Vorurteile über Muslime: Tory-Anführerin beklagt Islamophobie der Briten

Von , London

Sie beklagt das Lästern über bärtige Muslime und verschleierte Frauen. Die Nummer Zwei der Tories warnt vor Islamophobie in Großbritannien. Es sei salonfähig, solche Vorurteile zu verbreiten, kritisiert die Ministerin - und handelt sich gleich Protest aus der eigenen Partei ein.

Großbritannien: Warnung vor Islamophobie Fotos
Getty Images

Sie ist eine Schlüsselfigur des Modernisierungsprojekts von David Cameron. Der Chef der britischen Konservativen verschaffte Sayeeda Warsi vor drei Jahren zunächst einen Sitz im House of Lords, dann machte er sie zur geschäftsführenden Vorsitzenden der Tories und zur Ministerin in seinem Kabinett. Die Beförderung der jungen Muslimin sollte signalisieren, dass die Tories nicht mehr nur die Partei der reichen, weißen Männer sind.

Nun nutzt die 39-jährige Ministerin ihre Position, um auf einen Trend im Land aufmerksam zu machen, der ihr Sorge macht. Es sei inzwischen normal und legitim, Vorurteile über Muslime öffentlich zu äußern, sagte Warsi am Donnerstagabend in einer Rede an der Leicester University. Islamophobie habe den "Dinner-Party-Test" bestanden und sei auch in den besseren Kreisen salonfähig geworden.

"Wenn Leute in die U-Bahn steigen und einen bärtigen Muslim sehen, denken sie: Terrorist", sagte Warsi. "Wenn sie an einer verschleierten Frau vorbeilaufen, denken sie automatisch: Diese Frau ist unterdrückt". Auch die häufig vorgenommene Unterscheidung zwischen "moderaten" und "radikalen" Muslimen sei nicht hilfreich, weil sie Intoleranz fördere. Das führe dann dazu, dass Kinder in der Schule sagten: "Meine Nachbarn sind Muslime, aber sie sind nicht so schlimm."

Die Medien trügen eine Mitschuld an dieser Entwicklung, kritisierte Warsi. Sie habe sich die Berichterstattung vor hundert Jahren über die Juden angesehen und viele Parallelen gefunden. Sie warnte auch vor den gefährlichen Folgen der Islamophobie: "Je tiefer sie in unsere Kultur einsinkt, desto leichter wird die Arbeit der rekrutierenden Extremisten."

Cameron schweigt

Die Tochter pakistanischer Einwanderer ist bekannt dafür, dass sie sagt, was sie denkt. Die eloquente Anwältin hat sich bereits häufig gegen Ehrenmorde, Zwangsheiraten und Genitalverstümmelungen unter den rund 2,5 Millionen britischen Muslimen ausgesprochen.

Doch mit ihren Äußerungen zur Islamophobie ging sie einigen ihrer Parteifreunde zu weit. In der konservativen Blogospähre gab es sogleich Kritik. Sie hätte besser geschwiegen, schimpfte Lord Norman Tebbit, einer ihrer Vorgänger als Chairman der Konservativen und ein Schwergewicht aus der Thatcher-Ära. Sie solle sich lieber mal in Moscheen umhören, was da über Christen gesagt werde, bevor sie Christen Bigotterie vorwerfe.

Es gab aber auch Zustimmung. "Ich habe muslimische Freunde, die sich beklagen, dass es beim Feierabendbier für nichtmuslimische Kollegen in Ordnung ist, Witze über Leute mit langen Bärten oder Burkas zu machen", sagte Akeela Ahmed von der Muslim Youth Helpline. "Wenn man das Wort Muslim durch Schwarzer oder Jude ersetzte, würden sie sofort als rassistisch oder antisemitisch attackiert".

Der konservative Kolumnist Peter Oborne sagte, es sei "eindeutig der Fall, dass Leute in privilegierten Positionen sich frei fühlen, absolut beleidigende Bemerkungen über den Islam zu machen, die im Fall von Schwarzen, Juden oder Homosexuellen undenkbar wären".

Ghaffar Hussain vom Think-Tank Qilliam Foundation stimmte Warsis Diagnose zu, warnte aber vor Übertreibung. Großbritannien habe große Fortschritte gemacht und sei inzwischen eins der besten Länder für Minderheiten. Auch merkte er an, dass die Berichterstattung auf der Insel über Muslime, aber auch über Christen negativ ausfalle.

