Labour-Kandidat Jeremy Corbyn 500-mal gegen die Partei - und bald ihr Chef?

Er saß 32 Jahre lang für Labour in den hinteren Reihen des britischen Parlaments, stimmte gegen die Parteilinie und für sozialistische Ideale. Nun steht Jeremy Corbyn kurz davor, der neue Vorsitzende zu werden.

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"Corbyn ,freut sich auf den Job'", titelt der "Daily Telegraph", "Corbyn-Revolte hat angefangen", steht auf der Aufschlagseite des "Independent". Bereits am Tag vor der Entscheidung ist für die britischen Zeitungen klar, wer der neue Labour-Parteichef wird: Jeremy Corbyn. Und tatsächlich deuten Umfragen darauf hin, dass der linke Außenseiter bei der internen Abstimmung weit vorn liegt. Doch mit Prognosen haben die Briten ja zuletzt schlechte Erfahrungen gemacht.

Auch vor den Unterhaus-Wahlen im Mai hatten die Wählerbefragungen auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Premierminister David Cameron und seinem Herausforderer Ed Miliband hingedeutet. Es kam anders: Heute regiert Cameron mit einer absoluten Mehrheit, die Labour-Partei liegt am Boden.

Miliband zog die Konsequenzen aus der schweren Niederlage und trat zurück. Seitdem ist die britische Arbeiterpartei auf der Suche - nach einem neuen Chef, nach einem neuen Programm, nach einer Lösung. Vier Kandidaten fanden sich, in einer Urwahl stimmten nun über 600.000 Mitglieder ab. Am Samstagvormittag soll das Ergebnis verkündet werden.

Nicht links genug

Ein Rückblick: Miliband setzte im Frühjahr auf eine linke Reformagenda. Er wollte das lahmende Gesundheitssystem NHS wiederbeleben, gegen Steuerhinterziehungen und den Klimawandel kämpfen und sich für den Kohleausstieg einsetzen. Er präsentierte sich als Gegenentwurf zum Konservativen Cameron - und scheiterte.

Dieses Programm war einigen Parteigenossen offenbar nicht links genug: Denn nun liegt Corbyn vorn - ein radikaler Sozialist. Der 66-Jährige scheint nicht nur mit seinem weißen Vollbart und den braunen Jacketts aus der Zeit gefallen. Auch seine Botschaft klingt wie aus den Achtzigern: Er fordert einen Schwenk nach links, den Kampf gegen die Sparpolitik und das Ende des Atomprogramms "Trident". Er will geschlossene Kohlebergwerke wieder öffnen und große Teile der Infrastruktur verstaatlichen.

Damit bleibt er sich treu: Bereits mit 16 engagierte er sich für nukleare Abrüstung. 1983 zog der Unstudierte für Labour ins Parlament ein, acht Mal in Folge konnte er seinen Sitz im Unterhaus behaupten. Als Abgeordneter stimmte er über 500-mal gegen die Parteilinie.

32 Jahre auf der hinteren Bank

Dass Corbyn nun auf einmal die Führung von Labour übernehmen soll, kommt überraschend. 32 Jahre lang hatte er es sich in den hinteren Reihen des Parlaments gemütlich gemacht und von dort aus seine Prinzipien vertreten. Nun steht er plötzlich vorn und verkündet große Ziele: "Wir verändern die Politik Großbritanniens, wir stellen die Darstellung infrage, dass nur das Individuelle zählt und sagen stattdessen, dass das Allgemeinwohl unser aller Streben ist."

Neben seiner Beliebtheit profitiert Corbyn auch von dem neuen Urwahlverfahren: Für drei Pfund konnten Nicht-Mitglieder zum "registrierten Anhänger" werden und an der Wahl zum Vorsitzenden teilnehmen. Es waren vor allem Corbynisten, die diese Gelegenheit nutzten. Auch online findet er Unterstützung: Alle 25 Sekunden werde das Hashtag #JezWeCan auf Twitter verwendet, schrieb der "Guardian" Anfang August. Mehr als 70.000-mal wurde es im vergangenen Monat genutzt.

Und was wäre die Alternative zur Corbynmania? Das sind die anderen drei Kandidaten:

  • Andy Burnham sitzt seit 2001 im Unterhaus und inszeniert sich als Durchschnittsbürger. Er fordert, dass Großbritannien in der EU bleibt. Das Rennen sei "sehr eng", schrieb er zuletzt auf Twitter.
  • Yvette Cooper sitzt seit 18 Jahren im Parlament, engagiert sich für Frauen und Familien und will Kinderarmut etwa mit kostenloser Kinderbetreuung bekämpfen.
  • Die konservative Kandidatin Liz Kendall ist erst seit 2010 Abgeordnete. Sie steht der Politik von Ex-Premier Tony Blair nahe und versteht sich als leidenschaftliche Europäerin.

Während Burnham, Cooper und Kendall dem wirtschaftsfreundlichen "New Labour" nahestehen, das Blair bis 2007 als Regierungschef vertrat, hat Corbyn nie einen Hehl daraus gemacht, dass er diese Politik verachtet. Entsprechend verzweifelt warnte Blair vor dem Kandidaten. In einem Gastbeitrag für den "Guardian" verglich er die Corbyn-Bewegung in seiner Partei mit der griechischen Syriza-Partei. Corbyns Programm nannte er eine Parallelwelt wie bei "Alice im Wunderland". Blairs Prognose: Mit Corbyn an der Spitze werde 2020 der Kampf um den Einzug in die Downing Street zum Desaster.

