VW-Skandal Globaler Image-Crash

Die "New York Times" lästert, und auch in Frankreich und China sorgt der VW-Skandal für hämische Reaktionen - nur die Russen sind gelassen. Wie wirkt sich die Abgas-Affäre auf das deutsche Image im Ausland aus? Der Überblick.

Auto von VW vor einem ADAC-Crashtest: "Dämmerung einer Ikone"
REUTERS

Auto von VW vor einem ADAC-Crashtest: "Dämmerung einer Ikone"

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Gerade noch wurde Angela Merkel von ausländischen Medien gefeiert: Die Kanzlerin rief Deutschland zur ersten Anlaufstelle in der Flüchtlingskrise aus, verurteilte den Fremdenhass und erklärte den Umgang mit den Hunderttausenden Migranten zur Chefsache.

Doch jetzt steht der deutsche Autoriese VW am Pranger: Das Unternehmen hat mit einer speziellen Software den Stickoxid-Ausstoß manipuliert, täglich kommen neue Einzelheiten zum Skandal an die Öffentlichkeit.

Wie wirkt sich die Abgas-Affäre auf das deutsche Image im Ausland aus? Was ist geblieben vom Ruf des guten Deutschlands? Was von dem Respekt für die Handhabe der Bankenrettung, der Energiewende oder eben der Flüchtlingspolitik?

Amerikaner lästern über den Vorzeige-Deutschen

In den USA ist man mächtig stolz darauf, die Tricksereien von VW aufgedeckt zu haben. Wohl nicht ganz zufällig platzierte Präsident Barack Obama die Chefin der Umweltschutzbehörde EPA, Gina McCarthy, beim Empfang für den Papst im Weißen Haus in die erste Reihe. Klimaschutz, so die heimliche Botschaft, ist jetzt eines unserer Kernanliegen.

So zufrieden die Amerikaner mit der eigenen Aufklärungsarbeit sind, so hämisch betrachten manche auch das Versagen des deutschen Autobauers und versuchen gar nicht erst, die VW-Manipulation als isoliertes Problem zu interpretieren. Im Gegenteil. Die Machenschaften bei Volkswagen, so schreibt die "Washington Post", stellten eine ganze Branche infrage: "In weniger als einer Woche hat der Skandal den Ruf der gesamten deutschen Autoindustrie beschädigt." "Deutsche Technik" sei weltweit ein erfolgreicher Slogan für vermeintliche Verlässlichkeit gewesen. "Plötzlich fragen sich die Verbraucher, ob man das Versprechen noch glauben kann."

Einige Amerikaner gehen sogar noch ein bisschen weiter: Nach dem VW-Skandal sollte Deutschland langsam von seiner hohen moralischen Warte herunterkommen. In Washington hat man sehr wohl wahrgenommen, wie belehrend Berlin in der Euro-Krise gegenüber anderen Staaten aufgetreten ist. Dass sich Deutschland ausgerechnet in Sachen Klimaschutz so böse patzt, sorgt in den USA für besondere Genugtuung.

Viele Amerikaner nervt, dass sich die Bundesregierung seit Jahren als grüner Vorkämpfer in der Welt präsentiert und andere, allen voran den USA und China, regelmäßig für ihre laxe Haltung kritisiert. Jetzt ist eben mal Deutschland dran, und das ist aus Sicht nicht weniger Amerikaner auch gut so.

Ausgerechnet die traditionsreiche "New York Times" sprach dieses Gefühl am Donnerstag in einem längeren Text an. Der VW-Skandal betreffe "den harten Kern" Deutschlands, schrieb die Zeitung spitz. "Dass eines der traditionsreichsten deutschen Unternehmen eine systematische Manipulation eingestehen musste, hat dem eigenen Selbstverständnis, eine rechtschaffene Nation zu sein, einen schweren Schlag versetzt."

Frankreich beobachtet "Abstieg in die Hölle"

"Katastrophe" kommentiert der "Figaro" - auf Deutsch - den Skandal bei den Nachbarn. Zur Trickserei bei Volkswagen titelt das Blatt dramatisch: "Abstieg in die Hölle". Die linke Libération beschreibt das "Dieselgate" als Schock für die deutsche Wirtschaft, die Tageszeitung "Le Monde" sieht die "Dämmerung einer Ikone" heraufziehen.

