Vorzeigeland in Not Missmanagement treibt Kenia in Hungerkrise

Die ersten Kinder sind bereits verhungert, der Präsident hat den Notstand ausgerufen: Kenia leidet unter einer handfesten Nahrungsmittelkrise. Schuld daran ist nicht allein die Trockenheit - auch korrupte Politiker, habgierige Händler und unfähige Landwirte sind verantwortlich.

Aus Kibwezi berichtet


Im Norden des Landes schöpfen alte Frauen ihr Trinkwasser aus brackigen Tümpeln. Im Nordosten stirbt ein 13-jähriger Junge, weil er auf der Suche nach Nahrung giftige Beeren pflückt, im Westen, einer eigentlich regenreichen Region, sind Hunderttausende auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen und grillen in ihrer Not Schlangen, um an ein paar Kalorien zu kommen.

Monica Sakaio und zwei ihrer Kinder: "Nur noch eine Mahlzeit am Tag"
Horand Knaup

Monica Sakaio und zwei ihrer Kinder: "Nur noch eine Mahlzeit am Tag"

Kenia, das Vorzeigeland im Osten Afrikas, ist von einer Nahrungsmittelkrise betroffen, wie es nur wenige in den vergangenen 20 Jahren gegeben hat. Der Präsident hat den Notstand ausgerufen, das kenianische Rote Kreuz meldet die ersten verhungerten Kinder, die Regierung schätzt den Fehlbedarf auf rund 190.000 Tonnen Mais.

Betroffen sind nahezu alle Teile des Landes: Die Küste ebenso wie der aride Norden, der feuchte Westen genauso wie die Region östlich der Hauptstadt Nairobi.

Noch gibt es keine Bilder von aufgeblähten Kinderbäuchen, von verdursteten Rindern und versteppten Ackerflächen. Doch tatsächlich ist die Lage alarmierend. "Seit vergangenem Juli können wir uns nur noch eine Mahlzeit am Tag leisten", sagt Monica Sakaio, 40, die mit ihrem Mann, seiner Zweitfrau, Schwiegermutter und neun Kindern zwischen drei und 16 Jahren in dem Dörfchen Kiwanzani rund 180 Kilometer östlich von Nairobi einen kleinen Acker bewirtschaftet.

Seit Juli ist der Hunger Alltag in der Familie Sakaio. Vertrocknet sieht der kleine Garten nicht einmal aus, aber nachdem Monica Sakaio im vergangenen Oktober den Mais ausgesät hat, blieb wochenlang der nötige Regen aus. Die Folge: Die Wurzeln verkümmerten frühzeitig, auch die paar Regenschauer Anfang und Mitte Januar, die für ein bisschen Grün im Garten Sakaios gesorgt haben, konnten die Maispflanzen nicht mehr retten.

So leben die Sakaios jetzt von dem bisschen Holzkohle, das Vater Sakaio brennt. Vielleicht 1500 Schillinge, 15 Euro im Monat bekommt er dafür, viel zu wenig, um eine Großfamilie mit 13 Mitgliedern zu ernähren. Auch die elf abgemagerten Kühe, sechs Ziegen und vier Hühner helfen den Sakaios nicht wirklich weiter. Gut, die Kühe geben noch ein bisschen Milch, aber die Preise fürs Vieh sind dramatisch gefallen. Eine Ziege, die sonst für 3000 Schilling (30 Euro) den Besitzer wechselt, ist gerade noch fünf Euro wert. Eine Kuh, vor einem Jahr noch 5000 Schillinge wert, wird jetzt für die Hälfte gehandelt. Das heißt, auch damit ist für die Sakaios kein Geld zu machen.

Mais ist reichlich da, aber die Leute können ihn nicht bezahlen

Doch die schlechte Ernte ist nur ein Teil des Problems. Es gibt nämlich reichlich Mais und Bohnen, auch in Kiwanzani. Im Shop der Kleinhändlerin Margret Katuku stehen prall gefüllte Säcke, 2400 Schillinge für den 90-Kilogramm-Sack. Vor gut zwei Jahren kostete die gleiche Menge noch 1300 Schillinge. "Der Mais ist da", sagt Katuku, "aber die Leute können ihn sich nicht mehr leisten". Früher war ein Sack in Katukus Laden nach zwei Tagen verkauft, jetzt steht er vier Tage im Laden.

Auch an der alten Fernverbindungsstraße Nairobi-Mombasa, die jetzt von einer modernen Umgehung ersetzt worden ist, stehen die Straßenhändler mit vollen Getreidesäcken. Auch dort ist der Preis ums Doppelte gestiegen und damit so teuer geworden, dass ihn Kundinnen wie Monica Sakaio nicht mehr bezahlen können. Es fehlt Millionen Kenianern schlicht an Kaufkraft, um noch zwei Mahlzeiten am Tag auf den Tisch zu bringen.

Dass Kenia wieder mal vor einem handfesten Hungerproblem steht, hat viele Gründe. Die Armut und die spärlichen Niederschläge sind indes nur ein Teil des Problems. Auch die gewalttätigen Auseinandersetzungen vor Jahresfrist und die damit einhergehenden Vertreibungen erklären die Not nur bedingt. Zu den wesentlicheren Faktoren gehören die miserable Vorratshaltung, für die Politiker und Verwaltung verantwortlich sind. Auch Farmer verschärfen die Misere, indem sie ihre Ernten zurückhalten, um so bessere Preise zu erzielen. Oder sie verkaufen ihre Erträge an Händler, die ihnen mehr bezahlen als die staatliche Getreidekommission.

Zudem soll ein politisches Kartell, darunter Parlamentarier und Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums, mit Briefkopf des Ministeriums 4500 Tonnen von der nationalen Getreidekommission angekauft und teuer an Zwischenhändler und Müller weiterverkauft haben. "Die Müller machen Millionen und die Kenianer hungern", empörte sich die Tageszeitung "Daily Nation". Zigtausende von Säcken sollen so in den Südsudan geliefert worden sein, wo deutlich höhere Preise zu erzielen sind. Inzwischen ermittelt die nationale Anti-Korruptions-Kommission.



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