US-Vorwahl in New Hampshire Im Bernie-Fieber

In New Hampshire steuert der demokratische US-Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders auf einen Sieg zu. Seine Kampagne ist voller Energie, die Fans sind ekstatisch. Für Hillary Clinton wird es unangenehm.

Aus Nashua, New Hampshire, berichtet

AFP

Nach zwei Minuten sind seine Leute in Stimmung. "Ich will mit Euch über den Wandel reden", ruft Bernie Sanders: "Wirklicher Wandel kommt nie von oben. Er kommt von unten!" Vor ihm haben sich vielleicht tausend Fans versammelt, viele jung, viele links. Sie halten Schildchen nach oben und schwenken Fähnchen. "B-e-r-n-i-e, B-e-r-n-i-e!", schallt es durch die Halle, und Sanders schmeißt sein Jackett ins Publikum, so wie er das inzwischen gerne mal macht. Als wäre er ein Rockstar.

Es läuft prima für Bernie Sanders. Er ist nach Portsmouth gekommen, ins östliche New Hampshire, aber eigentlich ist es gerade egal, wo in dem Bundesstaat er auftritt. Manchester, Nashua, Concord: Wo Bernie ist, herrscht Partystimmung. Sanders ist 74 Jahre alt, und man kann wirklich nicht sagen, er sähe jünger aus, aber Energie, die hat er noch - und eine Botschaft auch. Es soll gerechter zugehen, und so ganz unangebracht ist diese Forderung in den USA, wo die Vermögensverteilung in besonders bizarrer Weise auseinandergeht, ja nicht.

In Iowa rang Sanders Hillary Clinton ein Patt ab, New Hampshire soll am Dienstag zu einem Triumph werden. Fast alle Umfragen prophezeien einen Sanders-Sieg, manche gar einen deutlichen. Auch im Clinton-Lager staunt man inzwischen über die Entwicklung, die Sanders hinter sich hat.

Noch vor Monaten lag er in New Hampshire weit abgeschlagen hinter der Ex-Außenministerin. Ein mürrischer, alter Mann will noch mal auf die große Bühne, das war der Tenor. Jetzt ist alles anders. Clinton schlägt sich mit einer E-Mail-Affäre herum, und er umgarnt die progressive Basis. Höhere Steuern, kostenlose Unis, bessere Löhne, weniger Freihandel, mehr Schutz für heimische Jobs - was er vertritt, ist eigentlich nicht mehr als eine leicht protektionistisch gefärbte Sozialdemokratie. Aber in Amerika wird man mit solchen Haltungen schnell zum Systemkritiker gemacht. Sanders stört das nicht.

"Lasst uns die Revolution starten"

Im Gegenteil. "Lasst uns die Revolution starten", ruft Sanders, als er am Montag in einer kleinen Universität in Nashua auftritt. Wieder sind sie in Scharen gekommen. Auch Roger Jonathan ist da. Der 18-Jährige studiert Ingenieurswesen, ist schwarz und damit unter den Bernie-Anhängern eher die Ausnahme. Warum Sanders? "Ich hasse die Republikaner", sagt Roger. "Und außerdem geht es um meine Zukunft. Da kann ich nur ihn unterstützen." Oben auf der Bühne predigt Sanders das neue Amerika. Mehr Demokratie und eine Wirtschaft, "die für alle da ist, nicht nur für die oberen zehn Prozent", das ist sein Traum. Die Menge jubelt. "Wow", ruft Sanders. "Ich will nicht, dass hier jemand umkippt von Euch."

Videoporträt: Bernie Sanders, der Clinton-Schreck

Sanders ist ungewöhnlicher Politiker. Er schreit mehr als dass er spricht, seine Gestik sieht ulkig aus, auf moderne Kleidung legt er keinen Wert. Er wirkt ein wenig verschroben, aber geschickt setzt er auf das Gegenteil der Clintonschen Strategie. Keine Großspenden, sondern kleine Zuwendungen. Keine Washington-Insider, sondern eine Armee von Freiwilligen. Sanders will einen neuen Politikstil. Das klingt ein bisschen wie Obama, aber in Wahrheit ist es auch ein bisschen Donald Trump. Sie mögen politisch auseinander liegen, aber in ihren Parteien erfüllen sie ähnliche Funktionen. Wo der Milliardär am rechten Rand den Unmut über eine Politik abfängt, die viele als entrückt empfinden, fängt Sanders diesen am linken Rand ab.

