Waffenhandel in Beirut: Der Preis für den Tod steigt auf 1200 Dollar

Von , Beirut

Sein Geschäft ist der Tod, und es läuft bestens - Rami ist in Beirut ein gefragter  Mann. Bei ihm decken sich vor allem Hisbollah-Anhänger ein. Die Nachfrage ist enorm, sagt der Waffenhändler: "Die Libanesen bereiten sich auf den Showdown nach dem Hariri-Tribunal vor."

Shoppen in Beirut: Ein Schuss für 50 Cent Fotos
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Das Beste hat Rami bis zum Schluss aufgehoben. Nach der Besichtigung nicht eines, sondern gleich zweier seiner Waffendepots, nach der Vorführung eines seiner Verkaufsschlager - einem G3-Sturmgewehr von Heckler&Koch - will der Endvierziger einen letzten, bleibenden Eindruck auf seinen Gast machen. "Bieg dahinten noch mal ab, auf den Feldweg", dirigiert der gefragteste Waffenhändler von Beirut unser Auto durch die Beiruter Nacht. Tatsächlich finden sich hier, mitten in den dicht besiedelten südlichen Vororten der libanesischen Hauptstadt zwischen den Wohnblöcken noch ein paar Felder.

"Halte hier und komm mit", befiehlt Rami vor einem alten Feldstein-Schuppen. Der Boden ist matschig, Ratten huschen durch die Finsternis. "Das hier", sagt Rami, "ist mein ganzer Stolz!". Er stößt die Tür auf: Elf schwarz-weiß gescheckte Kühe liegen schläfrig im Stroh. Um sie herum werden Hennen wach. Rami hat keine Zeit, das ländliche Idyll zu bewundern: Er klettert auf Futtersäcke, findet fünf noch warme Eier, reicht sie herunter, zum Halten. Schließlich zieht er etwas hervor, was im Dunkeln zunächst wie ein langes Ofenrohr aussieht: ein RG-82-Granatwerfer. "Voll funktionsfähig, vor ein paar Wochen haben ich ein paar Runden abgefeuert", preist Rami das sowjetische Fabrikat. Verkäuflich sei sein Lieblingsstück allerdings nicht. "Bei mir kriegst Du so ziemlich alles, was tötet. Aber mein Schätzchen geb' ich nicht her."

Kalaschnikows, Pistolen, Raketenwerfer

Ramis Geschäft ist der Tod, und es läuft bestens. Seine Verkäufe liegen bei "mindestens 100 Kalaschnikows im Monat, dazu kommen Pistolen, Raketenwerfer und natürlich Munition", sagt Rami, dessen Gesicht die narbigen Andenken an diverse Scharmützel trägt. Ramis Kunden sind "zu 90 Prozent" Anhänger der libanesischen Schiiten-Miliz, in deren Hochburg Süd-Beirut er lebt. "Die Nachfrage steigt unaufhaltsam, da kann ich natürlich die Preise hochsetzen", freut sich Rami. Innerhalb kurzer Zeit sei der Preis einer Kalaschnikow von 800 auf 1200 Dollar gesprungen. "Die Kugel Munition geht für 75 statt 35 Cent über meinen Ladentisch."

Der Grund für Ramis wachsenden Umsatz ist die heikle Lage im Libanon. Mit äußerster Anspannung wartet der Zedernstaat darauf, dass ein Uno-Tribunal erste Schuldige an dem Mord des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri anklagen wird. Hariri starb 2005 zusammen mit 22 Leibwächtern und Passanten bei der Explosion einer massiven Autobombe im Zentrum von Beirut. Seine Familie und Anhänger setzten durch, dass eine Untersuchungskommission der Uno in dem Polit-Mord ermittelte. Lange galt Syrien als möglicher Drahtzieher, inzwischen ist jedoch zunehmend die von Syrien protegierte Hisbollah ins Visier der Fahnder geraten.

Hisbollah ist noch stärker geworden

Zu vermuten ist, dass die Uno-Ermittler mehrere Männer der Schiiten-Miliz des Mordes an dem Sunniten-Führer anklagen werden. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hat offen gedroht, seine Organisation werde dies nicht hinnehmen. Beobachter fürchten, die Miliz werde sich mit Waffengewalt gegen einen Versuch, Gerechtigkeit durchzusetzen, wehren. Bei einer letzten Machtprobe zwischen Anhängern des westlich orientierten Hariri und der von Iran unterstützen Hisbollah im Mai 2008 fegten die Schiiten die Milizen der Hariri-Anhänger innerhalb von Stunden von Beiruts Straßen. Die Hisbollah ist seitdem noch stärker geworden, sagen Beobachter. Sollte es zu einem erneuten Showdown kommen, werde der weit blutiger enden als die Kämpfe 2008, bei denen über 80 Menschen starben.