Mit "Vergiftete Lüge" überschreibt auch die Tageszeitung "Le Parisien" ihre Berichterstattung und wähnt bittere Folgen für das Image "der gesamten Wirtschaft". Damit werde ausgerechnet der deutsche Vorzeigekonzern zum "Koloss auf tönernen Füßen", so das Blatt und sieht den Ruf "Made in Germany" desavouiert.

Zumal die deutschen Hersteller in Frankreich gern mit ihrer Herkunft hausieren gehen. Opel etwa zeigt - manchmal von Model Claudia Schiffer begleitet - TV-Werbung auf Deutsch mit französischen Untertiteln: Bordcomputer, Verarbeitung, Geschwindigkeitskontrolle für "die französischen Autobahnen", alles "deutsche Qualität", röhrt der virtuelle Autohändler. "Nicht nötig, Deutsch zu können", heißt es in dem Spot, "um zu verstehen, dass der Opel ein echter deutscher Wagen ist." Audi France beendet seine Werbeclips mit dem Hinweis "Vorsprung durch Technik", und die Autobauer aus Wolfsburg senden in TV-Spots den deutschsprachigen Slogan: "VW - Das Auto".

Das ist nun vorbei: Das Argument vom "sauberen Motor", vom "grünen Auto" entlarvt die satirische Wochenzeitung "Canard Enchaîné" als trickreiches "Greenwashing" und höhnt: "Ein neuer Triumph für die deutsche Wirtschaft - Volkswagen hat den Lügen-Diesel erfunden."

Gebrochene Herzen in China

Wie viele Völker Asiens lieben die Chinesen die Deutschen und alles, was aus Deutschland kommt - besonders deutsche Autos. Mit der Nachricht, dass Volkswagen seine Abgaswerte manipuliert habe, stürzt für viele ein Teil ihres Weltbilds ein. "Volkswagen hat mir das Herz gebrochen", schreibt ein Blogger namens HanSanYue auf Chinas Kurznachrichtendienst SinaWeibo. "Da Zhong, du hast mich sehr enttäuscht", stimmt Bai Yin Tou Zi bei. "Kann mir jetzt jemand sagen, was ich mir für 120.000 bis 150.000 Yuan für ein Auto kaufen soll?" Da Zhong steht im Chinesischen für "Volkswagen", 150.000 Yuan sind umgerechnet gut 20.000 Euro.

Tatsächlich werden in China kaum Diesel-betriebene PKW verkauft, aber auf solche feinen Unterschiede geht die VW-Debatte im chinesischen Netz nicht ein: "Ach, so wurde 'Made in Germany' also gemacht", schreibt der User Cai Jing Ma Nong. "Boykottiert VW!" ruft Si Xiang Ri Ji auf. "Zwingt sie aus dem Markt!"

China ist der größte Absatzmarkt für Volkswagen. Der Konzern erwirtschaftet hier gut ein Drittel seines Umsatzes und, je nach Quelle, die Hälfte bis zu zwei Drittel seines Gewinns. Möglicherweise ist das der Grund, warum einige Chinesen Volkswagen für noch größer und bedeutender halten, als der Konzern tatsächlich ist: "Wenn VW zusammenbricht, dann bricht bald auch Deutschland zusammen. Und wenn Deutschland kollabiert, dann kollabiert auch Europa", fürchtet Jing Ji Xi Lun.

Andere Chinesen sind pragmatischer - und vom Börsen-Crash des vergangenen Sommers offenbar nicht beeindruckt: "Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, VW-Aktien zu kaufen", schreibt ein User. "Oder etwas abzuwarten", schlägt ein anderer vor: "Volkswagen werden bestimmt bald viel günstiger werden."

Russland sieht Schuld auch bei USA

Russland hat zu keinem ausländischen Autohersteller ein innigeres Verhältnis als zu Volkswagen. Der Konzern tritt als Sponsor der russischen Fußball-Nationalmannschaft auf und hat Wladimir Putins Winterolympiade in Sotschi 2014 stark unterstützt. VW ist die Nummer drei im zukunftsträchtigen russischen Markt, Anfang September hat das Unternehmen im Provinzstädtchen Kaluga sein erstes Motorenwerk eröffnet. Entsprechend aufmerksam verfolgen russische Medien, wie sich die Affäre entwickelt, die wahlweise "Dieselgate" genannt wird oder "Autogeddon".

