Videospezial zu Erdogan Auf den Spuren des Sultans

Am Sonntag wird Recep Tayyip Erdogan in der Türkei aller Wahrscheinlichkeit nach zum Präsidenten gewählt. Warum ihn in seiner Heimat so viele Menschen lieben und was ihm seine Kritiker vorwerfen, zeigt das Videospezial von Dennis Yücel.


REUTERS

Seit elf Jahren regiert Recep Tayyip Erdogan die Türkei. An ein Ende seiner politischen Karriere denkt der 60-Jährige nicht. Nach seiner dritten Amtszeit darf er nun nicht mehr als Premierminister antreten, daher will er sich am 10. August zum Präsidenten wählen lassen.

Unter Erdogans Führung hat sich die Türkei drastisch verändert: Die alten Eliten wurden entmachtet, die Wirtschaft boomt und die konservativ-fromme Mehrheit des Landes wurde aus der Armut und politischen Sprachlosigkeit befreit. Dafür wird er geliebt und verehrt.

Auch von Friseur Yasar Ayhan, der im Istanbuler Arbeiterviertel Kasimpasa arbeitet und bis heute die Haare des Ministerpräsidenten schneidet. Der hat in Bezug um Erdogan nur eine Sorge.

DER SPIEGEL
Erdogans Wahlkampf läuft unter dem Motto "Befreiungskrieg" - in Anlehnung an Mustafa Kemals Feldzug vor 95 Jahren gegen die westlichen Alliierten, der zur Gründung der türkischen Republik führte. Erdogan reist die Orte ab, von denen jener Krieg ausging.

In der Kleinstadt Yozgat in Zentralanatolien lässt er sich bei einer Wahlveranstaltung feiern. Die Menschen skandieren seinen Namen, aus den Lautsprechern dröhnt die Hymne des Wahlkampfs - und alle singen mit: "Mann des Volkes, Recep Tayyip Erdogan".

DER SPIEGEL
Zwischen 2001 und 2011 wurden weltweit 35.000 Menschen wegen Terrorverdachts verhaftet, davon allein 12.897 in der Türkei. Besonders die sogenannten Ergenekon-Prozesse waren eine Zeit der Gesetzlosigkeit in der Türkei. Mehr als 250 Menschen wurden wegen Staatsverschwörung angeklagt: Generälen, Politikern, Juristen und Journalisten wurde vorgeworfen, einen Putsch gegen die Regierung geplant zu haben. Doch die angeblich belastenden Dokumente stellten sich oft als Fälschungen heraus.

Auch der ehemalige Oberstaatsanwalt Ilhan Cihaner wurde festgenommen und saß monatelang in Haft. Heute ist er Abgeordneter im türkischen Parlament - und einer der schärfsten Kritiker Erdogans.

DER SPIEGEL
Bis 2004 war es in der Türkei verboten, Kurdisch zu sprechen, kurdische Bücher zu lesen oder kurdische Musik zu hören. Als erster türkischer Regierungschef entschuldigte sich Erdogan für die Verbrechen an den Kurden. Die Regierung hat das Sprachverbot gelockert, die Wirtschaft in der Region gefördert, inzwischen gibt es sogar kurdischsprachiges Fernsehen.

Doch die Journalisten von Gün TV trauen dem Frieden nicht. Viele Mitarbeiter saßen wegen kritischer Berichterstattung im Gefängnis. Der Sender sei nicht frei in der Berichterstattung, sagt TV-Redakteurin Selamett Turan. "Ein einziges falsches Wort kann eine Strafe nach sich ziehen."

DER SPIEGEL
Mehr zum Thema Erdogan und die Türkei lesen Sie im neuen SPIEGEL.



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.