Premierminister Cameron selbst wollte sich offensichtlich nicht einmischen. Er ließ durch Sprecher mitteilen, Warsi vertrete ihre persönliche Meinung. Die Rede sei nicht abgesegnet worden. Er halte die Debatte jedoch für wichtig, und sie solle weitergeführt werden.

Damit kann Warsi leben. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Religion generell wieder mehr Respekt in der Gesellschaft zu verschaffen. In ihren ersten Reden als Ministerin hatte sie für eine verstärkte Rolle der Kirchen in der Sozialarbeit und in der Bildung plädiert. In ihren Augen hat die frühere Labour-Regierung zu stark unter dem Einfluss der Atheismus-Bewegung gestanden, die in Großbritannien besonders einflussreich ist.

Der Vater wurde mit einer Bettenfabrik zum Millionär

Wenn sie die Vorurteile gegen Muslime beklagt, spricht Warsi auch aus persönlicher Erfahrung. Auf ihrem Weg in die Führungsspitze der konservativen Partei hat sie mitunter ungemütlichen Gegenwind verspürt. Als sie von Cameron 2007 ins Schattenkabinett geholt wurde, hieß es im einflussreichsten Tory-Blog, dies sei das "falsche Signal in einer Zeit, da Großbritannien einen globalen Krieg gegen islamischen Terrorismus und Extremismus kämpft".

Von ihren Gegnern wurde sie von Beginn an als bloße Dekoration in Camerons Kabinett abgetan. Tatsächlich hat Cameron ihr kein Ministerium zugeteilt, sie ist Ministerin ohne Geschäftsbereich. Doch selbst das labournahe Magazin "New Statesman" nannte sie voller Anerkennung "die Geheimwaffe der Konservativen".

Die zweite von fünf Töchtern ist eine klassische Aufsteigerin. Ihr Vater war einst mit zwei Dollar in der Tasche in Großbritannien angekommen. Dann baute er eine Bettenfabrik auf und wurde zum Millionär. Die Ausbildung der Töchter war das wichtigste Ziel der Familie. Mit 19 heiratete sie einen Cousin aus Pakistan, es war eine arrangierte Ehe. Nach 17 Jahren zerbrach die Ehe. Nicht weil sie arrangiert war, sagt Warsi, sondern weil sie beide zu jung waren. Sie ist nun in zweiter Ehe verheiratet.

Als mächtigste Muslimin des Landes zieht sie häufig Kritik auf sich - von allen Seiten. Manchen Parteifreunden ist sie nicht konservativ genug, und einige Muslime halten sie nicht für eine "richtige" Muslimin. Vor gut einem Jahr wurde sie in Luton von muslimischen Demonstranten mit Eiern beworfen. Doch sie hat sich nie beirren lassen. Auch die jüngsten Proteste gegen ihre Rede werden sie wohl nicht aus der Bahn werfen.

