Sieg über IS-Terroristen Die Geisterstadt

Ein Jahr lang hielten IS-Milizen die nordirakische Stadt Sindschar besetzt, mordeten, vergewaltigten, verschleppten Menschen. Seit einem Monat ist sie befreit. Besuch in einem gänzlich zerstörten Ort.

Aus Sindschar berichtet


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Es gibt nichts mehr zu reparieren in Sindschar, man kann nur noch die Betongerippe abreißen, den Schutt wegräumen und alles neu aufbauen. Hier sieht man, was flächendeckendes Luftbombardement anrichtet: Es löscht einen Ort aus.

Aber Sindschar ist befreit, die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zurückgedrängt. Am 13. November haben kurdische Truppen mit einer jesidischen Bürgerwehr die Stadt zurückerobert. So wurde die Hauptverbindung zwischen den beiden IS-Hochburgen Rakka in Syrien und Mossul im Irak gekappt. "Das ist ein historischer Erfolg", sagt Mehma Khalil stolz. "Auch wenn die Stadt fast zu hundert Prozent zerstört ist."

Der Mittfünfziger ist Bürgermeister dieses Ortes, der keine Bürger mehr hat.

Knapp 100.000 Menschen sind aus Sindschar und den umliegenden Dörfern geflüchtet, als im Morgengrauen des 3. August 2014 eine Phalanx von IS-Terroristen in erbeuteten US-Humvees auf die Stadt zugerollt ist.

Die meisten Einwohner suchten Schutz in anderen Teilen des Irak, im nahegelegenen Syrien oder in der Türkei. Tausende versteckten sich im nördlich der Stadt gelegenen Sindschar-Gebirge. Dort harrten sie bei Temperaturen von bis zu 50 Grad aus. Viele verdursteten, und als der Winter kam, erfroren manche.

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Schätzungsweise 5000 Menschen leben immer noch in den Bergen. Ihre Zelte sieht man, wenn man die Serpentinen entlangfährt. Hin und wieder wagt sich jemand mit einem Traktor oder einem Pick-up in die Stadt, sucht in den Resten seines Hauses nach Decken, Kleidung, Töpfen, nach allem, was noch brauchbar ist. Auch Plünderer sind unterwegs in den verlassenen Straßen.

"Es ist gefährlich, in die Häuser zu gehen", sagt Bürgermeister Khalil. "Es gibt überall Sprengfallen, wahrscheinlich Tausende Tonnen TNT."

Der IS hat den Ort bei seinem Rückzug noch vermint, um es den Befreiern nicht allzu leicht zu machen. Jede Tasche, jeder Koffer, jeder Draht sind eine Bedrohung. Erst kürzlich starben sieben kurdische Kämpfer durch eine Explosion, als sie versuchten, eines der zerstörten Gebäude zu betreten. "Es fehlt uns an Experten, die uns helfen könnten."

Bürgermeister Khalil: "Ich mag keine Waffen, aber es geht nicht anders."
Hasnain Kazim

Bürgermeister Khalil: "Ich mag keine Waffen, aber es geht nicht anders."

Khalil trägt die Uniform der Peschmerga, der Truppen der irakischen Kurden. In einem Gürtelholster steckt sein Revolver. "Zum Schutz", sagt er. "Ich mag keine Waffen, aber es geht nicht anders." Zuletzt hat er als Kommandeur in den Bergen gedient, im Kampf gegen den IS. Davor war er acht Jahre lang Abgeordneter im irakischen Parlament in Bagdad.

Seit ein paar Tagen geht Khalil seinen Amtsgeschäften als Bürgermeister nach, in einem Zelt neben einer Ruine, die mal das Rathaus war. Darin empfängt er Honoratioren aus der Region und Vertreter von Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt. "Wir brauchen unbedingt internationale Wiederaufbauhilfe", sagt er. "Ohne Beistand schaffen wir es nicht." Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat deutsche Unterstützung zugesagt, etwa beim Entschärfen der Sprengfallen.