Über seine Abnehmer sagt Rami, sie seien besorgte Väter und Söhne, die im Ernstfalle ihre Familien schützen wollten. "Eine Waffe im Haus, das gehört im Libanon dazu wie der Fernseher oder die Couchgarnitur." Die professionellen Kämpfer der Hisbollah kauften nicht bei ihm: "Die bekommen alles gestellt."

"Die Hisbollah braucht uns Dealer nicht, die schmuggelt selbst", sagt Rami beim Gespräch in einem seiner Munitionsdepots, in dem sich die Kisten mit Kugeln für Kalaschnikows und M-16 stapeln. Zwar nutze die "Partei Gottes" dieselbe Route um ihre Waffen in den Libanon zu bringen, an Zwischenhändler wende sie sich jedoch nicht. "Die sind zu misstrauisch, wickeln das Geschäft selbst ab", sagt Rami, der kein Hehl daraus macht, dass sein Herz für die Sache der Hisbollah schlägt.

"Krieg ist mein Element"

Später führt er auf freiem Feld ein Sturmgewehr vor und erzählt, wie er 2008 für seine Partei getötet hat. "Ich hab ihn weggepustet, da war nichts mehr übrig", erzählt er mit großer Geste von einem Sunniten-Kämpfer, der sich ihm beim Häuserkampf in den Weg stellen wollte. Wenn er vom Krieg erzählt, dreht Rami auf. "Das ist mein Element", sagt er. "Ich bin geboren, um anzugreifen." Er sei vermutlich einer der wenigen Libanesen, die sich auf neue Zusammenstöße freuten, gibt er zu. "Aber nie fühlt man sich lebendiger als am Abend nach der Schlacht."

Über die Herkunft seiner Ware gibt der Händler freizügig Auskunft: Im Libanon ist es kein Geheimnis, wo Waffen herkommen, wer sie beschafft. "Alles kommt über die syrisch-libanesische Grenze im Bekaa-Tal", sagt Rami, dessen Sippe selbst aus der Gegend stammt.

Palästinenser, die seit 1948 in Flüchtlingslagern direkt an der Grenze lebten, hätten den Transport von hüben nach drüben fest in der Hand. "Die großen Fische sind alles Palästinenser. Die schmuggeln seit 60 Jahren, das ist ihnen ins Blut übergegangen."

Sind die Waffen erstmal über die Grenze, kommt Rami ins Spiel: Sein Umsatz macht ihn zum vermutlich größten privaten Waffenhändler in Beirut. Auf seinen richtigen Namen - Rami ist nur ein Alias - sind deshalb auch diverse Fahndungsgesuche ausgeschrieben. "Natürlich wissen die Staatsanwälte, wo sie mich finden", sagt Rami. "Doch die Polizei kann mich hier nicht holen - da sorgt die Hisbollah schon für."

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1. Und wir Menschen wollen die Krone der Schöpfung sein?
sukowsky, 07.05.2011
Die Hatz auf Menschen mit modernste Waffen durch Menschen und wir wollen die Krone der Schöpfung sein?
2. lol
kuriosos 09.05.2011
da steht nicht wirklich er hat ein paar runden abgefeuert, oder? der übersetzer des interviews gehört geschlagen. http://dict.leo.org/ende?lp=ende&lang=de&searchLoc=0&cmpType=relaxed&sectHdr=on&spellToler=&search=round vielleicht mag der missetäter diese seite mal aufmerksam auf alternativen untersuchen.....
3. Herr Rami...
dusterbuster 10.05.2011
...und seine Kinder werden sich wohl im Nu in "unschuldige Zivilisten" wandeln wenn ihnen eine Bombe den Garaus macht.
4. weia
Smartpatrol 10.05.2011
Zitat von kuriososda steht nicht wirklich er hat ein paar runden abgefeuert, oder? der übersetzer des interviews gehört geschlagen. http://dict.leo.org/ende?lp=ende&lang=de&searchLoc=0&cmpType=relaxed&sectHdr=on&spellToler=&search=round vielleicht mag der missetäter diese seite mal aufmerksam auf alternativen untersuchen.....
Haha, das dachte ich mir auch. Vielleicht sollte man beim Abschreiben von anderen Artikeln zumindest korrekt übersetzen. Ein weiteres Mal erntet der Online-Jjournalismus Kopfschütteln.
5. weia 2.0
sir.viver 10.05.2011
"Die Kugel Munition geht für 75 statt 35 Cent über meinen Ladentisch." Kugeln benutzt man seit der Abloesung der Vorderlader nicht mehr. Der Artikel liest sich wie ein "Lustiges Taschenbuch", fehlt nur noch die Bezeichnung "pöses Schießgewehr" um die Kindergartensprache perfekt zu machen.
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Geschichte des Libanon
Eine Chronologie der leidvollen Vergangenheit des Landes an der Mittelmeerküste:
1958: Erster Bürgerkrieg
Bis in die fünfziger Jahre gilt der 1943 von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassene Libanon als "Schweiz des Nahen Ostens". Die Wirtschaft blüht, die religiösen Gruppen leben in Frieden miteinander.

