Vorwahlkampf in Frankreich: Strauss-Kahn singt den Heimweh-Blues

Von , Paris

Präsident gegen Währungsfondsdirektor: Der Pariser G20-Gipfel geriet zum heimlichen Vorwahlkampf zwischen Nicolas Sarkozy und Dominique Strauss-Kahn. Der IWF-Chef heizt die Spekulationen über seine Kandidatur weiter an - indem er zu seinen Zukunftsplänen beharrlich schweigt.

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IWF-Direktor Strauss-Kahn: "Natürlich fehlt mir Frankreich"

Er kam, sah und … schwieg. Dominique Strauss-Kahn hat gute Gründe, dass er sich in seinem Heimatland nur mit wolkigen Erklärungen vernehmen ließ, als er jetzt wieder einmal in Paris war. Der Chef des Internationalen Weltwährungsfonds, ist in der Riege der Staats- und Regierungschefs, die am Wochenende zum G20-Gipfel erschienen, protokollarisch gewiss nicht der ranghöchste Politiker. Doch in den französischen Medien übertrafen seine Auftritte die seiner Mitstreiter in Sachen Weltwirtschaft. Seine Erklärungen wurden seziert, interpretiert, analysiert. Während Präsident Nicolas Sarkozy während der Landwirtschaftsmesse Volksnähe demonstrierte, verbreitete sich Strauss-Kahn mit sybillinischen Aussagen über seine Zukunftspläne - die Parallelauftritte gaben einen Vorgeschmack auf ein Duell, das die nächste Präsidentenwahl bestimmen könnte.

Die Ursache liegt auf der Hand. Strauss-Kahn, im Pariser Polit-Jargon als DSK apostrophiert, gilt derzeit für die nächsten Präsidentschaftswahlen 2012 als bestplatzierter Herausforderer von Staatschef Sarkozy. Denn 14 Monate vor dem nächsten Urnengang befindet sich Frankreich bereits im - unerklärten - Wahlkampfmodus.

So tourt Sarkozy - in den Umfragen auf einem neuen, historischen Tief - seit Jahresanfang durch die Republik, um die konservativen Anhänger wieder hinter sich zu scharen. Keine leichte Aufgabe: 63 Prozent seiner Landsleute, so eine Ipso-Umfrage vom 11./12. Februar, wünschen gar nicht, dass er sich für eine zweite Amtszeit bewirbt. Und das Nachrichtenmagazin "Le Point" fragte schon in einer Titelstory über den "Unverwüstlichen": "Und wenn er nun doch nicht mehr anträte?"

Sarkozy profitiert von der Schwäche der Opposition

Die Indizien dafür sind bislang eher rar. Sarkozy profitiert davon, dass die Opposition der Linksparteien, des Zentrums wie der Grünen, in ideologischem Hader und persönlichen Querelen zerstritten sind. Nur die Rechtsradikalen unter Marine Le Pen sind derzeit auf dem Vormarsch. Allein in den Rängen der Sozialistischen Partei (PS) drängeln sich beinahe ein Dutzend von Kandidaten um die Spitzenposition bei den im Herbst bevorstehenden Vorwahlen.

Doch einer der Anwärter führt das Feld der Aspiranten seit Monaten an - Dominique Strauss-Kahn. Der gelernte Wirtschaftsprofessor, verheiratet mit der Journalistin Anne Sinclair, war schon 1991 unter Präsident Francois Mitterrand Minister für Industrie und Außenhandel; nach 1997 übernahm er in der Regierung Jospin auch die Verantwortung für die Finanzen. Fließend in Englisch und Deutsch, zählt der ehemalige Bürgermeister von Sarcelles zu den erfahrensten Köpfen der Sozialisten. Dennoch unterlag er 2006 bei den sozialistischen "Primaries" gegen die charismatische Ségolène Royal. Nach dem Wahlsieg von Sarkozy schlug dieser 2007 den Sozialisten für das Amt an der Spitze des Weltwährungsfonds (IWF) vor - und hoffte damit, einen potentiellen Gegner fünf Jahre lang nach Washington entsorgt zu haben.

Der Grund: IWF-Direktoren sind laut Statuten der Internationalen Organisation zu politischer Neutralität verpflichtet. Aussagen zu innenpolitischen Vorgängen - und seien sie noch so harmlos - sind tabu und werden streng geahndet. Bisher hat sich Strauss-Kahn an die Vorgaben gehalten. Doch seit er in Wahlumfragen Sarkozy mit einem astronomischen Unterschied (zuletzt: 61 zu 39 Prozentpunkten) deklassiert, wird zunehmend deutlich, dass der PS-Promi offenbar an ein Engagement in Frankreich denkt. "DSK auf der Startrampe" schrieb "Le Monde" anlässlich des G20-Treffens und der "Nouvel Observateur" glaubt sogar schon zu wissen: "Die Präsidentenwahl - DSK ist unterwegs!"

Zögern kostet Strauss-Kahn Sympathien

Der IWF-Chef hüllte sich indes in Schweigen, denn er steckt in einer Zwickmühle: Einerseits dauert seine fünfjährige Amtszeit beim IWF noch bis 2012, andererseits muss er sich bis zum 13. Juli diesen Jahres bei der PS-Wahlkommission als Kandidat bewerben - damit steht ein lukrativer US-Job gegen eine ziemlich unsichere Karriere als möglicher PS-Aspirant auf das Rennen um den Élysée. Denn zumindest unter Linken und Sozialisten gilt der Job beim Währungsfond als Aushängeschild des Kapitalismus und das andauernde Zaudern hat Strauss-Kahn zusätzlich Sympathien gekostet: Die "Sphinx von Washington" verlor in jüngster Zeit zunehmend an Rückhalt.

