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Zum Tode von Michail Kalaschnikow: Ein russisches Leben

Von , Moskau

Michail Kalaschnikows Erfindung hat die Kriegführung nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt: Billig, robust, tödlich - das Sturmgewehr AK-47 ist die Waffe der Armen. Jetzt ist der Konstrukteur gestorben. In seiner Heimat war Kalaschnikow ein Held und der letzte Vertreter von Russlands goldenem Zeitalter.

Niemand kann behaupten, die Rote Armee sei beeindruckt gewesen von der Erfindung dieses schmächtigen jungen Mannes, der sich vorstellte als Michail Timofejewitsch Kalaschnikow. Kühl notierten die Rüstungsexperten, das von Kalaschnikow entworfene Sturmgewehr sei "kompliziert und teuer" und "in vorliegender Form von keinem industriellen Interesse".

Selten haben Militärs derart falsch gelegen. Heute nutzen Truppen von rund 60 Ländern die Kalaschnikow. Das Kürzel AK-47 steht für die erste Version des Sturmgewehrs, auf Russisch "Awtomat Kalaschnikowa obrasza 47", benannt nach dem Jahr 1947, in dem die Sowjetunion die Serienproduktion aufnahm. Jede sechste Handfeuerwaffe weltweit ist eine Kalaschnikow, um die hundert Millionen sollen es insgesamt sein, ganz genau weiß das niemand, weil das Gewehr so oft ohne Lizenz nachgebaut wurde.

"Kompliziertes ist schlecht", das war das Motto von Konstrukteur Kalaschnikow, "und was gut sein will, muss einfach sein." Die ersten Entwürfe für sein Gewehr will er im Krankenlager entwickelt haben. Kalaschnikow war 1941 als Panzerkommandeur bei Brjansk in Westrussland schwer verletzt worden. Zurück an die Front habe er gewollt, erzählte der Konstrukteur später, man habe ihn aber wegen seiner Verletzung nicht gelassen: "Also waren die Deutschen schuld, dass ich mein Gewehr entwickelt habe."

Standardinstrument des Tötens

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Michail Kalaschnikow: Der Konstrukteur und sein Sturmgewehr
Kalaschnikows Waffe war einfach, aber robust. Weder Kälte noch Hitze, weder Wüstensand, Wasser noch Schlamm können ihr etwas anhaben. Das hat die Kalaschnikow - leicht zu haben und schwer zu demolieren - zum Standardinstrument des Tötens werden lassen in jenen Kriegen, die nicht mit Hightech-Waffen wie Drohnen entschieden werden. Wie viele Menschen durch sie ums Leben kamen, lässt sich kaum ermessen.

Das Geheimnis der tödlichen Zuverlässigkeit liegt in der Konstruktion. Verschluss und Gehäuse des Gewehrs bewegen sich wie auf Schienen zueinander, Staub und Dreck werden einfach herausgeschoben. Darunter litt zwar die Schusspräzision. Vielen US-Soldaten in Vietnam aber wurde zum Verhängnis, dass ihre M16-Gewehre versagten - anders als die Kalaschnikows der Vietcong-Kämpfer.

In den fast sieben Jahrzehnten ihrer Produktion ist die Kalaschnikow zu einem Symbol Russlands geworden. Niemand in den entlegenen Staaten Afrikas habe je vom Kreml oder dem Nationaldichter Alexander Puschkin gehört, hat einmal das Massenblatt "Argumenty i Fakty" konstatiert. "Unsere Kalaschnikow aber kennen alle."

Das Gesicht hinter dieser Erfolgsgeschichte war schrullig. Russlands Rüstungslobby spannte Michail Kalaschnikow für ihre Zwecke ein. Sie ließ ihn bis ins hohe Alter ablichten, in der Hand stets seine Erfindung. Wenn diese Fotos dann in westliche Medien gelangten, lösten sie Kopfschütteln und Schmunzeln aus. Sie wirkten wie eine schlechte Karikatur: ein Greis mit schlohweißem Haar, Sturmgewehr und gelegentlich wirrem Blick.

Kommunist bis ans Lebensende

In Russland aber blieb er ein Held, und in seinem Leben spiegelt sich das Schicksal seines Landes. Der Zar war erst seit zwei Jahren gestürzt, als Michail Timofejewitsch Kalaschnikow 1919 in einem Dorf unweit der Grenze zu China geboren wurde. Überzeugter Kommunist blieb er bis an sein Lebensende. Er war dem Sozialismus dankbar für die Chancen, die er ihm bot. "Ich, das 17. Kind einer Bauernfamilie, konnte Konstrukteur werden in einem Land, das von Kommunisten regiert wurde", hat er gesagt.

