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Wahl-Analyse: Der Siegeszug der Puritaner

Von , New York

Der Ausgang der US-Präsidentschafts- und Kongresswahlen offenbart einen dramatischen Rechtsruck Amerikas. Dahinter steckt der Kampf um die puritanische Seele der Nation. Die Demokraten haben den jetzt verloren.

Enttäuschte Kerry-Anhänger: Verlorener Kampf um die Volksseele
AP

Enttäuschte Kerry-Anhänger: Verlorener Kampf um die Volksseele

Wer den Wahlsieg von US-Präsident George W. Bush verstehen will, dem sei ein Gespräch mit Bonnie Nottingham empfohlen. Die 63-jährige grazile Witwe lebt in Cape Charles, an der Ostküste Virginias, im alten Land der Tabakfarmer, wo sie ein Bed & Breakfast unterhält. Das Haus thront auf einer Düne, die der Familie seit dem 17. Jahrhundert gehört. Es ist ein idyllischer Winkel. Nur im Herbst, wenn der Wind vom Meer bläst, fallen die Insekten ein, dann gibt Nottingham ihren Gästen Fliegenspray zum Strand mit.

Bonnie Nottingham hat für Bush gestimmt. Obwohl sie den Irak-Krieg für einen schlimmen Fehler hält. Obwohl sie findet, dass Amerika im Ausland seine "Rechte übertritt". Obwohl sie sich um die Zukunft ihrer elf Enkelkinder sorgt. Sie hat für Bush gestimmt, weil der "meinen Werten näher steht": Familie, Patriotismus, Tradition, Stolz, der Glaube an Gott. "Ich fühle mich mit dem Mann verbunden", sagt sie.

Eine Wahl aus dem Bauch. Die "Werte", die Mrs. Nottingham aufzählt, werden sonst auch gerne als "typisch amerikanische Werte" verallgemeinert. Oder als "konservative Werte", mit dem Hinweis, die USA seien nun mal "ein konservatives Land", wie es in der langen Wahlnacht immer wieder zu hören war.

"Die liberalen Jahre sind vorbei"

Bushs Wahlsieg reicht jedoch weit über politische Etiketten hinaus, und tiefer in die Seele der Nation. Er war ein Sieg jener Werte, die seit jeher das Rückgrat Amerikas bilden, seit sich vor 400 Jahren die ersten Kolonisten auch in den weiten Wiesen niederließen, die sich bis heute hinter Bonnie Nottinghams Haus erstrecken. Er war ein Sieg der Puritaner.

Klar, auf den ersten Blick fällt das zunächst mal als politischer Rechtsruck ins Auge. Demnach ist Bushs Amerika viel konservativer, als es die Demokraten und viele Beobachter in Europa bisher wahrhaben wollten.

Bushs Doppelmehrheit, die der Stimmen und die des Electoral College, gibt ihm ein eindeutiges Mandat - nach einer Wahl, an der sich mehr Amerikaner beteiligten denn je (und prozentual mehr als 1968). Auch sein Ergebnis von 58,9 Millionen Stimmen ist ein historischer Rekord: Noch nie in der US-Geschichte hat ein Präsident so viele Stimmen auf sich vereinigen können. "Mehr als Ronald Reagans Erdrutsch von 1984", prahlte Bush-Stratege Matthew Dowd in einer E-Mail an die Wahlhelfer.

Die Republikaner jagten den Demokraten vier Sitze im Repräsentantenhaus ab und fünf Senatsposten, meist im traditionsbewussten Süden. Darunter den des Oppositionsführers Tom Daschle Das hat es seit 52 Jahren nicht gegeben. In elf Staaten gab es Referenden zum Verbot der Schwulenehe, alle fanden überwältigende Mehrheiten. Die Republikaner konsolidierten nicht nur ihre Basis, sie konsolidierten das Land. "Die liberalen Jahre Amerikas sind vorbei", resümierte ABC-Anchor Peter Jennings. "Der Rest der Welt hat das nur noch nicht mitbekommen."

Karl Roves strategisches Genie

Kirchgänger Bush: "Ratifizierung der konservativen Welle"
REUTERS

Kirchgänger Bush: "Ratifizierung der konservativen Welle"

"Dies ist eine Ratifizierung der konservativen Welle, die mit Reagan begonnen hat", sagt der Historiker Allan Lichtman von der American University. "Und ein lauter, klarer Weckruf für die Demokratische Partei." Denn die habe längst den Anschluss verpasst an das, was die meisten Amerikaner dächten und fühlten.

Sogar der letzte demokratische Held Bill Clinton wurde nach zwei Amtsjahren von dieser Welle überrollt: Seit der "Revolution" unter Newt Gingrich 1994 halten die Republikaner das Unterhaus fest im Griff. Jetzt sprechen sie hier schon wieder von einer Revolution. Doch von einer größeren, die die gesamte US-Landkarte in tiefes Rot tauchte.

All das ist das Ergebnis einer enormen Wahlkampf-Maschine - und des strategischen Genies von Präsidentenberater Karl Rove. Aber es ist noch mehr auch Ausdruck eines anderen Phänomens, das die Demokraten bei ihrer Jagd nach "Sachthemen" missachtet haben, Bush und Rove dagegen besser verstehen als viele - der Kampf um die Volksseele. Den haben die Republikaner für sich gepachtet: Die meisten Amerikaner bleiben im Herzen doch Puritaner.

