Vorwahl-Finale bei US-Demokraten: Clinton pokert um Posten und Macht

Von , New York

Noch weigert sich Hillary Clinton, ihre Niederlage im US-Vorwahlkampf offiziell anzuerkennen, denn sie will sich eine Machtposition im Dunstkreis Barack Obamas sichern - womöglich sogar die Vizepräsidentschaft. Der Sieger könnte am Ende keine andere Wahl haben.

New York - Sie will einfach nicht aus dem Rampenlicht treten. Selbst am Ende, als alles gesagt ist, keine Stimmen mehr zu holen sind und ihr Rivale den Sieg proklamiert hat, selbst dann weigert sie sich, das Feld zu räumen.

Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Nie zuvor ist Hillary Clinton nach einer Rede so lange in der Halle zurückgeblieben, um Hände zu schütteln, Autogramme zu geben und für die Handy-Kameras zu posieren.

Eine geschlagene Stunde stürzt sie sich in die Menge, umarmt jede einzelne Person, als stünden sie für alle fast 18 Millionen, die in den letzten fünf Monaten für sie gestimmt haben. Greift nach Schultern, Fingern, Gesichtern, verteilt Küsschen, hört sich geduldig Geschichten an, signiert Plakate, Bücher, Fotos. "Ich liebe dich, du bist meine Heldin", flüstert ihr ein weißhaariger Mann zu, Tränen in den Augen, und fasst sie fest. "Danke, danke", antwortet Clinton, selbst mit wässrigem Blick.

Am Dienstagabend, in einer bedrückend nüchternen Sporthalle des Baruch Colleges auf Manhattans East Side: Es ist eine anrührende und zugleich deprimierende Szene, mit der Clintons Vorwahlkampf endet. Bezeichnend vor allem auch dafür, was nun als nächstes kommt - für Clinton und den designierten Kandidaten der Demokraten, Barack Obama.

Denn sie gönnt ihm seinen historischen Sieg noch immer nicht, verwehrt ihm den vollen Triumph, indem sie diesen stoisch einfach nicht anerkennt, obwohl die Zahlen nun ein für allemal gegen sie sprechen. "Denver! Denver! Denver!", skandiert das Publikum wie besessen - eine Aufforderung, den Kampf bis zum Wahlparteitag im August weiterzutragen, so aussichtslos, absurd, schädlich das auch wäre.

Diese irrwitzige Idee verfolgt im Clinton-Lager zwar längst keiner mehr. Doch lassen sie die Leute hemmungslos brüllen, um so ihre eigene Agenda zu pushen - einen Ehrenplatz Clintons in der künftigen Machtkonstellation um Barack Obama. Als Vizekandidatin, als Top-Beraterin, was auch immer. Und dabei machen sich wütende Anhänger als Argument nun mal gut.

Es ist ein riskantes Spiel, das Clinton an diesem Abend bei ihrem letzten Vorwahlauftritt beginnt, als eigentlich ein "Farewell" erwartet war. Es ist ein Pokerspiel um Posten und Power, das ab sofort hinter den Kulissen beider Camps ausgetragen wird. Es geht um die Zukunft der angeschlagenen Marke Clinton.

Obama wird keine Ruhe haben, bis Clinton Ruhe gibt. Er will, so ist zu hören, eigentlich so wenig wie möglich mit ihr (oder ihrem Gatten Bill) zu tun haben, auch wenn er sie in seiner Siegesrede über den grünen Klee lobt. Doch wird ihm keine andere Wahl bleiben. Millionen verbitterte Clinton-Jünger lassen sich nicht so wegwünschen. Vor allem nicht im November.

Und das weiß Clinton am besten. "Ich will, dass die fast 18 Millionen Menschen, die mich gewählt haben, respektiert werden!", ruft sie. Ein klassischer Schachzug: Ich habe eine Armee hinter mir - um mich kommst du nicht herum. "Die Frage ist, wohin gehen wir von hier aus? Heute Abend werde ich keine Entscheidungen treffen." Stattdessen werde sie sich die "nächsten Tage" Zeit zum Nachdenken nehmen. Der Saal explodiert im Jubeltaumel.

Das wollen sie hören: keine Abschiedsrede, sondern eine flammende Wahlkampfrede, voller "Fleisch", Appelle, Versprechungen - eine Rede, die Clinton vor ein paar Monaten noch gut getan hätte und deren Tenor klar erkennen lässt, wie es nun weitergeht. "Ich verstehe, dass sich viele Leute fragen: Was will Hillary Clinton?" Ihre Miene verzieht sich zum kecken Schmunzeln, als fordere sie Obama heraus, mitzuraten.

Was Clinton wirklich will, das hat sie Stunden zuvor unzweifelhaft demonstriert. Da hielt sie Kriegsrat mit den engsten Beratern, daheim in Chappaqua, wo sie im Januar 2007 ihren langen, historischen Weg begonnen hatte - mit diesem weichgezeichneten Web-Video auf der Pastellcouch: "Lasst uns einen Dialog beginnen über eure Ideen und meine."

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