Danach jedoch prägen Turbulenzen und Gewalt die Geschichte des Landes. Der erste Bürgerkrieg bricht 1958 nach Spannungen zwischen Muslimen und Christen aus. Auf Ersuchen von Staatspräsident Camille Chamoun entsandte US-Marineinfanteristen sorgen eine zeitlang für relative Ruhe.

1968: Kairoer Abkommen
1968, ein Jahr nach dem arabisch-israelischen Sechstagekrieg, greifen Palästinenser vom Südlibanon aus immer wieder Israel an. 1969 schließen der Libanon und Palästinenserführer Jassir Arafat das Kairoer Abkommen zur Eindämmung der Guerilla-Aktivitäten.
1975 bis 1990: Zweiter Bürgerkrieg
Im Libanon herrscht Bürgerkrieg zwischen christlichen Milizen und muslimischen Verbänden. Die Folge sind schwere Verwüstungen - und 150.000 Tote. Einige der Milizen wechseln im Verlauf des Krieges die Fronten. 1976 greift die syrische Armee ein, 1978 besetzt Israel den Süden (bis zum Jahr 2000).
1982: Israelische Militäraktion
Die Israelische Militäraktion "Frieden für Galiläa" zur Zerschlagung der Palästinensische Befreiungsorganisation PLO von Jassir Arafat. Israel duldet dabei Massaker christlicher Milizen in den Palästinenserlagern Sabra und Schatila in Beirut.
1991: Syrien-Bündnis
Libanon schließt Freundschafts- und Sicherheitsabkommen mit Syrien, die dem libanesischen Nachbarland bis 2005 maßgeblichen Einfluss sichern. Aufteilung der Macht zwischen Christen und Muslimen. Unter Ministerpräsident Rafik al-Hariri, der bis 2004 mit Unterbrechungen regiert, erlebt das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung.
1993 und 1996: Angriffe Israels
Israel beantwortet Raketenbeschuss jüdischer Siedlungen mit massiven Angriffen auf Stützpunkte der schiitischen Hisbollah im Südlibanon. 2000 Abzug der israelischen Armee aus dem Südlibanon.
2005: Zedernrevolution
Ein Bombenanschlag erschüttert Beirut im Februar 2005: Das Attentat gilt Ex-Ministerpräsident Rafik al-Hariri, er stirbt. Daraufhin brechen massive Proteste gegen die syrische Präsenz los ("Zedernrevolution").

Die syrische Armee zieht schließlich ab. Doch der Libanon wird von einer neuen Attentatswelle überzogen. Zu den vielen weiteren anti-syrischen Mordopfern zählt Industrieminister Pierre Gemayel (2006).

2006 bis heute: Krieg und Regierungskrise
Im Juli und August 2006 erlebt der Libanon einen Krieg zwischen Israel und der Hisbollah mit schweren Zerstörungen und mehr als 1000 Toten. Danach sichert eine Uno-Friedenstruppe die südliche Grenze des Landes.

Sechs pro-syrische Minister treten im November 2006 zurück, es folgen Demonstrationen der Opposition und eine anhaltende Regierungskrise. Erst mit dem Doha-Versöhnungsabkommen und der Wahl von Ex-Armeechef Michel Suleiman zum Präsidenten wird die Staatskrise im Mai 2008 beendet.

Im November 2009 wird der Sohn des ermordeten Rafik al-Hariri, Saad al-Hariri, als neuer Premier vereidigt - sein pro-westliches Lager hat bei den Parlamentswahlen die Mehrheit behaupten können. An der Regierung ist auch die pro-iranische Hisbollah beteiligt. Sie bringt die Koalition schließlich zu Fall, als sie am 11. Januar 2011 erklärt, ihre Minister aus dem Kabinett abzuziehen. Der Grund: Hariri habe sich nicht von dem Uno-Tribunal distanziert, das den Mord an seinem Vater aufklären soll.

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Internationale Rüstung: Die größten Waffenschmieden und ihre Kunden

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Libanon: Tage des Zorns