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Waffenexport nach Syrien: Russlands Raketen-Deal verprellt Israel

Von , Moskau

Russland schätzt Waffenlieferungen als Trumpf im globalen Ringen um Einfluss - und verkündet den Verkauf von Überschallraketen an Syrien. Washington und Jerusalem sind entsetzt: Sie fürchten, die Waffen könnten in die Hände der Hisbollah geraten.

Waffendeal mit Damaskus: Russland verärgert Israel Fotos
AP/ Janes Defense Weekly

"Jahont" heißt auf Russisch der Stoff, aus dem extrem harte Edelsteine wie Saphire und Rubine bestehen, Korund ist die deutsche Bezeichnung des Minerals. "Jahont" hat Russland voller Stolz auch eine der Errungenschaften seiner Rüstungsschmieden genannt, die P-800-Rakete.

Die "Jahont" ist eine der modernsten Anti-Schiff-Lenkwaffen. Wird sie abgefeuert, rast sie mit Überschallgeschwindigkeit auf ihr Ziel zu, nur wenige Meter über der Wasseroberfläche. Sie ist schwer abzuwehren, ihr 300-Kilogramm-Sprengkopf ist eine Gefahr auch für große Kriegsschiffe.

Auch außenpolitisch verfügt das Waffensystem über erhebliche Sprengkraft: Russland forciert die Lieferung von 72 "Jahont"-Flugkörpern an Syrien und provoziert damit diplomatische Spannungen mit Israel. Außenminister Avigdor Lieberman warnte, Russlands Vorgehen "erschwere die Situation in der Region", und "trage nicht zu Stabilisierung und der Schaffung eines Friedens" bei.

Seit Jahren verfolgt Jerusalem das Bemühen von Damaskus, russische Anti-Schiff-Raketen zu erwerben. "Es gab Versuche auf höchster politischer Ebene, das Geschäft zu durchkreuzen, doch sie waren nicht erfolgreich", sagte Generalstabschef Gabi Aschkenasi. So griff Israels Premierminister Benjamin Netanjahu vor kurzem selbst zum Telefonhörer, um bei seinem Moskauer Amtskollegen Wladimir Putin einen Lieferstopp zu erwirken. Ebenso erfolglos blieb kurz darauf die Mission von Verteidigungsminister Ehud Barak, der Moskau Anfang September einen Besuch abstattete.

Russland bleibt hart - trotz israelischer Proteste

Israel fürchtet, die Waffensysteme könnten aus Syrien in die Hände der libanesischen Hisbollah geraten. In Tel-Aviv und Jerusalem erinnert man sich an den Libanon-Krieg 2006, als Hisbollah-Kämpfer mit Hilfe russischer Panzer-Abwehrraketen israelischen Truppen Verluste zufügten. Damals erklärte Moskau, die Waffen seien aus Drittstaaten in den Libanon gelangt, nicht aber aus Russland oder Syrien.

Auch US-Verteidigungsminister Robert Gates bat seinen russischen Kollegen Anatoli Serdjukow bei einem Gespräch in Washington am Wochenende, "mögliche strategische Folgen in Betracht zu ziehen".

Moskau aber bleibt hart. Russlands Rüstungsbranche ist neben Raumfahrt und dem Atomsektor der einzige international wettbewerbsfähige Wirtschaftszweig des Landes. Allein die staatliche Agentur für Waffenexporte, Rosoboronexport, verkaufte im vergangenen Jahr Kriegswerkzeug im Wert von 7,4 Milliarden Dollar. Erst vor wenigen Tagen verkündete Indien den Kauf von 139 russischen Militärhubschraubern des Typs Mi-17 - im Gesamtwert von 1,5 Milliarden Euro.

Russlands Kunden: Venezuela, Armenien, Aserbaidschan

Moskau schätzt Waffenausfuhren auch als Trumpf im Ringen um außenpolitischen Einfluss. Russland liefert im großen Stil Kampfpanzer an Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez. Im spannungsreichen Kaukasus profiliert der Kreml sich als Garant des Status quo: Mit Armenien verlängerte man jüngst die Nutzung einer Militärbasis, erwägt aber zugleich die Lieferung von S-300 Boden-Luftraketen an das verfeindete Aserbaidschan.

Mit Damaskus verbanden Moskau schon zu Sowjetzeiten enge Beziehungen: Das Rückgrat der syrischen Streitkräfte bilden bis heute Panzer vom Typ T-72 und Mig-Jagdflugzeuge. In der Küstenstadt Tartus unterhält Russland sogar einen kleinen Stützpunkt, der bis 2012 zu einem Flottenstützpunkt ausgebaut werden könnte.

Zuletzt gerieten die syrisch-russischen Verteidigungsbeziehungen Ende August in die Schlagzeilen, als ein hochrangiger Offizier der russischen Militäraufklärung in Syrien "tragisch ums Leben kam", wie eine Zeitung des Moskauer Verteidigungsministeriums damals schrieb. Der 52-jährige Juri Iwanow soll beim Tauchen ertrunken sein, nach einer Inspektionsreise nach Tartus.

Russland verspricht nun, noch bis Ende des Jahres die "Jahont" zu liefern. "Wir werden den Vertrag erfüllen", sagt Verteidigungsminister Serdjukow. Mehr noch: Vorbehaltlich einer "ernsthaften Analyse des Einflusses auf die Machtbalance in der Region" zieht Moskau weitere Waffenlieferungen vor. Man habe bereits früher ältere Raketenkomplexe an Syrien geliefert, so Serdjukow. "Wenn diese Systeme nicht in die Hände von Terroristen gefallen sind, warum sollte das nun passieren?"

