der grausamsten Verbrechen des Bosnienkrieges an: Er soll das Massaker an bis zu 8000 muslimischen Männern und Jungen in Srebrenica im Juli 1995 geplant und angeordnet haben.
Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Karadzic soll die gewaltsame Verfolgung und Vertreibung der bosnischen Muslime und Kroaten geplant und angeordnet haben. Dadurch seien in zahlreichen Orten Tausende von Menschen Opfer von Diskriminierung, Durchsuchungen, ungesetzlicher Haft, Schikanen, Zwangsarbeit, Folter, Vergewaltigung und Mord geworden. Zudem seien ihre Wohnungen, kulturellen und religiösen Stätten zerstört worden. Die Anklage führt dazu fünf Fälle an.
Kriegsverbrechen
Karadzic wird in vier Fällen Verletzung des Kriegsrechts vorgeworfen. Bei der 43-monatigen Belagerung Sarajewos habe Karadzic es darauf abgesehen, die Zivilbevölkerung durch fortgesetzte Bombardierung und Beschuss von Heckenschützen zu terrorisieren. Tausende Zivilisten wurden getötet und verwundet, unter ihnen viele Kinder.

Zu den 15 Anklagepunkten gehört auch die Geiselnahme von mehr als 200 Uno-Soldaten zwischen dem 26. Mai und dem 2. Juni 1995 in mehreren Gebieten Bosniens.

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