Völkermordprozess Neun Jahre Haft für serbischen Gastarbeiter

Mord konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Dennoch muss Maksim Sokolovic für neun Jahre ins Gefängnis. Der 4. Strafsenat am Oberlandesgericht Düsseldorf ist überzeugt, dass der Serbe in Bosnien-Herzegowina an Völkermord und Vertreibung beteiligt war.


Muss für neun Jahre ins Gefängnis: Maksim Sokolovic
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Muss für neun Jahre ins Gefängnis: Maksim Sokolovic

Düsseldorf - Im zweiten Düsseldorfer Völkermordprozess um Gräueltaten in Bosnien-Herzegowina ist der Gastarbeiter am Montag zu neun Jahren Haft verurteilt worden. Der Bergmann aus Kamp-Lintfort war 1992 Anführer einer paramilitärischen Tschetnik- Gruppe und soll in der Gegend seines Heimatortes Osmaci in fünf Fällen gefangene Moslems schwer misshandelt haben. Vom Vorwurf des Mordes sprachen ihn die Richter wegen widersprüchlicher Aussagen frei. Die Bundesanwaltschaft ließ nach dem Urteil offen, ob sie in Revision geht. Sie hatte "lebenslänglich" gefordert. Sokolovic beteuerte bis zuletzt seine Unschuld.

"Ich schwöre, keine Morde, keine Vergewaltigung getan", hatte Sokolovic mit erhobener Hand in gebrochenem Deutsch noch vor der Urteilsverkündung betont. Der Sohn eines Gefangenen hatte geschildert, wie sein Vater aus einem Bus gezerrt und von Sokolovic vor einem Müllhaufen hinterrücks erschossen worden sei. Während der Beobachtung aus dem Bus heraus hatte der Zeuge den Kopf unter den Armen halten müssen und nur durch das Fenster blinzeln können. "Die Tat wäre dem Angeklagten zuzutrauen", sagte der Vorsitzende Richter. Der Sohn habe in der Situation das Geschehen aber nicht genau erkennen können. Schilderungen zu anderen Geschehnissen hätten zumindest nachweislich Widersprüche enthalten.

Für zweifelsfrei erwiesen hielt das Gericht die Misshandlungen. Einen der Gefangenen habe er mit Gewehrkolben geschlagen, getreten und mit einer Zaunlatte die Arme zerschmettert. "Der Angeklagte hat bis an den Rand der Tötung gewütet." Für zwei vorgeworfene Vergewaltigungen fehlten dagegen wiederum die Beweise.

Nach den Gräueltaten vom 27. und 28. Mai 1992 war bei Osmaci ein Massengrab mit über 200 Toten entdeckt worden. Zwölf konnten dem Geschehen zugeordnet werden, an dem Sokolovic als "Gehilfe" der serbischen Führung beteiligt gewesen sein soll.

Der Prozess gegen Sokolovic war der zweite und vorerst letzte Völkermordprozess in Düsseldorf. 1997 war der Serbe Nicola Jorgic zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Den Prozess hatte die Justiz nach dem Weltrechtsprinzip in Deutschland angestrengt. Danach gilt das deutsche Strafrecht unabhängig vom Tatort bei bestimmten Taten gegen "international geschützte Rechtsgüter". Jorgic und Sokolovic hatten beide lange Jahre in Deutschland gewohnt.



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