Waffen für Syrien: So rüstet Russland Assads Flugabwehr auf

Von , Moskau

Moskau ist Syriens wichtigster Waffenlieferant. Allein in diesem Jahr soll Militär-Hardware im Wert von 500 Millionen Dollar verschifft werden. Der Kreml hilft Assad, ein Luftabwehrnetz zu spannen - das kann auch westlichen Jets gefährlich werden.

Als in der vergangenen Woche der russische Waffenfrachter "Alaed" nach Murmansk abdrehte, war das eine gute Nachricht für den Westen. Seit Monaten suchen Europa und die USA nach Möglichkeiten, Syriens Despoten Baschar al-Assad den Waffennachschub aus Russland abzudrehen. Die "Alaed" hatte russische Kampfhubschrauber und Luftabwehrsysteme an Bord. Als die Fracht bekannt wurde, entzog der britische Versicherer dem Schiff den Schutz.

Die schlechte Nachricht ist: Die "Alaed" wird aller Voraussicht nach nicht das letzte russische Schiff gewesen sein, das Syriens Küste in diesem Jahr mit Waffen an Bord ansteuern wird.

Analysen des Moskauer "Centrums zur Analyse von Strategien und Technologien" (CAST), einem in der russischen Rüstungsbranche gut vernetzten Think Tank, kommen zu dem Schluss, dass allein 2012 russische Waffentransporte nach Syrien in einem Volumen von 500 Millionen Dollar ausstehen.

Russland steht international wegen seiner Unterstützung des Assad-Regimes in der Kritik. Im Februar sagte Susan Rice, US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, sie sei "angewidert, dass einige Mitglieder (des Sicherheitsrates, Anmerkung der Redaktion) uns davon abhalten, unsere Pflicht zu tun. Besonders schändlich ist es, dann auch noch Waffen zu liefern." Gemeint war Russland.

Am Donnerstag hatten Meldungen aus US-Diplomatenkreisen kurzzeitig für Verwirrung gesorgt, Russland rücke überraschend von Assad ab und signalisiere zarte Zustimmung zu einem Friedensplan. Das Dementi folgte auf dem Fuß: Außenminister Sergej Lawrow sagte, es gebe "keine abgestimmten Projekte". Russland mag Assad zwar nicht um jeden Preis stützen, bleibt aber seiner Linie treu, dass "ausländische Kräfte den Syrern keine Rezepte diktieren" sollten, wie Lawrow betonte.

Daran arbeitet Russland unterdessen auch jenseits der diplomatischen Front, mit fortgesetzten Waffenlieferungen.

Russland ist Syriens mit Abstand wichtigster Rüstungslieferant

Nach Angaben des Fachmagazins "Moscow Defense Brief" plant Russland noch im Laufe dieses Jahres die Verschiffung von Flugabwehreinheiten und einigen Kampfjets nach Syrien. Im syrischen Bürgerkrieg sind diese Waffensysteme kaum von Nutzen, im Fall einer Militärintervention könnten sie dem Westen allerdings große Sorgen bereiten.

Dabei geht es vor allem um die Auslieferung von mobilen Luftabwehrbatterien der Typen Buk-M2E, Panzir-C1 sowie Petschora-2M. Letztere wurden auch an Bord des Waffenfrachters "Alaed" vermutet. Ende 2012 will Damaskus die ersten von insgesamt zwölf MiG-29 Kampfjets in Empfang nehmen. Im Dezember einigten sich Syrien und Russlands staatlicher Waffenexporteur Rosoboronexport zudem über den Kauf von 36 Jak-130-Jets. Die zweistrahligen Maschinen sind als Ausbildungsflugzeuge deklariert, können aber auch mit Bomben und Raketen für den Luftkampf und den Beschuss von Bodenzielen ausgerüstet werden.

Russland ist Syriens mit Abstand wichtigster Rüstungslieferant. Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri bekam Syrien im Jahr 2011 291 Waffenlieferungen, davon 246 aus Russland und 45 aus Iran. Waffensysteme sowjetischer Bauart wie MiG-Kampfjets und T-72-Panzer bilden seit den siebziger Jahren das Rückgrat der syrischen Armee.

