Vorstadt-Unruhen Rebellion gegen die Grande Nation

Eine explosive Grundstimmung in den vernachlässigten Vorstädten, eine konfus reagierende Regierung und ein Gebirge ungelöster Integrationsprobleme: Die Serie gewalttätiger Ausschreitungen, die Frankreich seit einer Woche in Atem hält, wird kaum so schnell abreißen.


Berlin - 9000 Polizeiautos sind in Frankreich in diesem Jahr schon in Brand gesteckt oder auf andere Weise zerstört worden. Diese Zahl gab der französische Innenminister Nicolas Sarkozy am 25. Oktober bekannt, also bevor die seit acht Tagen andauernden Unruhen in Frankreich überhaupt ihren Höhepunkt erreichten, in deren Verlauf bis jetzt Hunderte weitere Autos abgezündet wurden.

9000 Polizeifahrzeuge in einem knappen Jahr, das bedeutet rund 30 pro Tag - ein deutlicher Hinweis darauf, wie explosiv die Stimmung in den Vorstädten des Landes schon seit langem ist. Die derzeitige Eskalation kommt also kaum überraschend. Und trotzdem stellt sie etwas Neues dar: In ihrem Ausmaß und in der Entschiedenheit, mit der die Randalierenden - vor allem Jugendliche nichtfranzösischer Herkunft - sie vorantreiben.

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Frankreich: Vorstädte in Flammen

Die Unruhen entzündeten sich vor genau einer Woche am Unfalltod zweier Jugendlicher in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois, die, so will es das Gerücht der Straße, vor der Polizei flohen. Seitdem brennen in den Banlieues Nacht für Nacht die Autos und die Barrikaden. Schwerverletzte oder gar Tote hat es bisher nicht gegeben; aber die ritualisierte Gewalt greift allmählich auch auf andere Departements und die Provinz über. Frankreich hat ein ernstes Problem, dessen Ende bisher ebenso wenig absehbar ist wie ein Ausweg aus der Misere.

"Das ist erst der Anfang"

Der Boden, auf dem die Ausschreitungen gedeihen, sind die von Unterprivilegierten, vor allem von Ausländern und eingebürgerten Franzosen, bewohnten Vorstädte. Sie fühlen sich vernachlässigt und diskriminiert. Hohe Arbeitslosenzahlen, Kleinkriminalität und allgemeine Hoffnungslosigkeit und Ablehnung bestimmen das Lebensgefühl der Jugendlichen dort. Das drückt sich auch in deren Äußerungen gegenüber französischen Medien aus: "Wir haben es satt, von der Polizei wie Dreck behandelt zu werden", sagte einer von ihnen "Le Parisien", "Das ist erst der Anfang. Wir machen so lange weiter, bis Innenminister Nicolas Sarkozy geht", wird ein weiterer von "Le Monde" zitiert.

Innenminister Sarkozy hat die Krise bisher vor allem mit markigen Parolen unter Kontrolle zu meistern versucht - er gibt den Law-and-Order-Politiker, was aber nach Ansicht der linken Opposition nur bedeutet, Öl ins Feuer zu gießen. Abschätzig sprach er von "Gesindel", dass er mit dem Hochdruckreiniger entfernen wolle - seitdem wird er mit Steinen beworfen, wenn er sich in den Unruheregionen blicken lässt. Premierminister Dominique de Villepin schlägt derweil versöhnlichere Töne an und fordert ein Sofortprogramm für die Vorstädte.

Doch was bleibt, ist vor allem der Eindruck, die Regierung biete ein undurchdachtes "Guter Bulle, böser Bulle"-Spiel und sei in Wahrheit einfach nur ratlos. Ein Eindruck, der noch dadurch verstärkt wird, dass Villepin und Sarkozy die Krise nach allgemeiner Einschätzung dazu nutzen, sich für die 2007 anstehende Präsidentschaftswahl warm zu laufen. "Es gibt keinen Staat mehr", konstatierte heute der Herausgeber des Nachrichtenmagazins "L'Express", Denis Jeambar. Schon längst geht es in Frankreich nicht mehr nur um randalierende Jugendliche - es geht um den Staat, dessen Rolle und seine Politik gegenüber den Migranten.