Im ersten Monat nach der Befreiung vom IS haben sie die Straßen freigeräumt von Trümmerteilen und ausgebrannten Autos. Sie haben ein Tunnelsystem entdeckt, unterirdische Gänge, die unter einer Straße verlaufen oder von einem Gebäudekomplex zu einem anderen. Darin ließ der IS seine Kämpfer von Gefechtsstand zu Gefechtsstand kriechen und täuschte damit seinen Feind über seine wahre Truppenstärke. Und sie haben aufgelistet, was als nächstes zu tun ist. "Am dringendsten benötigen wir Wasser und Strom", sagt Khalil. "Und Schulen müssen so bald wie möglich eröffnen, damit Familien mit ihren Kindern zurückkehren."

Nur eine einzige Familie lebt derzeit in Sindschar: die von Jalal Khalaf, dem Sekretär des Bürgermeisters.

Während sein Chef abends zurück zu seiner Familie in einen Nachbarort fahre oder höchstens ein paar Nächte in Sindschar bleibe, ist Khalaf zusammen mit seiner Frau, seinen zwei und vier Jahre alten Kindern, einem Bruder und einem Neffen am Tag nach der Befreiung zurück nach Sindschar gezogen.

"Ich will kein Leben mehr als Flüchtling", sagt er. Das ist alles. Später sagt er noch, er habe eine weitere Frau, mit älteren Kindern, die zur Schule gehen. Die könnten daher nicht hierher ziehen. Sindschar ist für ihn auch eine Möglichkeiten, seine Frauen voneinander getrennt zu halten.

Sein Neffe, ein Teenager, sitzt den ganzen Tag in der Sonne vor seinem alten Haus. Hier stehen die Wände noch, aber die Fenster sind zerborsten durch die Druckwellen, die das Bombardement erzeugt hat.

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Was macht der Junge den ganzen Tag in einer Geisterstadt? "Ich sitze in der Sonne", sagt er. "Und ich hoffe, dass bald meine Freunde zurückkommen." Er habe schon die Häuser in der Nachbarschaft auf Sprengstoff geprüft. "Da ist nichts", sagt er und lacht. Dass das eine lebensgefährliche Freizeitbeschäftigung ist, scheint er nicht zu begreifen. Oder es ist ihm egal. So ist das Leben im Kriegsgebiet.

Alarmiert durch die Bilder von den Flüchtlingen in den Bergen, ordnete US-Präsident Barack Obama die Luftangriffe an, fünf Tage nachdem der IS Sindschar eingenommen hatte. Durch die Luftunterstützung konnten die kurdischen Kämpfer die Stadt später zurückerobern.

Noch leben immer leben rund 5000 Flüchtlinge im Sindschar-Gebirge.

Durch solche Tunnelanlagen krochen die IS-Kämpfer von Gefechtsstand zu Gefechtsstand, um eine größere Truppenstärke vorzutäuschen.

Zerstörtes Sindschar: US-Präsident Barack Obama ordnete Luftangriffe an, nachdem der IS die Stadt eingenommen hatte. Durch die Luftunterstützung konnten die kurdischen Kämpfer Sindschar zurückerobern.

Es gibt nichts mehr zu reparieren in Sindschar, man kann nur noch die Betongerippe abreißen, den Schutt wegräumen und alles neu aufbauen.

Der IS hat den Ort bei seinem Rückzug noch vermint. In jeder Tasche, in jedem Koffer kann eine Bombe sein, jeder Draht eine Detonation auslösen.

Überlebende suchen in den Resten der Häuser nach Decken, Kleidung, Töpfen, nach allem, was noch brauchbar ist.

Mehma Khalil ist Bürgermeister dieses Ortes, der keine Bürger mehr hat.

"Wir brauchen unbedingt internationale Wiederaufbauhilfe", sagt Bürgermeister Khalil. "Ohne Beistand schaffen wir es nicht."

In einem Zelt neben einer Ruine, die mal das Rathaus war, geht der Bürgermeister seinen Amtsgeschäften nach.

Im provisorischen Rathaus werden die Pläne für die Zukunft gemacht. "Am dringendsten benötigen wir Wasser und Strom", sagt der Bürgermeister. "Und Schulen müssen so bald wie möglich eröffnen, damit Familien mit ihren Kindern zurückkehren."

Peschmerga-Kämpfer im befreiten Sindschar (15. November): Für die Peschmerga ist die Befreiung auch eine Wiedergutmachung.

Die Stadt wurde beinahe zu hundert Prozent zerstört.

Zwei Kilometer von Sindschar, im nächsten Dorf, herrscht der IS noch immer.