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insgesamt 111 Beiträge
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1. Islam...
JohnD 21.01.2011
Dass die gute Dame wegen ihrer Einstellung von Leuten aus den eigenen Reihen bekämpft wird, spiegelt doch deutlich die Spaltung der Muslime wieder. Ein zentraler Punkt ist die Todesstrafe für Abtrünnige. Jeder Moslem, der vom Glauben abfällt (das legen einige schon aus, wenn er sich nicht an die Gebote des Islam hält), zu einer anderen Religion konvertiert, ist - wenn er nicht bereut - vom Koran ausdrücklich zum Vogelfreien erklärt. Dass das nicht nur leere Worte sind, können zahlreiche Ex-Muslime berichten. Hier zeigt sich, dass die tödliche Bedrohung wie ein Damoklesschwert für jeden kritischen Moslem wirkt. Dies führt zu einem Stockholm-Syndrom. Wie bei Opfern einer Geiselnahme sich mit den Entführern solidarisieren (weil sie die Ausweglosigkeit der Situation nur so verarbeiten können), verteidigen gerade die Muslime den Islam so vehement, die aus Schwäche nicht zu ihren eigenen Glaubenszweifeln stehen können. Jesus wusste dies, als er den Steinigern riet, erst einmal vor der eigenen Haustüre zu kehren. Denn wer selbst die sündigen Gedanken des Ehebruchs kennt, wird umso heftiger gegen andere Sünder hetzen. Dieser Mechanismus ist es, der den Fortschritt im Islam behindert. In einer Glaubensdiktatur wie dem Iran suchen die Menschen daher auch stärker nach Alternativen, da die Religion mit den Unterdrückern gleichgesetzt wird (es gibt seit einiger Zeit viele Untergrundkirchen im Iran). In Großbritannien dagegen wird der Islam von den Regierenden hofiert, beschützt und verteidigt, so dass den Anhängern dieser Religion die versprochene Überlegenheit über den Ungläubigen vor Augen geführt wird. Solange der Islam nicht als raumgreifendes Totalitäres System erkannt wird, lässt sich auch den Opfern, den im Geiste unterdrückten Muslimen, keine Alternative anbieten, indem abtrünnigen Schutz gewährt wird. Muss ein Europäisches Land erst zum Gottesstaat ausgerufen werden, damit die Menschen diese Sackgasse erkennen und sich befreien?
2. vorurteile?!
Mr.Threepwood 21.01.2011
Sie beklagt das Lästern über bärtige Muslime und verschleierte Frauen. Die Nummer Zwei der Tories warnt vor Islamophobie in Großbritannien. Es sei salonfähig, solche Vorurteile zu verbreiten, kritisiert die Ministerin - und handelt sich gleich Protest aus der eigenen Partei ein. ein bärtiger muslem sowie eine verschleierte muslima,sind also vorurteile?!
3. Ja, versteh' ich auch nicht:
r.thum 21.01.2011
Zitat von sysop"Wenn Leute in die U-Bahn steigen und einen bärtigen Muslim sehen, denken sie: Terrorist"
Ist schon komisch, wie die Laute darauf kommen!? Diese Ängste sind ja auch völlig aus der Luft gegriffen, nicht wahr, Mrs. Warsi? Achja, wo waren Sie eigentlich am 7. Juli 2005? In London können Sie ja nicht gewesen sein, genauso wenig wie am 11. März 2004 in Madrid!
4. Sie fühlen sich...
munumu07 21.01.2011
"Bei Unruhen in der Grenzregion zu Malaysia im Süden Thailands sind bei Rebellenangriffen seit 2004 mehr als 4400 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 60 000 Soldaten sind in der Region stationiert, um gegen die Kämpfer vorzugehen. Die Ziele der Rebellen sind unklar. Im Süden Thailands leben überwiegend Muslime – Kritiker werfen der Regierung vor, die muslimische Malay-Minderheit in Thailand zu vernachlässigen" (Bild) Einfache Entrüstung, helle Empörung, tiefste Demütigung, dauerhaftes Beleidigtsein, Zorn, Hass und blablabla (FAZ) "Die Bevölkerung im Südsudan hat mit großer Mehrheit für die Loslösung vom Norden gestimmt. Nach den am Freitag veröffentlichten ersten amtlichen Ergebnissen sprachen sich nach Auszählung von mehr als 80 Prozent der Stimmen fast 99 Prozent der Wähler für die Unabhängigkeit aus." (Focus) "Islamist kündigt Rückkehr aus Exil an Nach dem Sturz des langjährigen Staatschefs Zine El Abidine Ben Ali will der Chef der größten islamistischen Partei Tunesiens nun aus dem Londoner Exil zurückkehren." Es wird wieder spannend im alten Europa.
5. Dämonische Kinderfresser (Atheisten)
mardas 21.01.2011
"Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Religion generell wieder mehr Respekt in der Gesellschaft zu verschaffen. In ihren ersten Reden als Ministerin hatte sie für eine verstärkte Rolle der Kirchen in der Sozialarbeit und in der Bildung plädiert. In ihren Augen hat die frühere Labour-Regierung zu stark unter dem Einfluss der Atheismus-Bewegung gestanden, die in Großbritannien besonders einflussreich ist." Damit bringt sie ihre eigenen Argumente wieder in Verruf. Religionen gleichmäßig zu attackieren und eine möglichst säkulare, freie Gesellschaft zu unterhalten ist der beste Schutz gegen Bigotterie, den sie so sehr anklagt. Sie macht sich damit extrem unglaubwürdig, wenn sie so etwas sagt.
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