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19. März 2003, 13:11 Uhr

Vorwurf an USA

Lauschangriff auf Büros mehrerer EU-Staaten

In den EU-Büros Deutschlands, Frankreichs und anderer Staaten wurden elektronische "Wanzen" gefunden. Für den Lauschangriff, den die Europäische Union bereits bestätigt hat, sollen nach Informationen einer französischen Zeitung die USA verantwortlich sein.

Papandreou: Die EU ist transparent, für Informationen muss man nicht das Telefon abhören
AP

Papandreou: Die EU ist transparent, für Informationen muss man nicht das Telefon abhören

Brüssel - EU-Sprecher Dominique-George Marro bestätigte am Mittwoch den Wanzenfund in den Brüsseler Büros Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Spaniens und Österreichs. Ermittlungen seien eingeleitet worden, doch gebe es noch keine Hinweise, wer die Wanzen in angebracht habe. Die französischen Zeitung "Le Figaro" schrieb dagegen, die belgische Polizei habe rasch ermittelt, wer die Mikrofone angebracht habe: "Es sind Amerikaner."

Das Gebäude, in dem die Wanzen gefunden wurden, soll ab Donnerstag Schauplatz eines Gipfeltreffens der europäischen Staatschefs sein. Auch in Räumen anderer Staaten seien Abhöranlagen entdeckt worden. Marro sprach von "Abweichungen in den Telefonanlagen". Sie seien bei einer Sicherheitsüberprüfung vor wenigen Tagen aufgefallen.

In Paris zeigte sich der Sprecher der Präsidentenpartei UMP, Francois Baroin, "sehr überrascht und tief erschüttert" über die Entdeckung. "Alles, was illegale Gerätschaften, was die Überwachung befreundeter Staaten betrifft ist ein reiner und wahrer Skandal."

Rainer Lingenthal, Sprecher des Bundesinnenministeriums, erklärte, Urheber, Hintergründe und Umfang der Abhörmaßnahmen seien Gegenstand intensiver Ermittlungen. Über die einzelnen Maßnahmen entscheide die EU. Wegen der Dringlichkeit der Aufklärung könne er keinerlei Details über die bisherigen Ermittlungsergebnisse mitteilen. Aus EU-Kreisen verlautete, vor dem bevorstehenden EU-Gipfel seien zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen worden.

Der griechische Außenminister und amtierende EU-Ratspräsident Georgious Papandreou betonte, die Europäische Union sei eine sehr transparente Organisation. Wer etwas über sie erfahren wolle, könne alle entscheidenden Dokumente auf der Website nachlesen. "Es ist nicht nötig, zu solchen Maßnahmen zu greifen", sagte er an die Adresse der mutmaßlichen Spione gerichtet. "Wir können alle notwendigen Informationen liefern."

Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre es innerhalb kurzer Zeit der zweite peinliche Abhörskandal, in den die USA verwickelt sind. Erst vor zwei Wochen veröffentlichte eine britische Zeitung ein internes Dossier eines US-Geheimdienstes, das besagt, die USA überwachten in großem Stil die Vertreter zahlreicher Staaten bei den Vereinten Nationen in New York.

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