Waffenruhe im Gaza-Konflikt: Israels Presse erklärt Hamas zum Sieger

Von , Beirut

Israels Premier Netanjahu verkauft den Waffenstillstand in Nahost als persönlichen Erfolg. Die Medien im Land sehen das anders - die Ruhe im Süden des Landes sei zwar erst einmal wiederhergestellt, doch die wahren Gewinner seien andere: die Hamas und Ägyptens Präsident Mursi.

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Glaubt man Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, dann hat er mit der gerade beendeten Gaza-Offensive das Meisterstück seiner politischen Karriere hingelegt. Er habe das Schiff weise und verantwortungsbewusst durch die von dem jüngsten Sturm ausgelösten Wogen gelenkt, lobte sich Netanjahu auf der Pressekonferenz zum Waffenstillstand am Mittwoch selbst. Militärische Macht und diplomatisches Urteilsvermögen seien da zusammengekommen, so der Regierungschef.

Seine Ausführungen waren lang, sollten aber eine knappe These vermitteln: Israel hat gewonnen, und das auch, weil es so einen brillanten Premier hat. Den soll das Wahlvolk deshalb am 22. Januar doch bitte wiederwählen. "Die Militäroperation ist abgeschlossen, der Wahlkampf hat begonnen", kommentierte die Zeitung "Jerusalem Post" Netanjahus Auftritt.

Pech für ihn, dass die israelische Presse seiner Selbstbeweihräucherung nicht folgen wollte: Zwar sind sich die meisten Analysten am Morgen nach dem Ende der Operation "Säule der Verteidigung" darin einig, dass der jetzige Waffenstillstand zu begrüßen sei, weil er zumindest vorübergehend die Ruhe im Süden Israels wiederherstellen wird. Doch auf den Listen der Sieger des Waffengangs, die Zeitungen am Donnerstag drucken, taucht Netanjahus Name nicht auf. Israels Chefkommentatoren nennen stattdessen die Hamas-Führung und den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi als Profiteure des jüngsten Konflikts.

Mursi hat sich zum Staatsmann von regionaler Bedeutung gemausert

Der Muslimbruder Mursi, dessen Wahl zum Präsidenten Ägyptens die westlichen Verbündeten Kairos mit Skepsis beobachtet hatten, habe sich im Zuge dieser Krise zum Staatsmann von regionaler Bedeutung gemausert, schreibt Anschel Pfeffer in der Tageszeitung "Haaretz". Der Beweis: US-Präsident Obama habe ihn am Mittwoch, dem Tag, an dem der Waffenstillstand unter Dach und Fach gebracht wurde, gleich dreimal angerufen.

Und nicht nur das: Selbst der israelische Außenminister Avigdor Lieberman habe sich am Mittwochabend genötigt gesehen, Mursi für seine Bemühungen um eine Waffenruhe zu danken, betont Pfeffer. Das ist eine kleine Sensation: Lieberman ist wahrlich kein Freund Ägyptens und hat früher schon mal gefordert, den Assuan-Staudamm zu bombardieren und den Gaza-Streifen "wie Tschetschenien" zu behandeln.

Die Hamas-Führung hat den Analysen zufolge punkten können, indem sie eine zumindest partielle Aufhebung der Blockade des Gaza-Streifens als Klausel im Waffenstillstandsabkommen verankert habe. Allein die Tatsache, dass deren Führung trotz des dauerhaften Beschusses nicht kollabiert sei und dass ihre Raketen-Kommandos bis zum Schluss in der Lage waren, Geschosse auf Israel abzufeuern, sei angesichts der militärischen Übermacht Israels ein Erfolg.

Größter Erfolg der Islamisten sei jedoch, dass es ihnen gelungen sei, Raketen auf Tel Aviv und Jerusalem zu schießen, urteilt "Haaretz". Zudem hätten sie sich als Verhandlungspartner Israels etabliert und damit permanent als Akteur auf der politischen Bühne des Nahen Ostens positioniert.

Tatsächlich kann man argumentieren, dass die Netanjahu-Regierung es in den vergangenen drei Jahren geschafft hat, die gemäßigten Kräfte in Palästina zur Bedeutungslosigkeit zur verdammen und so der Erstarken der Hamas den Boden zu bereiten. Die Hamas sei zur stärksten Kraft in Palästina geworden, weil Netanjahu mit ihr verhandelt habe, während er die Palästinensische Autonomiebehörde mit Präsident Mahmud Abbas an der Spitze wiederholt ignoriert habe, schrieb Schimon Schiffer in "Jedioth Achronoth".