Bombardement der US-Truppen auf Sindschar (12. November 2015): Durch die Luftunterstützung konnten die kurdischen Kämpfer die Stadt zurückerobern.

Der IS zerstörte auch die Tempel der Jesiden.

Die PKK leistete den IS-Milizen Widerstand, als die Extremisten Sindschar im August 2014 überrannten. An der Rückeroberung waren Peschmerga, jesidische Truppen und PKK beteiligt, unterstützt von der internationalen Anti-IS-Koalition.

Peschmerga bei ihrem Einzug in Sindschar (am 15. November)

In den Bergen wurde inzwischen ein Kriegerdenkmal errichtet, ein Kampfwagen.

SPIEGEL-ONLINE-Reporter Hasnain Kazim in Sindschar.

Wer den IS-Schergen im Sommer 2014 nicht entkam, wer ihnen in die Hände fiel, wurde ermordet. Die meisten Bewohner von Sindschar waren Jesiden, Anhänger einer Religion, die nicht auf einer heiligen Schrift beruht. Sie verehren Melek Taus, einen Engel in Gestalt eines blauen Pfaus.

Die IS-Anhänger bezeichnen Jesiden als "Teufelsanbeter". Anders als den Christen in Mossul, der Großstadt im Osten von Sindschar, die der IS im Juni 2014 überraschend erobert hatte, boten sie den Jesiden seltener an zu konvertieren, eine Strafsteuer zu zahlen oder zu verschwinden. Stattdessen massakrierten sie die Gläubigen an Ort und Stelle - Männer, Frauen und Kinder - und verscharrten sie in Massengräbern.

"Nach unserer Zählung wurden 5358 Frauen und Mädchen entführt", sagt Bürgermeister Khalil. Etwa 2800 habe man später befreien können. Aus ihren Berichten weiß man, dass sie als Sexsklavinnen verkauft oder von IS-Kommandeur zu IS-Kommandeur gereicht wurden. Wochen-, manchmal monatelang wurden sie vergewaltigt.

"Von etwa 10.000 Bewohnern fehlt noch immer jede Spur", sagt Khalil. "Wir gehen davon aus, dass die meisten ermordet wurden."

Insgesamt 19 Massengräber hat man bislang in Sindschar und Umgebung gefunden. "Wahrscheinlich sind es mindestens doppelt so viele, vielleicht 40 oder mehr", schätzt Khalil.

Das Massengrab liegt direkt an der Front
Hasnain Kazim

Das Massengrab liegt direkt an der Front

In einer Aushebung am südlichen Stadtrand liegen menschliche Knochen, Haarreste, Kleidungsstücke. Zwei Kilometer von hier, im nächsten Dorf, herrscht der IS. Durch das Zielfernrohr kann man deren Kämpfer sehen, gelegentlich fallen Schüsse. Ein Massengrab direkt an der Front. 72 Tote lagen hier, bis auf ein paar Überreste sind alle fortgeschafft. Insgesamt hat man bisher 2000 Leichen in solchen Grabstätten in Sindschar gezählt.

Einige Massengräber sind noch nicht geöffnet worden, weil es an Experten fehlt, die die Opfer identifizieren könnten. Menschen mit eingeschlagenem Schädel, mit Schüssen im Kopf, mit durchgeschnittener Kehle. Mit diesen Bildern im Kopf fällt es leichter, die Genugtuung der Überlebenden von Sindschar über die Luftschläge nachzuempfinden. Zu verstehen, dass die komplett zerstörte Stadt das geringere Übel ist.

Die Geschehnisse haben Spuren hinterlassen. Viele Menschen, die früher in Sindschar lebten, leiden unter psychischen Störungen. Ob die Traumatisierten jemals zurückkehren werden in ihren alten Heimatort? "Dank der Peschmerga ist Sindschar sicher", betont der Bürgermeister.

Aber es bleiben Zweifel. In den vergangenen zwei Wochen haben IS-Milizen mindestens ein Dutzend Mal versucht, an verschiedenen Stellen der Front durchzubrechen und in Sindschar einzudringen. Die Gefahr ist längst nicht gebannt.