Israel regiert verschnupft auf das russische Vorgehen. "Russland ist einen Schritt zu weit gegangen", zitierte die Zeitung "Jediot Ahronet" einen namentlich nicht genannten Regierungsvertreter. Israel erwäge nun im Gegenzug Waffenlieferungen in Gebiete, die für Russland "von strategischer Bedeutung" seien. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass Jerusalem seine Rüstungsexporte an Georgien wieder intensivieren könnte. Russland und Georgien standen sich im August 2008 in einem Fünf-Tage-Krieg gegenüber.

Befürchtungen, Hisbollah-Kämpfer könnten mit den neuen russischen Raketen israelische Verbände attackieren, versuchen Moskauer Verteidigungsanalysten zu zerstreuen. Bei der "Jahont" handele es sich um einen schwer zu bedienenden, stationären Waffenkomplex für Schläge gegen große Schiffe, erklärt Ruslan Puchow vom Moskauer Zentrum für Analyse von Strategien und Technologien. "Wenn niemand vorhat, an der syrischen Küste zu landen, dann braucht sich auch niemand zu fürchten."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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1. Israel hatte doch ...
juergw. 22.09.2010
Zitat von sysopRussland schätzt Waffenlieferungen als Trumpf im globalen Ringen um Einfluss - und verkündet den Verkauf von Überschall-Raketen an Syrien. Washington und Jerusalem sind entsetzt: Sie fürchten, die Waffen könnten in die Hände der Hisbollah geraten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,718944,00.html
kräftig Waffen und "Ratgeber" nach Georgien geliefert,das hat Russia bestimmt nicht gefallen. Ich glaube kaum das die USA bei Waffenlieferungen beim Kreml um Erlaubnis fragen.
2. .
frubi 22.09.2010
Zitat von sysopRussland schätzt Waffenlieferungen als Trumpf im globalen Ringen um Einfluss - und verkündet den Verkauf von Überschall-Raketen an Syrien. Washington und Jerusalem sind entsetzt: Sie fürchten, die Waffen könnten in die Hände der Hisbollah geraten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,718944,00.html
Ja und? Haben die Ami`s die Vorgänge von vor 30 Jahren bereits wieder vergessen? Die haben doch Schafshirten in Afghanistan doch mit Waffen zugeschmissen, damit diese ihre Haut riskieren und die Russen platt machen. Dagegen ist so ein Geschäft doch noch ein Pappenstiel. Immerhin ist Syrien nicht im Krieg.
3. --
Baracke Osama, 22.09.2010
Zitat von sysopRussland schätzt Waffenlieferungen als Trumpf im globalen Ringen um Einfluss - und verkündet den Verkauf von Überschall-Raketen an Syrien. Washington und Jerusalem sind entsetzt: Sie fürchten, die Waffen könnten in die Hände der Hisbollah geraten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,718944,00.html
Wäre Russland über die Waffenlieferungen der Israelis und Amerikaner "entsetzt", könnte eine Dauerschleife entstehen.
4. man kann die russen nur unterstuetzen
tonybkk 22.09.2010
Zitat von sysopRussland schätzt Waffenlieferungen als Trumpf im globalen Ringen um Einfluss - und verkündet den Verkauf von Überschall-Raketen an Syrien. Washington und Jerusalem sind entsetzt: Sie fürchten, die Waffen könnten in die Hände der Hisbollah geraten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,718944,00.html
man kann russlands ignorierung der israelischen und amerikanischen sorgen nur unterstuetzen, wenn man bedenkt dass beide staaten z.b. den hasardeur in tiflis mit waffen ausgestattet hatten und durch beratung und ausbildung in die lage versetzten einen angriffskrieg zu fuehren. wieso sollten die russen auf einen waffendeal verzichten wenn die beiden kritiker noch nie die geringste schahm zeigten unzuverlaessige zeitgenossen mit dem neuesten waffenmaterial zu versorgen? es ist immer zum lachen wenn sich israel oder amerika ueber waffenlieferungen aufregen, und beide staaten eifrig damit beschaeftigt sind zur durchsetzung ihrer interessen auch den weltweit groessten terroristen mit militaertechnik auszustatten. russland spielt nur einfach das selbe spiel nichts anderes. der einzige unterschied ist, ein magazin wie der spiegel prangert es mehr an wenn russland etwas liefert als israel oder amerika ;-)In nicht vorhandener moral stehen alle drei staaten sich in nichts nach.....
5. Der kleine Unterschied
intenso1 22.09.2010
Zitat von sysopRussland schätzt Waffenlieferungen als Trumpf im globalen Ringen um Einfluss - und verkündet den Verkauf von Überschall-Raketen an Syrien. Washington und Jerusalem sind entsetzt: Sie fürchten, die Waffen könnten in die Hände der Hisbollah geraten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,718944,00.html
Wem verwunder es, wenn sich die Staaten des Nahen-Osten vor der Politik Israels fürchten und sich schützen wollen. Müssen sie doch miterleben, dass es für Israel keine Sanktionen gibt bei Verstösse gegen UNO Beschlüsse. Die USA hält seine schützende Hand über Israel. Israel verstößt mit seiner Besatzungspolitik gegen jegliche Menschenrechte aber nichts passiert. Irak dagegen wurde ins Mittelalter zurückgebombt.
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Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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