Eskalieren oder deeskalieren die Islamisten?

Rund 62 Millionen Einwohner hat Frankreich, etwa 3,5 Millionen davon sind Ausländer, vor allem aus Marokko, Algerien, der Türkei und den Subsahara-Staaten Afrikas. Zählt man die eingebürgerten Franzosen mit, liegt die Quote bei knapp zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Die meisten der Nichtfranzosen sind Muslime, und so scheint es sich auch bei den Krawall-Stiftern zu verhalten, die jetzt zum Teil schon mit scharfer Munition auf die Polizei losgegangen sind. Das wirft auch die Frage auf, ob sich bei den Unruhen ein spezifisch islamischer Anti-Frankreich-Reflex Bahn bricht. Erlebt die Grande Nation eine Intifada à la francaise? Ist der Nährboden, auf dem die Gewalt gedeiht, derselbe, auf dem Terroristen nach dem Muster der Londoner Attentäter wachsen?

Erste Stimme, vor allem auf der Rechten, haben solche Ideen schon geäußert. In einigen Blättern war zu lesen, es seien Islamisten, die die Stimmung immer wieder anfachten. Innenminister Sarkozy sprach von "perfekt organisierter" Gewalt, was man auch in diesem Sinne verstehen kann. Doch sind keine islamistisch inspirierten Parolen bekannt, es ist vor allem ein religiös ungebundenes, eher diffuses Gefühl der Vernachlässigung, das zum Ausdruck kommt. In Wahrheit sei es sogar anders herum, ist denn auch zu lesen: Es seien gerade die Islamisten, die sich zwischen Angreifer und Sicherheitskräfte gestellt hätten, um die Stimmung zu deeskalieren. Das könnte ihnen, die Integration ablehnen aber nicht notwenig militant sind, zwar Zulauf verschaffen - spricht aber keinesfalls dafür, dass die derzeitigen Unruhen die Gefahr von Anschlägen steigern.

Angriff auf den Staat

Als eine Revolte gegen die Ordnung des Landes deutet der Soziologe Michel Wieviorka die Ereignisse: Die Jugendlichen griffen alles an, was "die Institutionen des Staates symbolisiert", sagte er "Le Parisien". "Das angebliche Modell der republikanischen Integration hat versagt." Kosmetische Erklärungen und ein x-ter Notfallplan für die Vorstädte seien deshalb nicht ausreichend.

Tatsächlich hat Frankreich die Integration seiner Migranten in ähnlicher Weise vernachlässigt wie Deutschland oder andere europäische Staaten: Bei den Gastarbeitern, die ins Land strömten, ging man davon aus, dass sie bald wieder gehen würden, und pferchte sie in trostlosen Trabantenstädten zusammen. Heute gibt es in Frankreichs Vorstädten vielerorts schlecht ausgerüstete Schulen; Freizeitangebote sind kaum vorhanden. Dazu kommt das Gefühl von Perspektivlosigkeit: Immer wieder beklagen die Jugendlichen, mit einer Absenderadresse aus einer Vorstadt würde man nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Laut einem Regierungsbericht gibt es im Land bereits 751 solcher Problemviertel, in denen rund fünf Millionen Menschen leben - bei einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit von 20,7 Prozent, doppelt so hoch wie im Rest Frankreichs.

Angesichts der aktuellen Gewaltausbrüche, so hat die Regierung nun erklärt, stehe die Polizeiarbeit und die Herstellung der Ordnung an erster Stelle. Doch was danach kommen soll, darüber gibt es bisher nur vage Vorstellungen. An einer schmerzhaften Integrationsdebatte aber dürfte kaum ein Weg vorbeiführen. Sie müsste zur Kenntnis nehmen, dass die bisher gepflegte Vorstellung, die französische Republik mache es jedem Zugezogenen denkbar einfach, ein Teil von ihr zu werden und sich mit ihr zu identifizieren, eine Illusion ist. "Was ist das für ein Land, in dem in einer Nacht über 300 Autos in Brand gesteckt werden?", fragte "Express"-Herausgeber Jeambar heute. Mit Sicherheit keines, das weitermachen kann wie bisher.

Yassin Musharbash



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