Waffenhilfe USA fürchten Irans Macht im Irak

Raketenwerfer, Schusswaffen, Sprengfallen: Die USA werfen Iran vor, schiitische Militante im Irak mit Waffen und Geld auszustatten. Der Wettkampf um Einfluss ist zwischen Teheran und Washington voll entbrannt.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Heute hätte der große Tag der Offenlegung sein sollen: "Beweise" für iranische Machenschaften im Irak hatte das Weiße Haus angekündigt. Doch dann wurde die Vorführung ohne Begründung verschoben. Fürchtet die US-Regierung ein unerwünschtes Déjà-vu, fragte der US-Fernsehsender ABC. Die öffentliche Präsentation könnte zu sehr an die Darbietung des damaligen Außenministers Colin Powell 2003 vor der Uno erinnern, als er seine Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen präsentierte - die sich später als falsch erwiesen.

Milizionäre der Badr-Brigaden: Wer hat mehr Freunde im Irak?
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Milizionäre der Badr-Brigaden: Wer hat mehr Freunde im Irak?

Trotz des Rückzugs besteht kein Zweifel daran, dass die USA die Daumenschrauben gegenüber dem Erzfeind Iran angezogen haben. Dessen Streben nach mehr Einfluss im Nachbarland Irak soll offengelegt und gekontert werden. Die Amerikaner wollen nicht länger hinnehmen, was sie für gesichert halten: dass Iran einige der schiitischen Milizen im Irak ausrüstet und finanziert.

Präsident George W. Bush erklärte deswegen bereits, seine Soldaten seien autorisiert, iranische Agenten im Irak, die gegen US-Interessen agierten, gefangen zu nehmen oder gleich zu töten. Der "US News and World Report" berichtet, es solle dafür eigens eine "Task Force 16" eingerichtet werden - geformt nach dem Muster jener Sondereinheiten, die Saddam Hussein und den Qaida-Lokalchef Sarkawi suchten.

Katjuschas aus Iran?

CIA und Pentagon unterstützen die Kampagne auf ihre Weise: Sie ventilieren, dass die neueste Generation der im Irak von schiitischen Milizen eingesetzten Sprengsätze iranische Bauteile enthalte. Generalleutnant Raymon Odierno, die Nummer zwei im Irak, lässt sich von "USAToday" sogar mit der Aussage zitieren, die Iraner stellten neben einfachen Waffen auch Granatwerfer und sogar Katjuscha-Raketen zur Verfügung.

Die Adressaten der Waffen sind nach US-Ansicht einige der schlagkräftigsten schiitischen Milizen im Irak: Die "Mahdi-Miliz" des radikalen Predigers Muktada al-Sadr und die "Badr-Miliz" des an der Regierung beteiligten SCIRI, dem "Hohen Rat für die islamische Revolution im Irak". Rund 7000 Milizionäre soll al-Sadr allein in Bagdad haben, die Badr-Truppen werden landesweit auf rund 10.000 taxiert.

Iran bestreitet die Vorwürfe natürlich. Jüngst von der US-Armee im Irak festgenommene Iraner seien zwar zur Diskussion von Sicherheitsfragen in einem SCIRI-Büro gewesen, um Waffenhilfe für dessen Miliz sei es aber nicht gegangen. Dass Iran sein Engagement im Irak massiv ausweitet und dabei auch beim Sponsoring von Militanten nicht halt macht, gilt allerdings auch außerhalb der USA als gesichert. Einige Badristen und Sadristen seien mit dem Geld aus Teheran schon richtig reich geworden, berichtete kürzlich die "New York Times".

Ein Wettstreit um Verbündete

Die schiitische Waffenbruderschaft hat doppelte Bedeutung: Sie ist gedacht als Hilfe zur Verteidigung der Schiiten gegen die militanten sunnitischen Gruppen; seit gut zwei Jahren tobt im Irak praktisch ein Bürgerkrieg zwischen den beiden islamischen Konfessionen. Zum zweiten aber geht es um die Sicherung von Einfluss: Je mehr die USA im Irak an Unterstützung verlieren, desto mehr Raum öffnet sich für Iran.

