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Vorladung wegen Mohammed-Karikatur: "Ich lasse mich nicht einschüchtern"

Eine Karikatur hat sein Leben verändert: Seit er 2005 einen Muslim mit Bombenturban zeichnete, lebt Kurt Westergaard unter Polizeischutz - jetzt versucht die jordanische Justiz, ihn vor Gericht zu stellen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE spricht er über die Vorladung, seine Feinde und seine Wut.

SPIEGEL ONLINE: Herr Westergaard, in diesem Jahr fahren Sie vermutlich nicht nach Jordanien in den Urlaub, oder?

Westergaard: Nein, sicher nicht!

SPIEGEL ONLINE: Der Generalstaatsanwalt in Amman hat vor kurzem eine Vorladung an Sie erlassen. Sie sollen wegen Ihrer Mohammed-Karikatur aus dem Jahr 2005 vor Gericht erscheinen.

Westergaard: Ja, aber bisher habe ich noch keine Vorladung erhalten. Ich habe sogar schon die jordanische Botschaft in Berlin kontaktiert und gefragt, ob sie mich genauer darüber informieren könnten, welche Strafen in Frage kommen und ob ich verhaftet würde, falls ich jordanischen Boden betrete. Aber ich habe keine Antwort erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wahrscheinlich würden Sie verhaftet werden, wenn Sie nach Amman reisten ...

Westergaard: Das vermute ich auch.

SPIEGEL ONLINE: Und was würden Sie vor Gericht zu Ihrer Verteidigung vorbringen?

Westergaard: Ich würde zu erklären versuchen, dass meine Intention mit dieser Zeichnung nicht war, den Islam anzugreifen - sondern die Terroristen, die einen Teil des Islam als spirituelle Munition benutzen. Man könnte auch sagen: Die Terroristen haben den Propheten Mohammed als Geisel genommen.

SPIEGEL ONLINE: In Jordanien gibt es ein neues Presserecht, demzufolge Beleidigungen von Propheten verboten sind - eine direkte Reaktion auf Ihre Zeichnung und die Ihrer Kollegen. Es wäre also durchaus wahrscheinlich, dass man Sie verurteilen würde ...

Westergaard: Ja. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sehr schwierig ist, Muslimen meine Intention zu erklären.

SPIEGEL ONLINE: Im schlimmsten Fall können Sie nicht mehr nur nicht nach Jordanien fahren, sondern auch nicht mehr in andere Länder, die Sie eventuell ausliefern würden, falls Amman einen Haftbefehl erwirkt.

Westergaard: Vermutlich, ja. Ich glaube, es ist nicht im Interesse der Regierungen und Politiker im Nahen Osten, zuzugeben, dass sie meine Zeichnung verstehen. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, sind durchaus gebildet und intellektuell - aber aus politischen Gründen wollen sie keine andere Interpretation als ihre eigene zulassen. Für ihre Innenpolitik ist es einfacher, das, was ich ein Missverständnis nennen würde, nicht auszuräumen.

SPIEGEL ONLINE: Diese eine Zeichnung hat bereits ihr Leben in Dänemark völlig verändert: Sie ziehen ständig um, die Polizei beschützt Sie rund um die Uhr. Jetzt droht sie auch Ihr Leben außerhalb Dänemarks einzuschränken.

Westergaard: Ich bin mir dessen bewusst. Aber ich habe in meinem Leben ein gutes Stück von der Welt gesehen. Ich muss nicht mehr so viel ins Ausland, wenigstens nicht in die islamische Welt.

SPIEGEL ONLINE: Sie lachen und machen Witze, dabei tragen Sie eine schwere Bürde. Fühlen Sie sich manchmal als Märtyrer der Pressefreiheit?

Westergaard: Nein, ich fühle mich wie ein Karikaturist, der seinen Job getan hat. Die Polizeibewachung, die Tatsache, dass mein Haus in eine Festung verwandelt wurde - das sorgt dafür, dass ich mich sicher fühle. Ich habe eine gute Beziehung zum dänischen Nachrichtendienst. Es ist mir möglich, ein gutes Leben zu leben. Und ich habe noch einen Vorteil: Ich bin 73 Jahre alt, da fürchtet man sich nicht mehr so sehr.

SPIEGEL ONLINE: Aber offenbar planten drei Männer bereits Ihre Ermordung. Das Verfahren wurde nur eingestellt, weil die Beweise aus Gründen des Informantenschutzes nicht öffentlich gemacht werden konnten. Hat Sie das nicht erschrocken?

Westergaard: Ja, natürlich, das ist beängstigend. Aber das Gefühl, das ich nun habe, ist vor allem Wut. Und Wut ist positiv, wenn man bedroht wird. Es ist, als würde man zurückschlagen. Dieses Gefühl der Wut darüber, dass ich bedroht werde, nur weil ich meinen Job erledigt habe, ist gut.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie darüber nachgedacht, Ihre Situation zum Thema Ihrer Arbeit zu machen - in einem Buch oder durch weitere Zeichnungen?

Westergaard: Nein, ich denke nicht, dass ich das tun werde. Sehen Sie: Indem ich mit Ihnen oder anderen Medien spreche, kann ich mich ja ausdrücken und erklären.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben nun seit fast drei Jahren in außergewöhnlichen Umständen. Hat diese Affäre Ihren Blick auf die Welt verändert?

Westergaard: Als ich jung war, habe ich Faschismus und Kommunismus erlebt. All diese -ismen habe ebenfalls Fanatiker hervorgebracht. Ich kenne diese Fanatiker. Es gibt ein Gefühl, das ihnen fremd ist: Zweifel. Zweifel sind schwierig, klar. Aber zu zweifeln ist ein dynamisches Gefühl, dass die Welt verändern kann. Ich lasse mich von diesen Fanatikern nicht einschüchtern. Ich will den Rest meines Lebens genießen. Meine Haltung hat sich nicht geändert. Ich bin immer noch ein wütender, alter Mann, der bedroht wird, weil er seine Arbeit getan hat.

SPIEGEL ONLINE: Nicht weit von Ihnen, in den Niederlanden, lebt Geert Wilders, ein Abgeordneter und Filmemacher, der einen anti-islamischen Film namens "Fitna" gedreht hat. Auch er soll in Jordanien vor Gericht gestellt werden. Haben Sie sich mal beraten?

Westergaard: Tatsächlich wurde ich von Wilders kontaktiert, allerdings aus einem anderen Grund. Ich hatte mich nämlich beschwert, weil er meine Zeichnung in seinem Film missbraucht hat. Wir haben uns darauf geeinigt, dass er mir dafür Wiedergutmachung zahlt. Und er hat die Zeichnung aus dem Film entfernt. Ich habe kein Problem mit ihm. Aber ich teile seine Meinung nicht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Westergaard, wenn Sie noch einmal vor der Entscheidung stünden, diese eine Zeichnung zu veröffentlichen: Würden Sie es tun?

Westergaard: Ich habe natürlich viel über diese Frage nachgedacht. Aber ich bin überzeugt: Ja, ich würde es noch einmal tun.

Das Interview führte Yassin Musharbash.

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