Peschmerga-General Jamal Mohammed Omar: "Wir kennen ihre Taktik, wir wissen, wie sie vorgehen"
Hasnain Kazim

Peschmerga-General Jamal Mohammed Omar: "Wir kennen ihre Taktik, wir wissen, wie sie vorgehen"

"Wir haben sie jedes Mal zurückgeschlagen", sagt der Drei-Sterne-General Jamal Mohammed Omar, Stabschef der Peschmerga. "Wir kennen ihre Taktik, wir wissen, wie sie vorgehen. Unser Problem ist: Wir haben nicht genug Waffen."

Tatsächlich haben die Extremisten in den vergangenen Monaten weite Teile ihres selbsternannten Kalifats verloren, im Irak wie in Syrien. Über viele Kilometer haben die Peschmerga entlang der Front von Sindschar einen Graben ausgehoben, damit die Terroristen nicht mehr so leicht mit ihren Geländewagen durchbrechen können.

Für die Peschmerga ist die Befreiung auch eine Wiedergutmachung: Damals, als der IS kam, überließen die Peschmerga-Soldaten ihnen kampflos das Feld. Die Bewohner von Sindschar warfen ihnen vor, sie im Stich gelassen zu haben, sie standen vor der ganzen Welt als Truppe von Feiglingen da. Es waren die YPG, der syrische Ableger der PKK, die den Menschen zu Hilfe eilten.

Erst später kehrten die Peschmerga zurück. Ausgebildet unter anderem von der Bundeswehr und ausgestattet mit Gewehren und panzerbrechenden Milan-Raketen aus Deutschland, leisteten sie ihren Beitrag, Sindschar zurückzugewinnen. "Wir waren damals viel zu wenige Soldaten, der IS kam mit einer überraschenden Übermacht", rechtfertigt Omar den damaligen Rückzug. Umso wichtiger war den Peschmerga, ihre Ehre wiederherzustellen.

Peschmerga-Kämpfer im zurückeroberten Sindschar (15. November)
Getty Images

Peschmerga-Kämpfer im zurückeroberten Sindschar (15. November)

Um die Rückeroberung ist jetzt ein Streit entbrannt. Die Peschmerga legen Wert darauf, dass sie es waren, die die Stadt vom IS befreit haben, mit Hilfe der jesidischen Bürgerwehr - und nicht die PKK. Die PKK wiederum beansprucht den Sieg für sich und verweist darauf, dass ihre Leute den Häuserkampf in der Stadt geführt haben.

Peschmerga und PKK, beide kurdisch, sprechen nun nicht mehr miteinander. Immerhin gestehen die Peschmerga der PKK einige Kontrollposten um Sindschar herum zu.

Diese Zerstrittenheit ist nur ein kleines Problem, verglichen mit dem, was sonst noch gärt in Sindschar.

Wird man wieder zusammenleben können, in einer Gemeinschaft, in der es Leute gab, die mit dem IS sympathisiert, ihn sogar unterstützt haben? Araber, die Jesiden verraten haben? Die an einem Tag noch nebeneinander lebten, am anderen Tag das Haus des Nachbarn besetzten oder dessen Tochter vergewaltigten?

Viele jesidische Flüchtlinge sagen, sie würden niemals zurückkehren an jenen Ort, wo ihr Blut vergossen wurde. "Man muss diejenigen, die sich schuldig gemacht, den Terroristen geholfen oder sich an deren Verbrechen beteiligt haben, vor Gericht stellen", sagt General Omar. "Dann wird ein Zusammenleben möglich sein."

So wie unklar ist, ob der Irak weiterbestehen oder in einen kurdischen, einen schiitischen und einen sunnitischen Staat zerfallen wird, ist auch ungewiss, wohin Sindschar künftig gehören wird.

Bislang wurde die Stadt offiziell von der irakischen Zentralregierung in Bagdad verwaltet, nicht von der Regierung des kurdischen Autonomiegebiets im Nordirak mit Sitz in Erbil. Aber an der Befreiung der Stadt hatte die irakische Armee keinen Anteil. Die Peschmerga unterliegen dem Befehl der Regierung des kurdischen Autonomiegebiets im Nordirak. Entsprechend beansprucht Erbil Sindschar für sich. Am Ortseingang hat jemand "Sindschar gehört zu Kurdistan" gesprüht.

Der IS ist zurückgedrängt, Sindschar von den Extremisten befreit. Von einem Frieden ist der Ort noch weit entfernt.

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Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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