Aufgeschreckt durch die schrumpfenden Umfragewerte, versuchte es der gewiefte Politiker mit doppelbödigen Verheißungen. Zunächst schickt er Ehefrau Sinclair an die Medien-Front. In einem Interview mit dem Magazin "Le Point" gab sie zu Protokoll, sie wünsche nicht, dass ihr Gatte "eine zweite Amtszeit" antrete. Eine Bemerkung, die Schlagzeilen machte. Dann versicherte Strauss-Kahn am Wochenende in einem lang erwarteten Interview mit dem öffentlichen Fernsehsender TV2: "Ich bin Direktor des IWF und nur Direktor des IWF." Zugleich beschrieb er aber seine Aufgaben als die eines Politikers, der sich für "ständig die Menschen" einsetzt, "gegen Ungleichheit und Arbeitslosigkeit". Sozialismus, so der Chef des Währungsfonds, stehe nach seinem Verständnis für "Innovation und Zukunft".

In einem Gespräch mit dem "Le Parisien" vom heutigen Montag wagte sich Strauss-Kahn gar noch ein bisschen mehr aus der Reserve. Gegenüber einem halben Dutzend Lesern der Tageszeitung gestand der IWF-Direktor wie sehr er von Heimweh geplagt sei. "Natürlich fehlt mir Frankreich", beteuerte er, "das eigene Land fehlt einem immer. Dort hat man seine Familie, einen Haufen Freunde, seine Gewohnheiten, Küche, Kultur." DSK nostalgisch: "Jeder der im Ausland arbeitet, empfindet manchmal solchen Blues für sein Land."

War damit die Entscheidung für die Kandidatur gegen Sarkozy gefallen? Die "Sphinx von Washington" wurde ihrem Namen gerecht und hielt sich bedeckt. Vorläufig: Spätestens am 13. Juli wird man mehr wissen.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Mann des Systems
tzscheche 21.02.2011
DSK wird vermutlich der nächste Präsident Frankreichs sein. Dies setzt allerdings vorraus, dass die Sozialisten rechtzeitig einsehen, dass mit einer Frau in Frankreich kein Staat zu machen ist, egal ob sie nun Martine Aubry oder EGOlène Royal heisst. Das Problem ist, dass DSK ein Mann des Systems ist und sich daher mit einem Übergang der Macht von Sarko auf ihn nichts Wesentliches ändern würde in Frankreich. Die Schleifung des französischen Politikmodells zugunsten der Einreihung Frankreichs in die Logik der liberalen Marktwirtschaft und der Globalisierung wird auch mit DSK als Präsident weiter voranschreiten.
2. DSK wird es wohl bringen
lita 21.02.2011
[QUOTE=tzscheche;7208864]Dies setzt allerdings vorraus, dass die Sozialisten rechtzeitig einsehen, dass mit einer Frau in Frankreich kein Staat zu machen ist, egal ob sie nun Martine Aubry oder EGOlène Royal heisst. Hat jetzt nichts mit Mann oder Frau zu tun. Wenn Sarkozy sich einigermassen vernünftig angestellt hätte, könnte er sicherlich mit einem 2.ten Mandat rechnen, Globalisierung und Wirtchaftskrise hin oder her. Er ist aber dermassen abgestürzt, sowie in Umfragen als auch generell im öffentlichen Ansehen, dass die Franzosen sich nach einem garantierten Wechsel sehnen. Da DSK nun mal am höchsten in den Umfragen erscheint (und auch zweifelsohne sehr kompetent ist), wird er sehr wahrscheinlich als Kandidat gekürt werden, und dann auch gewinnen. Die Situation war eben 2007 (mit Ségolène Royal) ganz anders: Sarkozy stand da noch irgendwie verheissungsvoll für einen neuen Stil, nach ermüdenden 12 Jahren mit Chirac. Er hat sich aber im Rekordtempo als Mogelpackung herausgestellt.
3. ...
tzscheche 22.02.2011
Zitat von litaHat jetzt nichts mit Mann oder Frau zu tun.
Doch: in Frankreich war und ist Politik im Wesentlichen Männersache. Um das zu illustrieren reicht ein Blick auf die Frauenquote bei den demnächst anstehenden Kantonalwahlen: um die 12%. Zwar sind im Kabinett Fillon auch einige Frauen vertreten, ausser Mme. Alliot-Marie und Mme. Lagarde bekleiden Sie aber nur "schmückende" Posten. Wenn ich gehässig wäre würde ich sagen: dafür dass es Sarko 2007 mit einer Frau als Gegenkandidatin im 2. Wahlgang zu tun hatte, war das Votum am Ende eher knapp. So eindeutig lief das damals nicht auf Sarko zu, man erinnere sich nur an den Höhenflug des 3. Mannes, Francois Bayrou, im 1. Wahlgang. Sarko ist mit seiner ursprünglich avisierten "Rupture", dem Ausstieg aus dem französischen Sonderweg praktisch schon kurz nach dem Start gescheitert. Als er merkte, dass die Franzosen ihm nicht folgen hat der Finanzkrise recht geschickt genutzt, um seine Weste zu weden. Allein, es nutz ihm nichts, er ist als Opportunist ohne wirkliches politisches Projekt entlarvt und hat gute Chancen, 2012 zu scheitern.
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