Aus Kairo berichten Matthias Gebauer und Yassin Musharbash
Eine Million Demonstranten auf Ägyptens Straßen, leicht pathetisch "Marsch der Millionen" getauft - das ist das hochgesteckte Ziel der Opposition für diesen Dienstag. Die Zahl ist symbolisch gemeint. In Wahrheit geht es darum, dass sich noch einmal mehr Menschen zusammenfinden als in den Tagen zuvor, dass der Widerstand gegen Mubarak noch schlagkräftiger wird.
Die Gegner des Präsidenten sind sich sicher, dass das Regime des greisen Despoten seinem Ende entgegentaumelt. Der Marsch am Dienstag soll ihm einen weiteren Stoß versetzen - und im besten Fall diesen Tag zu dem machen, an dem Mubarak seine Taschen packen muss.
Es ist genau eine Woche her, dass der Aufstand in Ägypten seinen ersten Höhepunkt hatte, als Zehntausende Regimegegner die Regierung überrumpelten und auf dem Platz der Befreiung in Kairos Herzen den Wandel forderten. Seitdem ist die Revolte nicht etwa abgeebbt, sondern weiter angeschwollen. Sie ist auf das ganze Land übergesprungen.
Die Voraussetzungen für einen neuen Höhepunkt der Protestbewegung sind nicht schlecht. Die Armee hat am Montagabend klargestellt, dass sie die Regimegegner nicht aufhalten wird. Es werde keine Gewalt gegen die Demonstranten geben, kündigte das Militär per Staatsfernsehen an und garantierte das Recht der freien Meinungsäußerung. Das nimmt vielen Menschen die Angst vor einer Niederschlagung der Proteste.
Auf welcher Seite steht die Armee?
Bei vielen Regimegegnern hat die Erklärung des Militärs die Hoffnung geweckt, dass die Streitkräfte sogar auf der Seite der Regimegegner stehen könnten. Wie sonst, fragen sie sich, ist es zu erklären, dass der Mann, der im Namen der Armee vor die Kameras trat, betonte: Die Armee hat die Forderungen des Volkes als legitim anerkannt. Und die wichtigste dieser Forderungen ist schließlich, dass Mubarak sein Amt aufgibt und abdankt.
Zudem lässt der Präsident selbst Nervosität erkennen. Am späten Abend beauftragte er seinen gerade erst ernannten Vizepräsidenten Omar Suleiman, bisher Geheimdienstchef, mit der Herstellung eines "Dialogs" mit allen politischen Parteien. Bei den Demonstranten löste das nicht einmal ein müdes Lächeln aus. Sie verbuchen es als hektisches Manöver, als Rückzugsgefecht. Was vor einigen Jahren als Zugeständnis wohl noch gewirkt hätte, erscheint jetzt nur noch als verzweifelter Schachzug.
Es ist unwahrscheinlich, dass Mohamed ElBaradei, der inoffizielle Anführer der Opposition, das Angebot annimmt. Mubarak, so die Argumentation unter den Demonstranten, wolle nur Zeit kaufen, um sich im Amt zu halten. Wirkliche Reformen aber werde es mit dem alten Mann an der Spitze nicht geben.
Die Ankündigungen Suleimans waren extrem vage. Er sprach von Verfassungs- und Gesetzesreformen, nannte aber keine Details. Ägypten wird seit Jahrzehnten unter Notstandsgesetzen regiert. Wollte der Vize andeuten, dies könnte ein Ende haben? Zu spät, finden die Demonstranten.
Ebenfalls am Montag hatte Mubarak mit versteinerter Miene seine neuen Kabinettsmitglieder vereidigt. Nachfolger des bei der Bevölkerung verhassten bisherigen Innenministers Habib al-Adli wurde Mahmud Wagdi, früher für die Gefängnisse im Land verantwortlich - ein wenig Vertrauen einflößender Schritt.
In einer im Staatsfernsehen verlesenen Erklärung versprach Mubarak bereits vor der überraschenden Ankündigung von Gesprächen "mehr Raum für die Beteiligung der Parteien am politischen Leben mit dem Ziel, eine freie, demokratische Gesellschaft zu schaffen". Auch das nimmt kaum jemand ernst. Alle neuen Gesichter im Kabinett, so die Argumentation, seien alte Getreue des Präsidenten.
Zug zum Präsidentenpalast könnte auf Widerstand stoßen
Laut Plan soll die Massenkundgebung am Platz der Befreiung in Kairos Zentrum starten und zum Präsidentenpalast ziehen. Schon am Abend versammelten sich Tausende Menschen auf dem Platz, der seit Tagen von der Opposition besetzt ist. Sollte der Zug tatsächlich Richtung Präsidentenpalast gehen, könnte es ernsthafte Zusammenstöße geben. Denn noch hat Mubarak Getreue. Schon als einige Demonstranten am vergangenen Freitag auf das Innenministerium zumarschierten, wurde scharf geschossen. Auch am Montag gab es dort Auseinandersetzungen, doch das Militär setzte keine Waffen ein.
Noch ist der Ausgang der Revolte gegen Mubarak nicht entschieden. Zwar ist die Allianz zwischen Bevölkerung und Armee vermutlich stabil. So hielt sich das Militär, das weiterhin mit Kampfpanzern rund um den Platz der Befreiung stationiert ist, den ganzen Montag lang auffällig zurück. Soldaten kontrollierten zwar alle herbeiströmenden Menschen auf Waffen, hinderten aber trotz der geltenden Ausgangssperre ab 3 Uhr nachmittags bis in die Nacht hinein niemanden am Zugang zum Herzen des Protests. Das Verhältnis zwischen Demonstranten und Soldaten erschien vielmehr fast freundlich, es wird viel gelacht und einige der Regimegegner versorgen die Uniformierten gar mit Essen, Wasserflaschen und Zigaretten.
Teile der Armee und der Militärpolizei aber könnten ausscheren. Die Präsidentengarde zum Beispiel ist auf Mubarak eingeschworen und gilt den Revoltierenden als unberechenbar und mögliche Bedrohung. Zudem gibt es Gerüchte, denen zu Folge die Luftwaffe, deren Befehlshaber Mubarak einst war, diesem nach wie vor treu ergeben ist. Am Sonntagnachmittag waren mehrere Kampfjets in extremer Tiefe über den Platz der Befreiung geflogen - ein Signal der Einschüchterung, das von der Luftwaffe ausging? Niemand weiß es genau, aber ein Kampf der Truppenteile untereinander wäre ein Horrorszenario.
Die Lage in Ägypten bleibt also unübersichtlich:
Die Demonstration am Dienstag könnte einige Klarheit bringen. Wenn der "Marsch der Millionen" wirklich so eindrucksvoll wird, wie die Protestierenden hoffen, rückt die Stunde der Entscheidung im Machtkampf in Ägypten jedenfalls ein gutes Stück näher.
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