Kürzlich erklärte der iranische Botschafter in Bagdad, sein Land werde eine Niederlassung der iranischen Staatsbank im Irak eröffnen. Zugleich brachte er gemeinsame irakisch-iranische Grenzpatrouillen und sogar eine "Kooperation in Sicherheitsfragen ins Spiel" - ein kaum glaubhafter Versuch, sich als konstruktiver Akteur in Szene zu setzen.

Der US-Vorwurf gegen Iran ist unterdessen nicht frei von Ironie. Denn SCIRI ist nicht nur Empfänger von Teheraner Spenden, sondern zugleich der wichtigste US-Verbündete im Irak. Der "Hohe Rat" wurde während der Herrschaft Saddam Husseins in Iran gegründet, viele seiner Politiker lebten im Exil im Mullah-Staat. Heute gibt die Organisation sich demokratisch, tritt nicht öffentlich für ein iranisches Staatsmodell ein und betont, sie sei unabhängig von Teheran. Aber die Sympathien für Iran dürften in weiten Teilen SCIRIs größer sein als die für die USA - und genau darum geht es: Um einen Wettstreit um Klienten und Verbündete zwischen Teheran und Washington.

Das Central Command der US-Armee geht nach einem Bericht des "Guardian" davon aus, dass rund 150 iranische Agenten die Interessen Teherans aktiv im Irak vertreten. Die meisten dürften im Süden agieren, der zu weiten Teilen schiitisch geprägt ist. Hier, vor allem in der Region um Basra, hat die iranische Einmischung noch eine weitere Dimension. Denn in vier Monaten werden die Briten die Hafenstadt verlassen - und die Kämpfe, die danach ausbrechen könnten, zeichnen sich bereits ab.

Füße in vielen Türen

Zwei Konfliktlinien sind zu erwarten: zwischen der schiitischen Zentralregierung in Bagdad und den lokalen schiitischen Gruppen, die Teheran besonders nahe stehen. Und zwischen der schiitischen Mehrheit und der sunnitischen Minderheit. Saudi-Arabien hat bereits angedeutet, sich für Sunniten einzusetzen, sollten sie unter Druck geraten. Angeblich schickt Riad sogar bereits Waffen - der Südirak könnte so schon bald zum Schlachtfeld für einen Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran werden, deren Interessen seit Monaten immer häufiger in Widerspruch zueinander stehen.

Der innerschiitische Zwist wird sich vor allem um die Frage der Autonomie der Region drehen: Die lokalen Schiitengruppen, die weder zu SCIRI noch zum unmittelbaren Lager al-Sadrs gehören, wünschen sich mehr Unabhängigkeit und damit einhergehend mehr Zugriff auf die Öl-Dollars. Die Zentralregierung und das eher nationalistisch-irakisch als pan-schiitisch eingestellte Sadr-Lager wollen die territoriale Einheit des Irak dagegen erhalten. Experten warnen bereits vor einem zweiten, innerschiitischen Bürgerkrieg.

Die Strategie der Iraner angesichts dieser explosiven Gemengelage scheint darin zu bestehen, in allen schiitischen Lagern des Irak einen Fuß in der Tür zu haben. Ob man in Teheran letztlich eine faktisch an Iran angelehnte Schiitenprovinz bevorzugt oder einen Gesamt-Irak, in dem man massiven Einfluss hat, ist von außen schwer zu beurteilen. Aber Irans Interesse ist nicht zwangsläufig auf einen Bürgerkrieg gerichtet. Auch ein stabiler Irak könnte Iran nutzen - so Teheran dort genug Einfluss hat.

Haben Iran und die USA also unter dem Strich sogar ein gemeinsames Interesse? Und könnte Teheran dann nicht doch ein interessanter Gesprächspartner sein, so wie es vor einigen Wochen die unabhängige Iraq Study Group vorschlug? Die US-Regierung unter George W. Bush hat sich, so scheint es, für den Moment erst einmal festgelegt: Jeder iranische Einfluss im Irak ist schlecht. Aber einen Krieg, so erklärte George W. Bush kürzlich, wolle er deswegen nicht gleich gegen Iran führen.



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