Israel macht sich die Hamas zunutze

"Vom Feind, der gestürzt werden muss, ist die Hamas zum Feind geworden, der das kleinere Übel ist", schreibt Alex Fischman im selben Blatt. Obwohl es nach wie vor offizielle Position des jüdischen Staates sei, die Hamas nicht als Gesprächs- oder Verhandlungspartner anzuerkennen, mache sich Israel die Hamas jetzt zunutze, indem man sie damit beauftragt habe, die noch radikaleren Gruppen im Gaza-Streifen in Schach zu halten. "Bis vor wenigen Tagen waren solche Gedanken Gotteslästerung," so Fischman.

Die Vereinbarung zwischen Israel und den Islamisten sieht zunächst einen Stopp aller Angriffe vor, gefolgt von Verhandlungen über einen dauerhaften Waffenstillstand. Auch sollen die Grenzübergänge zum Gaza-Streifen bald wieder geöffnet werden. Ziel ist, den Grenzverkehr für Waren und Menschen zu vereinfachen - das Gebiet steht seit Jahren unter israelischer Blockade. Die Hamas teilte mit, die Öffnung der Grenzübergänge solle 24 Stunden nach Beginn des Waffenstillstands in Kraft treten. Überwacht werden soll das Abkommen von Ägypten.

Im Gaza-Streifen gingen in der Nacht Tausende auf die Straße, um den vermeintlichen Sieg über Israel zu feiern. Ausländische Journalisten berichteten von tumultartigen Szenen, bei denen Kämpfer ganze Magazine ihrer Sturmgewehre in den Nachthimmel feuerten.

Der Chef der Hamas Chalid Maschaal erklärte in Kairo, die Regierung in Jerusalem sei mit ihrem militärischen "Abenteuer" gescheitert.

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1. Gut so!
Kalaschnikowa 22.11.2012
Zitat von sysopIsraels Premier Netanjahu verkauft den Waffenstillstand in Nahost als persönlichen Erfolg. Die Medien im Land sehen das anders - die Ruhe im Süden des Landes sei zwar erst einmal wiederhergestellt, doch die wahren Gewinner seien andere: die Hamas und Ägyptens Präsident Mursi.
Na, dann ist ja alles gut! Der Sieg der Hamas wird der Bevölkerung von Gaza sehr gut tun und ab jetzt wird in die Hände gespuckt um das Sozialprodukt zu verzehnfachen! Keine Zeit mehr für das Basteln von Raketen, keine Zeit mehr um Israel anzugreifen und keine Zeit mehr, immer den anderen die Schuld für das eigene Versagen zu geben. Alles prima!
2. Wieviel Kostet der Frieden?
m.e.k 22.11.2012
Es ist faszinierend, über was Israel und die Palästinenser verhandeln. Eigentlich sollten die Ergebnisse dieser Verhandlungen selbstverständlich sein. Ein Gebiet zu Blockieren und deren Existenz zu gefährden, sowie das man seinen Nachbar nicht mit Angst und schrecken überzieht in dem man dauernd auf Ihn Raketen schiesst. Sollte kein Gewinn für die Diplomatie sein sondern ein Selbstverständlichkeit. Die Frage ist doch warum ist diese Situation so verbohrt, dass man jede so kleine Position über Blutvergießen und Diplomatie nur erreichen kann.? Da sieht man wie die Freunde Israels und die Freunde Palästinas als Feinde entpuppen. Beide Seiten haben das Gefühl die Gerechtigkeit und das Recht für sich gepachtet zu haben, beide Seiten bekommen nie von Ihren Freunden gesagt nein Stopp bis hier hin und nicht weiter. Immer diese Solidaritätsverkündung und das aufputschen durch Waffen und Militär Hilfen. Dies verleitet die zwei Völker sich gegenseitig nur durch Blut zu rechtfertigen. Wenn der Orient und der Oxident sich einfach mal zurückhalten würden, (keine Waffen oder Gelder für beide, Dabei sind die Waffen an Israel eher das größere übel, keine Solidaritäts Bekundungen mehr, ) dann würden Sie sich schnell einigen. Ich wünsche mir Sanktionen für Israel und Palästina!!!!!!!!!
3. k.T.
Berliner42 22.11.2012
Mal sehen, wie lange die Hamas und ihre Splittergruppen sich an den Waffenstillstand hält. Lange haben sie das nie durchgehalten.
4. Ein religiöser Zickenkrieg !
iffel1 22.11.2012
Und geschadet wird nur der Zivilbevölkerung, egal welcher religiösen Zugehörigkeit.
5. Sieger?
otto_iii 22.11.2012
die wiedergegebene Einschätzung der israelischen Presse teile ich. Die Dauerblockade des Gaza-Streifens und das dauerhafte Abstempeln der dortigen gewählten Regierung als "terroristisch" musste ja mal irgendwann enden. Mit Mursi ist jetzt auch ein ägyptischer Präsident an der MAcht, der die palästinensischen Interessen zumindest ein wenig mit vertritt und notfalls auch bereit ist sich gegen die USA und Israel zu positionieren.
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Nahost-Konflikt: Kampfpause im Gaza-Streifen

Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 7,837 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

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