Putin sorgt sich um das letzte strategische Erbe der Sowjetunion

Moskau hat zwar in den vergangenen Jahren einige Rüstungsaufträge eingefroren oder sogar gestoppt, etwa die vereinbarte Lieferung von schweren Boden-Boden-Raketen des Typs Iskander. Auch die für eine Milliarde Dollar vereinbarte Modernisierung von rund tausend syrischen T-72-Panzern kommt offenbar nicht vom Fleck. Doch dank russischer Hilfe hat Syrien "ein sehr enges Netz aus Luftabwehrsystemen kurzer und mittlere Reichweite aufgebaut", sagt Ruslan Alijew, Rüstungsexperte des Think Tanks CAST. Dank der Lieferungen "unterscheidet sich Syriens Abwehr heute kardinal von der Libyens oder des Irak". Im Falle einer ausländischen Intervention wäre sie "eine harte Nuss" für jeden Gegner, so Alijew.

Syrien genießt in Moskau eigentlich nicht den besten Ruf als Kunde. 2005 musste Moskau Damaskus 70 Prozent seiner Rüstungsschulden erlassen, umgerechnet rund zehn Milliarden Dollar. 2011 lag Syriens Anteil an Russlands Waffenverkäufen bei nicht mehr als fünf Prozent.

Nach Alijews Überzeugung kann wirtschaftliches Kalkül Russlands Waffenlieferungen an Syrien deshalb nicht erklären. Vielmehr treibe Präsident Wladimir Putin die Furcht, mit dem Verlust des letzten Verbündeten im Nahen Osten auch das letzte strategische Erbe der Großmacht Sowjetunion zu verlieren.

Das sei der eigentliche Grund, aus dem Moskau Damaskus helfe, das Flugabwehrnetz über dem eigenen Land aufzuspannen. Moskaus Eliten seien zudem davon überzeugt, dass arabische Autokraten wie Assad verglichen mit den Islamisten das kleinere Übel darstellten.

Und: Auch persönliche Motive dürften eine Rolle spielen. "Putin kann gar nicht anders", so Alijew, "als Anteil am Schicksal seines autoritären Kollegen Assad zu nehmen."

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insgesamt 208 Beiträge
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1. Doppelmoral ahoi
Cartman 29.06.2012
Im Februar sagte Susan Rice, US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, sie sei "angewidert, dass einige Mitglieder (des Sicherheitsrates, Anmerkung der Redaktion) uns davon abhalten, unsere Pflicht zu tun. Besonders schändlich ist es, dann auch noch Waffen zu liefern." Waffen darf man also nur an die "richtigen" liefern. wer die richtigen sind sagen uns die USA...
2. Was ist schlimmer?
Stawrogin aus Berlin 29.06.2012
Was ist schlimmer: Luftabwehrsysteme zur Abwehr einer ausländischen Intervention oder hunderte Panzer zur Aufstandsbekämpfung zu liefern?
3.
Atheist_Crusader 29.06.2012
Warum tun die USA eigentlich so überrascht, ob der russischen Halsstarrigkeit? Immerhin hat man die letzten Jahrzehnte verbracht, den Nahen Osten direkt und indirekt unter Kontrolle zu bringen und überall freundliche Regimes zu installieren und unterstützen. Die USA haben die Saudis, einen Großteil der winzigen Golf-Staaten, Irak, Afghanistan und hatten bis vor einem Jahr auch Ägypten... und die tun wirklich so, als würden sie sich WUNDERN, warum die Russen an ihrem letzten Freund in der Region festhalten? Bevor man die Vorgänge in Syrien Putin in die Schuhe schiebt, sollte man sie noch Bush in die Schuhe schieben. Und seinen Wählern.
4. Naja
chris345 29.06.2012
Zitat von sysopMoskau ist Syriens wichtigster Waffenlieferant. Allein in diesem Jahr soll Militärhardware im Wert von 500 Millionen Dollar verschifft werden. Der Kreml hilft Assad, ein Luftabwehrnetz z
Wann hat denn das letzte mal ein Land einen Krieg mit diesem russischen Neuschrott gewonnen?
5. Ach je
inhabitant001 29.06.2012
Zitat von sysopMoskau ist Syriens wichtigster Waffenlieferant. Allein in diesem Jahr soll Militärhardware im Wert von 500 Millionen Dollar verschifft werden. Der Kreml hilft Assad, ein Luftabwehrnetz zu spannen - das kann auch westlichen Jets gefährlich werden.
Und? Was haben westliche Jets dort auch zu suchen? Und zum Thema Waffenlieferungen: wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen.
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Chemische Waffen in Syrien: Assads tödliche Reserve

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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