Vor Euro-Finanzkrisengipfel Britisches Modell soll die Finanzwelt retten

Spannung vor dem Euro-Finanzkrisengipfel: Laut Kanzlerin Merkel soll ein "Instrumentenkasten" beschlossen werden. Das britische Rettungsprogramm soll offenbar Modell stehen. Das deutsche Paket ist allerdings schon in Arbeit - es soll bereits am Montag ins Kabinett gehen.


Paris - Großbritannien will sein Modell zur Bekämpfung der Finanzkrise auf andere Länder übertragen. "Ich werde nach Paris fahren, um die anderen europäischen Länder zu überzeugen, den gleichen umfassenden Ansatz zu wählen, den wir in Großbritannien angewendet haben", schrieb Premier Gordon Brown in einem Beitrag für den "Sunday Mirror". Der Premier warb zudem für Kooperation: "Kein Land - auch nicht das größte - kann es in Zeiten wie diesen alleine schaffen." Brown nimmt in Paris an dem Treffen der Euro-Länder teil, das am heutigen Sonntagabend beginnt.

Pressekonferenz der EU-Staatschefs am 4. Oktober: Laut Merkel soll am heutigen Sonntagabend ein "Instrumentenkasten" besprochen werden für den Kampf gegen die Finanzkrise
REUTERS

Pressekonferenz der EU-Staatschefs am 4. Oktober: Laut Merkel soll am heutigen Sonntagabend ein "Instrumentenkasten" besprochen werden für den Kampf gegen die Finanzkrise

Großbritannien hatte 500 Milliarden Pfund - umgerechnet rund 636 Milliarden Euro - bereitgestellt, um Leihgeschäfte von Banken zu garantieren und das Eigenkapital der Finanzinstitute mit bis zu 50 Milliarden Pfund zu stärken. Frankreich und Deutschland signalisierten inzwischen ihre Bereitschaft, diese Instrumente zu akzeptieren.

Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde kündigte in Washington an, die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone würden "konkrete" Maßnahmen verkünden. Einzelheiten nannte sie nicht. Sie gehe aber davon aus, dass auch über umfassende Bürgschaften für Interbankenkredite beraten werde. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, es gehe um die Einigung auf einen einheitlichen "Instrumentenkasten" für Europa.

Derweil arbeitet die Bundesregierung schon an dem Rettungspaket für Deutschland. Details sollen von Merkel Medienberichten zufolge ebenfalls bereits auf dem Gipfel am Sonntagabend, also noch vor Öffnung der Märkte am Montag, verkündet werden. Insgesamt könne das deutsche Paket bis zu 400 Milliarden Euro umfassen, meldete das "Handelsblatt".

Merkel wirbt in der "BamS" um Verständnis

Merkel sagte, das deutsche Paket zur Stützung der Banken werde zeitlich sehr schnell auf den Weg gebracht. Bereits am Montag soll es in einer Sondersitzung des Kabinetts beraten werden. Ob das von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) vorbereitete Programm eine Teilverstaatlichung von Banken vorsieht, ließ Merkel offen. "Es geht darum, die Banken mit ausreichend Kapital zu versorgen", sagte sie aber. Eine vollständige Verstaatlichung komme nicht in Frage.

In einem Interview mit der "Bild am Sonntag" warb Merkel bei der Bevölkerung für Verständnis für staatliche Stützungsmaßnahmen. "Nur ein Handeln des Staates kann jetzt das notwendige Vertrauen zurückbringen", sagte Merkel. "Wir tun das nicht im Interesse der Banken, sondern im Interesse der Menschen", beteuerte die Kanzlerin.

Staaten der Welt demonstrieren Geschlossenheit

Bereits am vergangenen Wochenende hatten die vier großen EU-Staaten Maßnahmen gegen die Finanzkrise abgestimmt. Die Märkte hatten jedoch nicht darauf reagiert und die Aktienkurse waren in der Woche um ein Fünftel eingebrochen. Der Dow-Jones-Index verzeichnete sowohl nach Punkten als auch nach Prozenten die schlechteste Handelswoche seiner Geschichte: Der Leitindex brach um insgesamt 18 Prozent ein.

In Washington wurde im Vorfeld der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank Einigkeit im Kampf gegen die Krise demonstriert. Am Freitag hatten die G7 einen Aktionsplan beschlossen, hinter den sich inzwischen auch die 185 IWF-Mitgliedsländer geschlossen gestellt haben. Auch die Staatengruppe der G20 erklärten nach einer Sondersitzung ihre Zustimmung zu dem Plan. Der G20 gehören auch Schwellenländer wie China und Indien an. Zu ihrem Treffen erschien überraschend US-Präsident Bush.

Der G-7-Plan sieht vor, große Banken zu schützen und ihren Bankrott zu verhindern. Die Kreditmärkte sollen wieder belebt werden. Außerdem wollen die Regierungen die Bemühungen der Banken unterstützen, aus öffentlichen und privaten Quellen frisches Kapital zu bekommen. Die Sicherungen für Spareinlagen sollen gestärkt und der zusammenbrechende Hypothekenmarkt gestützt werden.

US-Finanzminister Henry Paulson sagte, die US-Regierung halte an ihrem Plan fest, Aktien von Finanzinstitutionen aufzukaufen. Es wäre das erste derartige Vorgehen seit den dreißiger Jahren. US-Präsident George W. Bush sagte, weltweit koordiniertes Handeln werde zum Ziel führen: "Die Weltwirtschaft wird als Ergebnis stärker aus der Krise hervorgehen."

ase/dpa/AP



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.