Chinas Perspektive Kein Rivale nirgendwo, nur noch Amerika

Chinas politischer und wirtschaftlicher Einfluss wächst, entsprechend selbstbewusst tritt Außenminister Wang Yi beim Volkskongress auf. Bei den globalen Ambitionen der Volksrepublik gibt es nur noch einen Konkurrenten.

Dirigent bei Eröffnungszeremonie des Volkskongresses
DPA

Dirigent bei Eröffnungszeremonie des Volkskongresses

Von , Peking


Im Frühjahr 1976 erschien das US-Magazin "New Yorker" mit einem inzwischen oft kopierten Titelbild, das die Welt aus der Perspektive von Manhattan zeigte. Vorn die 9th Avenue, hinter dem Hudson River der Rest von Amerika, dann der Pazifik und am Horizont drei Inseln: China, Japan, Russland. Das Cover des Illustrators Saul Steinberg gilt als eines der besten aller Zeiten und wird bis heute von jungen Grafikern studiert.

Am Donnerstag sprach Chinas Außenminister Wang Yi beim Nationalen Volkskongress und malte ein Bild wie Steinberg auf seinem "New Yorker"-Titel: den Blick von Peking auf die Welt, ein Panorama von Chinas neuer Außenpolitik.

Es lohnt sich, den Globus einmal aus der Sicht der Chinesen zu betrachten, denn ihre Perspektive hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Außerdem ist die Welt von Peking aus gesehen zurzeit sehr übersichtlich.

Sie gliedert sich wie auf Steinbergs Cover in drei Teile, drei Kreise sozusagen: vorn China und seine Nachbarschaft, dahinter der Rest der Welt und am Horizont eine große Insel - Amerika.

Ihr eigenes Land ist so groß, ihre eigene Kultur so dominant, dass für viele Chinesen oft gar nicht einfach zu erkennen ist, wo die Innenpolitik aufhört und die Außenpolitik beginnt. Es ist kein Zufall, dass sie China "Zhongguo" nennen, "Reich der Mitte".

Wang Yi und die Nachbarschaftspflege

Darauf ging auch der Außenminister in seiner Rede ein, vor allem, als er über Chinas Nachbarn sprach. Er werde sich künftig bemühen, mehr "für Chinas Provinzen" zu tun, sagte er. Das ist eigentlich nicht die Aufgabe eines Außenministers - aber es stimmt: Manche chinesischen Provinzen sind größer und haben mehr Einwohner als die größten europäischen Staaten; eigene Außenminister haben sie nicht.

Außenminister Wang Yi
AP

Außenminister Wang Yi

Die Provinzen, sagte Wang Yi, sollten jedenfalls stärker von den immer engeren Beziehungen profitieren, die Peking mit seinen 14 Nachbarn knüpft. Allein die Zahl ist schon beachtlich, nur Russland grenzt sonst noch an so viele Länder.

Tatsächlich werden nicht nur Chinas Beziehungen zu seinen Nachbarn von Afghanistan bis Südkorea enger, sondern vor allem hat Peking immer größeren politischen und wirtschaftlichen Einfluss. China ist zu einem asiatischen Goliath herangewachsen und versteht die Region zunehmend als seinen Hinterhof - auch wenn der Außenminister das am Donnerstag bestritt.

Neue Seidenstraße von Australien bis Kanada

Unterdessen schaut China bereits über seine unmittelbare Einflusszone hinaus, auf den zweiten Kreis seiner Außenpolitik - den Rest der Welt. Peking fasst inzwischen beinahe alles, was zwischen Kasachstan und Kanada liegt, unter dem Begriff der "Neuen Seidenstraße" zusammen. So heißen die vor fünf Jahren von Präsident Xi Jinping ausgerufenen Handels- und Wirtschaftskorridore zwischen China und Europa, Afrika oder auch Lateinamerika. China will sie nutzen, um Geld und Einfluss zu verteilen.

Ursprünglich sollte die Neue Seidenstraße nur bis Irland reichen, aber das sieht Peking mittlerweile großzügiger. Australien gehöre auf jeden Fall zur Seidenstraße, sagte ein hoher Beamter des Außenministeriums einmal zum SPIEGEL, Panama sei "wohl etwas zu weit entfernt". Aber das war vor zwei Jahren, die Seidenstraße wächst weiter, Peking baut Häfen, Pipelines, Kraftwerke und Eisenbahnen, im Nahen Osten und in Afrika, in Europa und Lateinamerika.

Von dieser Expansion profitiert auch Außenminister Wang. Während die USA das Budget des State Department nach der Wahl von Donald Trump gekürzt haben, ist das des chinesischen Außenamtes in den vergangenen fünf Jahren um das Doppelte gewachsen, ja es wächst (prozentual) sogar schneller als Pekings Rüstungsetat.

Dieser Vergleich drängt sich auf, denn in seinen globalen Ambitionen misst sich das moderne China nur mehr an einem einzigen Land - der fernen Insel am Horizont seines Weltbilds: den USA.