Kalaschnikow war der letzte lebende Vertreter einer ganzen Generation sowjetischer Technikpioniere. Dazu zählten Männer wie Igor Kurtschatow, der Vater der sowjetischen Atombombe, aber auch Sergej Koroljow, der Chefkonstrukteur von Moskaus Raumfahrtprogramm. 1957 brachten die Sowjets noch vor den Amerikanern den ersten Satelliten ins All, 1961 den ersten Menschen. Das war die Blütezeit der UdSSR, die damals mächtig aufholte gegenüber dem Westen.

Russland zehrte lange von diesem goldenen Zeitalter. Noch 2010 kaufte eine US-amerikanische Raumfahrtfirma Raketentriebwerke auf, die einst für das sowjetische Mondprogramm entwickelt worden waren. Die Motoren des Typs NK-33 wurden zwar vor vier Jahrzehnten gebaut, sind aber noch heute funktionsfähig.

Bescheidene Wohnung im Plattenbau

Kalaschnikows Schicksal ist exemplarisch - auch für den Niedergang. Seit Jahrzehnten werden die AK-Waffen kaum weiterentwickelt. Die Kalaschnikow hat heute im Kern die gleichen Funktionen wie vor zwei Jahrzehnten, ist aber zehnmal so teuer wie damals. Die Ineffizienz russischer Rüstungsschmieden ist legendär. Günstig sind Waffen "Made in Russia" schon lange nicht mehr, auch weil die sprudelnden Einnahmen aus Öl- und Gasverkäufen Löhne und Gehälter in die Höhe treiben.

Fast hätte das den Kalaschnikow-Hersteller in Ischewsk am Ural in den Ruin getrieben. Der Staatskonzern Rostechnologij sollte die Fabriken im Auftrag von Präsident Wladimir Putin sanieren, 2009 machten dennoch Gerüchte über einen kurz bevorstehenden Konkurs die Runde.

Die Rettung kam dann ausgerechnet aus den USA. Amerikanische Waffensammler haben ihr Faible für Kalaschnikow entdeckt, vor allem für eine Karabiner-Version namens Saiga, 2011 legten die Verkäufe um 50 Prozent zu.

Reich ist Michail Kalaschnikow nie geworden. Bis zuletzt lebte er in einer bescheidenen Drei-Zimmer-Wohnung in einem Plattenbau in Ischewsk. Kritik an seiner Erfindung ließ er nie gelten. "Ich habe eine Waffe zur Verteidigung des Vaterlandes geschaffen", pflegte er zu sagen, "und wenn sie in ungerechten Kriegen eingesetzt wird, dann trägt nicht der Konstrukteur Schuld daran, sondern Politiker."

Am 23. Dezember ist Michail Kalaschnikow im Alter von 94 Jahren verstorben.

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insgesamt 75 Beiträge
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1. .
trevorcolby 23.12.2013
In der Überschrift ist es noch falsch : AK 74 ist ein Nachfolger (mit einem anderen Kaliber), es muss, wie im Artikel auch, AK-47 heißen.
2.
Mac_Beth 23.12.2013
Auch wenn ich mich mit dieser Meinung womöglich unbeliebt mache und SPON vor Empörung meinen Beitrag vielleicht garnicht zulässt, aber das AK-47 war mitnichten eine russische "Erfindung". Viel mehr handelt es sich dabei um eine Weiterentwicklung, welches das deutsche Sturmgewehr 44 als Vorbild hatte, damals das erste seiner Art. Insofern hat er recht, wenn er sagt, dass die Deutschen an der Entwicklung der AK-47 schuld sind. Wer das abstreitet, soll sich einfach mal das Design beider Waffen näher betrachten. Die Parallelen sollten ziemlich eindeutig sein.
3. Bin kein Waffenexperte
sn00py76 23.12.2013
aber ich vermute Sie meinen die Kalaschnikow AK-47, und nicht die AK-74, kann's sein?
4. Michail Kalaschnikows hat die Kriegführung nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt:
sikasuu 23.12.2013
Hat er nicht! Diese Sub-Headline und der Text widersprechen sich. . Zitat:....Serienproduktion ab 1947! . Mal die eigenen Texte lesen :-) .
5. in eigener Sache
family1 23.12.2013
Zitat von sysopREUTERSMichail Kalaschnikows Erfindung hat die Kriegführung nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt: Billig, robust, tödlich - das Sturmgewehr AK-74 ist die Waffe der Armen. Jetzt ist der Erfinder gestorben. In seiner Heimat war Kalaschnikow ein Held und der letzte Vertreter von Russlands goldenem Zeitalter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/waffen-konstrukteur-michail-kalaschnikow-ein-russisches-leben-a-940744.html
Upps ! Dieses Sturmgewehr kennt noch niemand.
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