Vom IS missbrauchte Frauen "Wie lebende Tote"

Sie wurden vergewaltigt und versklavt - nach ihrer Befreiung bleibt ein Stigma: Frauen, die Opfer des IS wurden, müssen allein mit dem Trauma fertigwerden. Eine Uno-Beauftragte schilderte jetzt ihre Eindrücke von den Opfern.


Pramila Patten, Uno-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt bei Konflikten, prangert die gesellschaftliche Ächtung von Frauen und Mädchen an, die von Kämpfern der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) vergewaltigt und als Sexsklavinnen gehalten wurden.

Sie habe ein "schreckliches Fehlen" von Unterstützung für die Opfer beobachtet, berichtete sie nach einer mehrtägigen Reise in den Irak. Überlebende, die sie getroffen hatte, seien ihr wie "lebende Tote" vorgekommen.

Die Frauen und Mädchen wurden Anfang dieses Jahres freigelassen. Seither säßen sie in Camps fest, berichtet Patten. Die Frauen würden in doppelter Hinsicht stigmatisiert: weil sie Opfer sexueller Gewalt sind und die Taten im Zusammenhang mit dem IS stehen. Die Frauen hätten Angst, als Angehörige der Terrorgruppe angesehen zu werden. "Einige Frauen äußerten auch Ängste vor einer Festnahme", erzählt Patten.

Die Frauen würden gewissermaßen eingesperrt. Sie kämen nie aus ihren Camps heraus und hätten keine Chance auf grundlegende psychosoziale Unterstützung. Zudem hätten sie Angst um ihre Sicherheit. Falls sie sich nach Hause trauten, drohten den Frauen Vergeltungsakte.

Patten sprach auch mit verschiedenen Religionsführern. Sie äußerten viel Empathie bezüglich der zurückgekehrten Frauen. Von anderer Stelle wurde der Uno-Botschafterin jedoch berichtet, dass vom IS missbrauchte Turkmeninnen aus ihren Gemeinden ausgeschlossen würden. Die Jesidinnen, mit denen sie gesprochen hat, wollten den Irak am liebsten verlassen. Die Gruppe ist immer wieder Opfer von Verfolgung.

Mossul, die zweitgrößte Stadt im Irak, wurde 2014 vom IS eingenommen. Die Terrormiliz brachte fast ein Drittel des Landes unter ihre Kontrolle und stürzte es in die schlimmste Krise seit dem Irakkrieg 2003. Im Juli 2017 wurde Mossul befreit.

Die Kinder der Sklaverei

Die Folgen der IS-Besetzung betreffen neben den misshandelten Frauen auch deren Kinder. Provinzvertreter in Mossul hätten berichtetet, dass Sexsklavinnen ihre beim Missbrauch entstandenen Kinder verstoßen, erzählt Patten. Deshalb müssten nun Waisenheime für Tausende Kinder eingerichtet werden. Die Waisen gehörten unterschiedlichen Gruppen an - ihre Mütter sind Turkmeninnen, Schiitinnen und Jesidinnen.

Patten forderte Iraks Premierminister Haider al-Abadi und regionale Vertreter auf, das Stigma von den Opfern auf die Täter zu übertragen. Trotz aller humanitären Bemühungen fehle es an physischer, psychischer und psychosozialer Unterstützung für die Frauen. "Sie brauchen spezielle Hilfe, die schlicht nicht vorhanden ist", sagte sie. In diesen Bereichen müssten mehr Ressourcen eingesetzt werden. Zudem müssten den vergewaltigten Frauen ökonomische Perspektiven geboten werden.

Patten forderte die Regierung auch auf, mehr für die Freilassung noch gefangen gehaltener Frauen und Mädchen zu tun. Männer sollten ebenfalls ausfindig gemacht werden. Laut Patten werden immer noch gut 3150 Jesiden vermisst, darunter gut 1470 Frauen und Mädchen. Außerdem sei der Verbleib von 1200 Turkmenen unklar, darunter 600 Frauen und 250 Kinder, so Patten.

jme/AP

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