Kommentatoren sehen die Ursache für den Skandal eher in der Tatsache, dass "die Amerikaner für jede verschüttete Tasse heißen Kaffee vor Gericht ziehen" (so die Tageszeitung "Kommersant"), als in schwerwiegenden Vergehen der deutschen Konzernführung. Das Thema Klimaschutz ist in Russland bis heute ein randständiges. Russlands Autoindustrie hat derzeit auch ganz andere Probleme: Die Neuzulassungen sind im August schon wieder um 20 Prozent eingebrochen. Der russische Automarkt schrumpft seit mehreren Jahren.

Ob auch VW-Fahrzeuge in Russland betroffen sind, ist noch unklar. Weder das Industrie- noch das Umweltministerium konnten dazu bislang Auskunft geben. Diesel-PKW sind in Russland allerdings auch selten.

Auch deshalb steht in Russland vor allem der Abgang von Martin Winterkorn im Fokus. Der zurückgetretene VW-Chef hatte einen guten Draht zum Kreml und trat öffentlich als Fürsprecher der russischen Führung auf. So sagte er etwa 2013 den "Tagesthemen", Putin wolle "die Demokratie in Russland einführen". Der Kreml-Chef hielt jedenfalls bis zuletzt große Stücke auf den Manager. Anfang September lobte Putin Winterkorn öffentlich - der Deutsche sei ein "Prachtkerl, ein wirklich verlässlicher Mensch und Unternehmer".

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Winterkorn-Rücktritt: Das sind die Kandidaten für die VW-Spitze



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insgesamt 126 Beiträge
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Seite 1
Einer von den guten 24.09.2015
1. Warum jetzt unser Image?
Jeden Tag gibt es irgend einen Skandal von einem amerikanischen Konzern. Oder von einem amerikanischen Geheimdienst. Nun ist es halt mal ein deutscher. Das sollte man jetzt auch mal mit Fassung tragen.
sierrabravofour 24.09.2015
2. Da
haben sich die richtigen auf jeder Ebene gefunden. Ein Betrueger stellt dem anderen Betrueger eine clean bill of health aus.
Hoss_Cartwright 24.09.2015
3. Langsam wird es mehr als deutlich
Begleitet von einer gigantischen Medienkampagne wird die Manipulation als Generalangriff gegen die deutsche Autoindustrie genutzt, genauso wie uns zuvor Millionen Flüchtlinge ins Land geschrieben wurden, ebenfalls mit einer grossangelegten Medienkampagne. Offenbar sind die Deutschen ja nicht so einfach zu Gegnern Russlands zu bekehren. Jetzt wird die ganz große Keule ausgepackt. Ein Grund mehr, mir einen VW oder Audi als nächsten Wagen zu bestellen. So nicht Ihr Amerikaner! Und das gilt auch für Eure Vasallen, die Frau Merkel und Herrn Gabriel. Auch weiter gilt: Kein TTIP, keine Zustimmung zum Bündnisfall, keine Akzeptanz von Atombomben auf deutschem Boden.
bartsuisse 24.09.2015
4. Dumm gelaufen - wer nach den Sternen greift
betrügend und hochmütig auf andere runterzeigt muss sich nicht wundern wenn Hähme zurückkommt
twike-fahrer 24.09.2015
5. Nicht nur VW
Zum Beweis genügt das kleine Einmaleins: 4-6% des Dieselverbrauchs wird als adblue benötigt. Man braucht also nur das kleine Einmaleins, um zu prüfen, ob es auch bei anderen Herstellern ganz gewaltig "stinkt". Beispiel: ML 350 CDI mit ca. 25 Liter adblue-Tank Das kleine Einmaleins ergibt: Das reicht für den Verbrauch von 500 Litern Diesel. Nochmal kleines Einmaleins ergibt: Das reicht bei sehr sparsamen 6,7 Liter Diesel/100km für 7.500 km. Erschreckendes Zitat aus einem drei Jahre alten Forum: ----------------------------------------------- Erstellt am 6. Mai 2012 um 18:32:35 Uhr Bernma Bei meinen ML 350 CDI mußte bereits bei 9500 KM adblue nachgefüllt werden, lag ein Fehler vor, neue Software wurde aufgespielt, ....... ----------------------------------------------- Bereits mit dem kleinen Einmaleins überführt man die Betrüger. Das nennt man dann "Neue Software" - sollte man besser Lug und Betrug nennen?
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