Bibeltöne von der Minderheitenchefin

Kirchenbesucher Kerry: "Wir haben die Verbindung zum amerikanischen Volk verloren"
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Kirchenbesucher Kerry: "Wir haben die Verbindung zum amerikanischen Volk verloren"

Die siegreichen Bush-Anhänger, so Wähler-Umfragen, sind mehrheitlich weiße Männer, wohlhabende Familien und treue Kirchgänger. Drei Viertel aller weißen, evangelischen Christen schlugen sich auf Seiten des Präsidenten. An der Spitze des Sorgenkatalogs, der sie zur Wahl trieb, stand überraschenderweise nicht Terrorismus oder der Irak, oft nicht mal die Wirtschaft - sondern die Sorge um "moralische Wertvorstellungen", mit der jeder Fünfte sein Votum begründete.

"Wir glauben an Bush", sagte Massenprediger Jerry Falwell nach dem Wahlsieg. "Er trägt seinen Glauben offen zur Schau." So rief der gestern: "Wir werden unsere innigsten Werte von Familie und Glauben aufrecht erhalten!" Gleich drei Schlüsselwörter für die Jünger. Auch in "Swing States" wie Pennsylvania und dem Schlachtfeld Ohio - wo die Demokraten mit der Wirtschaft zu punkten hofften - stand die "Moral" bei 30 bis 40 Prozent der Bush-Wähler ganz obenan. Bei Kerry-Wählern spielte sie freilich nur eine untergeordnete Rolle. "Wir haben die Verbindung zum amerikanischen Volk verloren", klagte Nancy Pelosi, die demokratische Minderheitenführerin im Repräsentantenhaus - und übte sich schnell im neuen Dialekt Washingtons: Sie beschwor brav "die Bibel" und das "Matthäus-Evangelium".

Die "Stadt auf dem Hügel"

Edwards und Kerry nach der Aufgabe: Chancenlos gegen Dauerpredigten
AP

Edwards und Kerry nach der Aufgabe: Chancenlos gegen Dauerpredigten

Glaube ist das Samenkorn des American Dream, Kolonie und Republik wurden darauf gegründet. "Herz und Seele Amerikas sind viel stärker in der Bibel verankert, als das viele ahnen", sagt ein Bush-Anhänger im "Bible Belt", durch den man nicht fahren kann, ohne im Autoradio auf Dauerpredigten zu stoßen.

Was dazu geführt hat, wie der Literat Jonathan Raban kürzlich in einem Essay im "Guardian" nachwies, dass die USA eine "lange Tradition haben, Glaube über Fakten zu stellen". Bush lebt in dieser Tradition fort, das spricht auch aus den Worten, die sie ihm in den Mund legen, vor allem seine Chef-Ghostwriterin, die forsch-frömmelnde Karen Hughes. In seiner Parteitagsrede kam "Werte" sechsmal vor, "Gott" viermal, "Glaube" und "Gebet" je zweimal, einmal nannte er Amerika "auserwählt".

Ur-amerikanische Puritaner-Töne: Schon John Winthrop, der erste Gouverneur von Massachusetts, beschrieb sein Land 1630 als symbolische "Stadt auf dem Hügel", auf der "die Augen der Welt" lägen. Reagan belebte das Bild neu, Bush machte damit bereits 2000 Wahlkampf und fügte den Leitsatz hinzu, der seine Politik bis heute prägt: "Unsere Nation ist von Gott auserwählt und von der Geschichte beauftragt, ein Modell für die Welt zu sein." Mit dem Terror-Krieg ist die puritanische Rhetorik neu erblüht. "Die Puritaner leben!", schreibt Raban. "Als sei Amerika seit 9/11 als koloniales Neuengland-Dorf wieder aufgebaut worden."

"Der Liberalismus steckt fest"

Erschöpfter Wahlkämpfer: "Ich hoffe, dass unser Land wieder zum Frieden findet"
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Erschöpfter Wahlkämpfer: "Ich hoffe, dass unser Land wieder zum Frieden findet"

Es war Roves Meisterstück, diese tief im US-Charakter verankerten Metaphern erfolgreich für seine Partei monopolisiert zu haben. Macht- und gesellschaftspolitisch flankieren dürfte Bush das nun mit Schachzügen wie der Benennung einer christlich-konservativen Richtermehrheit am Supreme Court.

Die Demokraten sehen sich ins Fegefeuer verbannt, wo Begriffe wie "liberal", "links" und "säkular" Schimpfworte sind. Für sie war der Wahltag ein böses Erwachen. "Wir verlieren bei kulturellen Themen und sozialen Fragen an Boden", diagnostizierte Senator Christopher Dodd, obwohl er selbst in seinem Wahlkreis mit satter Zweidrittel-Mehrheit wiedergewählt wurde. "Das hat sich schon lange angedeutet." Wenn seine Partei nicht einen gemeinsamen Nenner mit den "Value"-Überzeugungen "der amerikanischen Bevölkerung" finde, "werden wir auf Jahre hinaus Probleme haben".

"Der Liberalismus in den USA ist nicht tot", beruhigt der Historiker Allan Lichtman die perplexe Linke. "Er steckt nur in den 60er Jahren fest. Er muss sich neu durchdenken."

Neues Denken fordert auch Bonnie Nottingham in Virginia. "Ich hoffe, dass unser Land wieder zum Frieden findet", sagt sie. "Wir haben in den letzten Monaten so viel darüber geredet, was in der Vergangenheit alles falsch gelaufen ist, statt darüber zu reden, was wir in der Zukunft richtig machen müssen. Ich hoffe, dass sich das jetzt ändert."

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