Peking sehe sich nicht als "strategischer Wettbewerber" Amerikas, sagte Wang Yi auf seiner Jahrespressekonferenz: "China hat es nicht nötig und hat nicht die Absicht, die USA zu ersetzen." Zurzeit hätte Peking trotz seines wirtschaftlichen Aufstiegs auch noch nicht die Mittel, die Rolle der USA zu übernehmen - weder finanziell noch politisch. Was es sehr wohl hat, ist der Ehrgeiz, immer weiter zu seinem Rivalen aufzuschließen. China kann die USA aus seiner Nachbarschaft verdrängen und ihnen überall sonst in der Welt auf Augenhöhe begegnen. Vor einem Jahr lief Chinas zweiter Flugzeugträger vom Stapel, nun wird ein dritter gebaut. Er soll, wie die US-Träger, nuklear betrieben werden.

Europa hat alle Flugzeugträger, die es braucht. Aber die Augenhöhe, den weiten Blick auf die Welt, den es bräuchte, hat es nicht. Das ist kein Grund, die Perspektive der Chinesen zu teilen. Aber es ist wichtig, sie zu kennen.



insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
archi47 09.03.2018
1. nun, wir nähern uns dem Normalfall
die Sonderrolle der Gewinner des ersten und zweiten Weltkriegs geht zu Ende. Die Verwerfungen aus der Mao-Zeit in China auch. Die Teilnahme der Chinesen, die ja nicht nur in China, sondern weltweit sich als Einheit verstehen, am Kapitalismus wird die Gewichtung nach Bevölkerung und Wirtschaftskraft verändern. Trump nimmt unwissend die Verkleinerung der Rolle der USA durch seine Politik vorweg. GB mit seinem Exit ebenso. Bleibt noch auf die Entwicklung Indiens zu warten, dann werden wie sehen, wie sich das alles neu zusammen rüttelt. Die Vereinigten Staaten von Europa sind eine immer dringlichere Notwendigkeit. Das mag zwar noch nicht der letzte nationale "Patriot" hier begriffen haben. Die Politiker, die für die Völker Europas Verantwortung tragen, sollten es aber.
rambazamba1968 09.03.2018
2. Brandgefährlich
Ich habe letztes Jahr China besucht und der ausgeprägte Nationalismus ist wirklich unheimlich. Wer auf einem Bierfest stolz chinesische Militärparaden zeigt und Kinder vor dem Schulunterricht die Nationalhymne singen lässt, alle Kritiker des Systems mundtot macht, ist weit entfernt von unserem Demokratieverständnis mit pluralistischen Gesellschaften, die ihre Regierung öffentlich kritisieren können und nationalistische Töne nicht blind hinterherlaufen. Dieses Land ist mittlerweile so mächtig, dass auch die USA nichts mehr zu sagen hat.
Tiefflieger 09.03.2018
3. Die einzige
Chance die Europa, und damit auch Deutschland, hat, ist nach innen einig und nach aussen geschlossen aufzutreten. Sowohl wirtschaftlich als auch militärisch. Auf die Amerikaner kann man sich als, Bündnis- und Wirtschaftspartner, nicht (mehr) verlassen. Die Herausforderungen wachsen, da mit dem Verlust des Vertrauens die eigene Verantwortung auch überproportional steigt. Hoffentlich nimmt die Bevölkerung und die einzelnen Regierungen diese Herausforderung als Chance war gemeinsam auf allen Ebenen stark und auch einflussreich zu werden. Ansonsten wird uns die Macht Chinas mittelfristig in die Bedeutungslosigkeit drücken.
apeface 09.03.2018
4. Steueroase
Falls es mit den Vereinigten Staaten von Europa (USE) nicht klappen sollte (und ich bin selber unsicher, ob das eine gute Idee ist), dann könnten wir Europa doch zu einer großen Steueroase machen. Eine Art Großluxembourg.
santoku03 09.03.2018
5.
Zitat von archi47die Sonderrolle der Gewinner des ersten und zweiten Weltkriegs geht zu Ende. Die Verwerfungen aus der Mao-Zeit in China auch. Die Teilnahme der Chinesen, die ja nicht nur in China, sondern weltweit sich als Einheit verstehen, am Kapitalismus wird die Gewichtung nach Bevölkerung und Wirtschaftskraft verändern. Trump nimmt unwissend die Verkleinerung der Rolle der USA durch seine Politik vorweg. GB mit seinem Exit ebenso. Bleibt noch auf die Entwicklung Indiens zu warten, dann werden wie sehen, wie sich das alles neu zusammen rüttelt. Die Vereinigten Staaten von Europa sind eine immer dringlichere Notwendigkeit. Das mag zwar noch nicht der letzte nationale "Patriot" hier begriffen haben. Die Politiker, die für die Völker Europas Verantwortung tragen, sollten es aber.
Ich stimme Ihrem Plädoyer gegen Nationalismus in der EU voll zu, eins jedoch: Deutschland verdankt seine spätere wirtschaftliche und technologische Stärke unter anderem seiner historischen Zersplitterung (es würde zu weit führen, das hier auszuführen, vergleiche aber u. a. Tim Marshall, Die Macht der Geographie). Die EU hat eine Ebene höher denselben Vorteil. Ich plädiere also für enge Verbindung ohne Gleichmacherei.
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