Mehrere Labour-Abgeordnete erklärten bereits, sie wollten das demokratische Wahlergebnis akzeptieren und - sollte Corbyn gewählt werden - ihm Zeit geben, seine Ziele zu definieren. Sie selbst wollten diese Politik jedoch nicht aktiv gestalten, zitiert sie der "Guardian". Auch Liz Kendall erklärte, sie werde dann nicht mehr in der vordersten Reihe sitzen. Andere Labour-Abgeordnete planen laut "Independent" bereits den Aufstand. Doch es gibt auch jene, die ihre Kollegen auffordern, das Wahlergebnis zu akzeptieren und Geschlossenheit zu demonstrieren.

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docker 11.09.2015
1. Wen Blair nicht mag, kann so schlecht nicht sein
"So wie die Bank of England in den vergangenen Jahren 519 Milliarden Euro zur Unterstützung britischer Geldinstitute in die Wirtschaft gepumpt hat, sollten künftig Verkehrsinfrastrukturprojekte finanziert werden. Die keynesianische Schuldenaufnahme will Corbyn allerdings erst beginnen, wenn der Staatshaushalt – voraussichtlich 2018 – wieder ausgeglichen ist. Einstweilen würden höhere Steuern für Unternehmen und superreiche Bürger die sozialen Wohltaten finanzieren, darunter auch die Abschaffung der Studiengebühren von bis zu 9000 Pfund jährlich." Zitat Frankfurter Rundschau ....man kann das Keifen und Zedern im Forum schon von Ferne her hören.
DMenakker 11.09.2015
2.
Ich hoffe Corbyn wird Labour Chef. Dann geht vielleicht auch den deutschen Sozialdemokraten ein Licht auf, dass man mit Rezepten von gestern keine Politik von morgen gestalten kann. Und wenn es nur deswegen ist, weil man nicht mehr gewält wird.
Loewe_78 11.09.2015
3.
Da hat das konservative Establishment in GB die Karre so an die Wand gefahren, dass alles zu spät ist. Dann braucht man unbedingt einen echten Sozialisten, der dann gewählt wird - und an allem Schuld ist. Weil doch der Sozialismus immer Schuld zu sein hat, wenn der Kapitalismus versagt. Anders kann ich mir den Erfolg nicht erklären.
blurps11 11.09.2015
4.
Die Wahlniederlage von Labour dem vermeintlich zu linken Wahlprogramm unter Miliband zuzuschreiben ist mindestens einfältig. Vermutlich weiss es die Autorin des Artikels auch selbst besser. Die Misere der Partei hat mit den "Siegen" von Blair angefangen und davon hat sie sich bis heute nicht erholt, im Gegenteil. Programmatisch und personell ist Labour ein Trümmerfeld. Das zeigen die anderen Kandidaten und auch der unglückliche Miliband deutlich. Die Ähnlichkeiten zur deutschen SPD sind nicht ganz zufällig. Schröder und Blair gingen voran in die "Neue Mitte" und haben damit ihre Parteien auf die Intensivstation befördert. Parteipolitisch ist das auch in ( und von ! ) der Presse immer wieder geforderte Rücken in die "Mitte" der sozialdemokratischen Parteien offensichtlich nicht besonders klug, wobei ich auch nicht wüsste, inwieweit sich SPD oder Labour in den letzten ca. 30 Jahren jemals merklich daraus entfernt hätten.
Oskar ist der Beste 11.09.2015
5. nun ja
ich wohne ja in UK und bekomme hautnah mit, was es mit Corbyn auf sich hat; zunaechst einmal ist sein Program kein Zurueck in die achtziger Jahre, sondern sozial demokratische Politik, wie sie auch die SPD bis Maerz 1999 vertreten hat. Die Verstaatllichung der Eisenbahn wird von 70% der Bevoelkerung befuerwortet, die Verstaatlichung der Energiefirmen entspricht der ueblichen Eigentuemerschaft von Energie firmen durch die Stadtwerke in Deutschland. Dann will er ein Investionsprogramm auflegen und einen Mieterschutz einfuehren (den es in UK nicht gibt). Der Grund, warum er in UK als so "hard left" eingeschaetzt wird, ist, liegt darin begruendet, dass das britische Politikradar soweit nach rechts gerueckt ist. Sein Erfolg liegt auch darin, dass die Thatcher Politik in UK seit 1979 eben nicht funktioniert: Hoechster Anteil an Kinderarmut in ganz Europa, schlechteste Krebsvorsorge, hoechste Miet und Hauspreise, miesestes Sozialleistungssystem und vor allem eine Politikergilde, die vor allem durch Medienspin glaenzt. Und nun kommt jemand daher und will ueber Inhalte reden, jemand, der keine persoenlichen Atacken reitet, jemand der mit dem Nachtbus nach Hause faehrt nach Sitzungen, jemand, der sich und seine politischen Aufassungen nicht danach richtet, was Murdock gern haette. Corbyn mag 2020 nicht der Spitzenkandidat sein der Labour Party, aber es wird eine Partei sein, die mit einem echten sozial demokratischen Program antritt...nicht das Schlechteste fuer UK und Europa.
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