Seine Anhänger lassen sich von der Stimmung ein wenig davontragen, für sie hat er den Eingangsbereich des Weißen Hauses schon fast erreicht. So weit ist es noch lange nicht. Aber selbst wenn er am Ende nicht einmal die Kandidatur holt - schon jetzt hat er Clinton massiv geschadet. Enthusiasmus, Idealismus, Kampf: All das, was ihn ausmacht, scheint bei ihr zu fehlen. Vor allem jüngere Demokaten, die mit den Clintons gewissermaßen aufgewachsen sind, wenden sich ab von der First Lady. In Iowa lag der Senator unter jungen Wählern mehr als 70 Prozentpunkte vor Clinton. Ein alarmierendes Zeichen.

Clinton-Lager wird unruhig

Dass Sanders von Clinton längst nicht mehr belächelt wird, zeigt, wie sehr sie inhaltlich in seine Nähe gerückt ist. Wie er lehnt sie inzwischen das Pazifische Freihandelsabkommen ab, plädiert für einen höheren Mindestlohn und eine Luxussteuer. Parallel arbeiten sie - und neuerdings auch Ehemann Bill Clinton - hartnäckig daran, Sanders als Träumer hinzustellen, der nicht wisse, wie er seine Geschenke bezahlen solle.

Außenpolitisch sei Sanders ein Totalausfall, heißt es in Clintons Lager. Dass er kürzlich während der TV-Debatte davon sprach, Nordkorea werde von "einer Gruppe von Diktatoren oder vielleicht auch nur einem" beherrscht, sorgte für Schenkelklopfer in ihrer Kampagne. Aus Sicht von Sanders ist alles ganz anders. Aus Sicht von Sanders ist Sanders natürlich ein glänzender Außenpolitiker, allein schon deshalb, weil er 2002 gegen den Irak-Krieg stimmte. "Das war Vision", meint er.

Doch bei aller Euphorie: Die kommenden Wochen dürften schwer werden für den Senator. Nach New Hampshire, dessen vornehmlich weiße Wählerstruktur Sanders eher liegt als Clinton, wird in Staaten gewählt, sie sich deutlich diverser zusammensetzen. In Nevada ist der Anteil der Latinos höher, in South Carolina der Anteil der Schwarzen. Und unter Minderheiten ist Clinton, jedenfalls bis jetzt, weitaus stärker verankert als ihr Rivale. Aber wie sagte es ein Vertrauter von Bernie Sanders in diesen Tagen? "Wenn wir in New Hampshire einen hohen Sieg einfahren, ist alles möglich."

Aber hoch muss er dann auch sein.

Alle Ergebnisse von Iowa finden Sie in dieser Grafik:

Ergebnisse der US-Vorwahlen

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insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
marcw 09.02.2016
1.
Wandel? Ich dachte change hatten wir schon. Nunja, ich kann gut verstehen warum der Überzeugungstäter Sanders mehr Anziehungskraft besitzt als die falsche Apparatschika Clinton.
Ein Dr. 09.02.2016
2. Frau Clinton
Wenn ich Frau Clinton so sehe auf youtube oder CNN ... die ist gruselig ... die Erodierung ihrer Seele nach einer Karriere für Goldman-Sachs und Wall Street hat unauslöschliche Spuren in Ihrem verzerrten Gesicht hinterlassen. Ich hoffe, Bernie Sanders kann sich druchsetzen, dann wird dem TTIP und anderen neokapitalistischen Wahnvorstellungen vielleicht von der anderen Seite des Atlantiks der Riegel vorgeschoben, denn eins ist sicher: unser Goldman-Sachs Gabriel wird uns sicher nicht helfen!
michael1971 09.02.2016
3. Clinton als Präsidentin und Sanders als Vize..
wären meine Favoriten. Clinton hat mit Abstand die meiste politische Erfahrung, vermute (und hoffe) dass dies ihr Wähler wegen der aktuell unruhige Zeiten bringt. Falls es auf einen Wahlkampf Sanders vs. Trump hinausläuft, befürchte ich, die Mehrheit könnte sich für Trump entscheiden..
Rifter 09.02.2016
4. Meine Stimme hätte er
Weiter so Bernie! Wenn man die Welt zu einem besseren Ort machen möchte geht das nur wenn man die Pathokraten an der Macht absägt. Auch wenn du wahrscheinlich kein Präsident wirst, allein das Bewusstsein den Leuten einzuhämmern dass etwas fundamental falsch läuft in der Welt ist es Wert das du das durchziehst. Respekt!
erst nachdenken 09.02.2016
5.
Der wird NIEMALS Präsident der Vereinigten Staaten, NIE! Die Republikaner würden ihn als "Kommunisten" derart demontieren, dass der Durchschnittsamerikaner ihn für den Teufel persönlich hält. Niemals wird so jemand da drüben Präsident, so schade es auch sein mag.
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